Kategorie: 2013-14-Amerika

  • Am Ende der Welt

    Am Ende der Welt

    161 Tage, 29.457 km, 13 Länder.

    Wir sind am Ende der Welt angekommen. Etwas anders als erwartet mit einem Motorrad, aber wir sind da.

    Es war ein gebührender Abschluss. Steve und Judy, mit denen wir die ersten km gemeinsam zurücklegen wollten, hatten ein ziemliches Pech. Mitten in der Pampa, 13okm von Punta Arenas und 3okm vor der argentinischen Grenze, aber noch immer weit weg von der nächsten Stadt, ist eine Antriebskette im Motor der Harley gerissen. Es hat fast 5h gedaurt, bis ihr Motorrad auf einem Pickup geladen wird.

    Andi und ich sind gegen 19 Uhr über die Grenze. Wir haben uns noch fast 300km durch Wind und Wetter gekämpft und sind um halb 11 Uhr abends in Ushuaia angekommen. Das Zielfoto musste bis zum nächsten Tag warten. Den Bericht im Detail gibt es in Kürze.

    Ich freue mich unheimlich. Das Ende einer schon jetzt abenteuerlichen Reise und gleichzeitig  ein Neubeginn. Ich bin schon irrsinnig gespannt, was mich – bzw. für die nächsten 3 Monate, Uns – auf der Fahrt Richtung Norden erwartet.

    Danke an meine Leser. Es steht einiges auf dem Plan und ich hoffe, dass ihr auch weiterhin dabei seid.

    Nächstes Ziel: Prudhoe Bay, Alaska … das andere Ende der Welt.

    Gruß, Jürgen.

  • Fast da

    Fast da

    12.12. – 13.12. 

    Wenn ich morgens meine vielen Schichten an Kleidung anziehe, kommt es mir vor, als würde ich mich auf einen Flug in den Weltraum vorbereiten und nicht auf eine Fahrt mit dem Motorrad. So stelle ich mich heute wieder als Spielball der Natur zur Verfügung. Ich setze erneut über nach Chile. Puerto Natales liegt nicht weit hinter der Grenze. Bei der Grenzkontrolle lasse ich schnell einen Apfel am Straßenrand verschwinden. Hatte doch glatt vergessen, dass hier alles durchsucht wird. Das Röntgen der Taschen bleibt mir diesmal erspart, aber die Dame vom Gesundheitsministerium möchte überall reinsehen und ein wenig stöbern.

    Langsam geht mir mein Bargeld aus. In Andis Gepäck befindet sich meine neue Bankomatkarte und ein paar neue USD. Die letzten Tage war es meist Mikrowellen Futter aus dem Supermarkt. Der letzte Haarschnitt liegt auch schon eine Weile zurück.

    In Puerto Natales treffe ich auf der Straße wieder mal auf zwei Österreicher, diesmal zwei Steirer, die mit ihrem umgebauten Landcruiser Pickup auch schon länger unterwegs sind. Sind auch von Norden gekommen, ihr nächstes Ziel ist auch Alaska. Die Konzentration an „Welt“-Reisenden wird immer größer. Der Flaschenhals, wenn man so sagen will, wird immer enger. Umgebaute Pickups, Wohnmobile, Motorradfahrer und Radfahrer. Viele Deutsche und Franzosen sind unterwegs, die Franzosen meist in Gruppen von zwei bis vier Fahrzeugen.

    Die Natur nimmt teilweise bizarre Formen an. Vom Wind gestaltet stehen die Bäume schief in der Landschaft, die Baumkronen zeigen alle in eine Richtung. Hellgrünes Moos hängt wie in Fetzen in den Ästen.

    14.12. Besuch aus der Heimat!

    Ich treffe am frühen Nachmittag in Punta Arenas ein. Per Mail und SMS hält mich Andi auf dem Laufenden, wo er im Moment ist. 4 Mal umsteigen, alles verläuft wie geplant. Gegen halb sieben empfange ich ihn am Flughafen.

    Die Freude ist groß, es wird gefeiert. In zwei Lokalen machen wir Sperrstunde.

    15.12.

    Am Sonntag ist Wahltag. An einem Wahltag ist es bei Gesetz verboten, Alkohol auszuschenken und zu verkaufen. Im Supermarkt sind die Regale versperrt. Auch die Restaurants haben geschlossen. Die Chinesen scheinen von diesem Gesetz ausgenommen zu sein. Wir essen daher in einem der zwei geöffneten chinesischen Restaurants und erhalten dort auch Bier. Da Andis Motorrad mit einer Woche Verspätung ankommt, überlegen wir, wie wir die Zeit am besten nutzen können. Wir entscheiden das Wichtigste für vier Tage einzupacken, den Rest im Hostel zu lassen und mit einem Motorrad Richtung Ushuaia weiter zu fahren.

    Am Vormittag fahren wir zum Fährhafen, um die Überfahrt zu reservieren. Leider werden heute nur die Tickets für die aktuelle Überfahrt verkauft. Wir sehen zu, wie sich die Fähre langsam mit Fahrzeugen und Passagieren füllt. In zwei Tagen wollen auch wir uns auf das Schiff begeben.

    Nur noch eine Barriere aus Wasser und wenige hundert Kilometer trennen mich vom „Ende der Welt“. Ich kann es kaum erwarten, anzukommen.

    16.12.

    Heute zu Fuß unterwegs. Erneut zum Fährhafen, der gute 5 km vom Hostel entfernt liegt. Wir reservieren die Überfahrt. Auf dem Rückweg sehen wir zufällig Steve und Judy, die uns mit dem Motorrad entgegenkommen. Sie möchten noch heute auf Feuerland übersetzen, Fähre geht keine, heute ist Ruhetag. Wir sehen uns morgen um 9 Uhr am Hafen wieder, wie sie mir später per mail mitteilen.

    Vielleicht mag es für den ein oder anderen seltsam klingen, aber morgen ist ein wichtiger Tag für mich auf dieser Reise.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

  • liebes Tagebuch

    liebes Tagebuch

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    Nicht viel los dieser Tage. Es sind knapp drei Wochen und etwa 2.500 km bis nach Punta Arenas. Ein Katzensprung. Die Route und die Zwischenstops stehen fest, also habe ich Zeit. Ich bleibe eine weitere Nacht in Pucón.

    25.11., 26.11.

    Heute wollte ich eigentlich abreisen. Aber manchmal sorgen andere Kreaturen dafür, dass mir auf meiner Reise nicht fad wird. Ich kontrolliere täglich in der Früh mein Bankkonto. Zurecht, wie sich heute zeigt. Irgendwo auf meiner Reise hat man meine Bankomatkarte kopiert und am Wochenende in der Dominikanischen Republik umgerechnet 750 EUR abgehoben. Dumm sind die Gauner ja auch nicht. Geld, dass am Wochenende abgehoben wird, ist erst am Montag auf dem Konto sichtbar. Also Karte sperren lassen und mit der Bank kommunizieren.

    Am nächsten Morgen erhalte ich die positive Nachricht, dass ich mein Geld mit ziemlicher Sicherheit wieder zurück bekomme. Da es ein Skimming Fall ist, ich in Chile und noch immer im Besitz meiner Bankomatkarte bin und das Geld in der Dominikanischen Republik abgehoben wurde, ist das über die Bankomatkartengesellschaft versichert. Ich bleibe somit nur auf der Gebühr für die Kartensperre sitzen. In etwa drei Wochen werde ich es wissen.

    Ich weiß nicht, wo ich lang fahre, aber die Gegend ist schön. Am Straßenrand stehen immer wieder Schilder mit „Ruta de siete Lagos“. Mir wird klar, warum die ganzen Europäer in diese Gegend gezogen sind. Weil es hier aussieht wie bei uns und auch das Klima relativ ähnlich ist. Viele deutsche Straßennamen, „Zimmer frei“, „Cafe y Kuchen“ gibt es alle paar km und in manchen Restaurants liegen deutsche Speisekarten auf. Etwa drei Stunden später komme ich in Valdivia an.

    27.11., 28.11.

    Valdivia liegt nicht direkt am Meer, sondern ein paar Kilometer Inlands, wo die Flüsse Río Calle Calle und Río Cau Cau zusammenkommen. Es gibt einen täglichen Fischmarkt an der Wasserfront, wo man den Fischern bei der Arbeit zusehen kann.

    An der Wasserfront liegen auch Mähnenrobben – auch Südamerikanische Seelöwen genannt – in der Sonne. Lt. Wikipedia werden die Tiere 2 1/2 Meter groß und etwas 300 kg schwer. Yup, das kann ich bestätigen. Sie sind ziemlich beeindruckend und ständig am streiten. Zahm wirken sie nur, wenn die großen Tiere im Fischmarkt direkt hinter den Arbeitern sitzen und ihnen die Fischköpfe direkt ins Maul geschmissen werden. Was sonst an Resten übrig bleibt wird von Möwen, Geiern und anderen Seevögeln bearbeitet.

    Es gibt ein Irish Pub in der Stadt. Hurra!

    Ich arbeite. Ernsthaft, ich arbeite tatsächlich für ungefähr zwei Stunden. Der Router – für Laien, das ist ein Gerät, über das man sich mit Mobiltelefon, Tablet oder Laptop ins Internet verbinden kann – im zweiten Stock des Hostels funktioniert nicht. Ich löse das Problem und erhalte eine freie Nacht.

    29.11.

    Gestern gab es im Hostel BBQ, Argentinian Style, auf Holzfeuer. Der Abend war lang, es gab viel Fleisch und viel Wein. Ich bin zwar zeitig auf, aber an eine Abreise ist nicht zu denken. Und die Entfernung von 350 km inkl. Grenzübertritt ist mir zu weit, um mich erst Mittags auf den Weg zu machen. Nach dem Frühstück geht es für ein paar Stunden zurück ins Bett.

    Es ist zwar äußerst gemütlich hier im Hostel, aber hoffentlich schaffe ich es morgen weg von hier. Argentinien würde auf dem Plan stehen.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

  • verreckt am Straßenrand

    verreckt am Straßenrand

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    17.11., 18.11.

    Ich verlasse Valparaiso und fahre auf kleineren Straßen ein wenig durch die Weingegend, mal on- mal off-road. Die Nacht verbringe ich in dem kleinen Städtchen Santa Cruz.

    Auf der Suche nach einer Unterkunft habe ich im Reiseführer von der LamaLodge gelesen, die von einem Österreichisch-Deutschen Gespann geführt wird – oder auch nicht. Sie soll etwa 100km östlich von Talca mitten im Wald liegen.
    Die Beschreibung auf der Homepage ist etwas dürftig: „Ungefähr 90km nach Talca überquerst du die Brücke ‚Curillinque‘. 100m nach dieser Brücke biegst du rechts ab und folgst der Straße für 16km. 4WD empfohlen, die Straße ist oft in schlechtem Zustand.“ Nun denn, die Beschreibung stimmt nicht ganz. 100m nach der Brücke ‚Curillinque‘ gibt es keine Abzweigung. Die gibt es erst 100m nach der nächsten Brücke. Eine Lodge ist nicht angeschrieben. Ich fahre die Schotterstraße entlang. Ein Kräter ist dabei, sie umzupflügen, aber statt besser wird es nur schlechter.
    Kaum zu glauben, nach 16km gibt es mitten in der Pampa tatsächlich eine LamaLodge, auch Lamas sind da, nur sonst niemand. Einfach so auftauchen ist wohl nicht. Also fahre ich wieder auf die Hauptstraße zurück. Wie ich später rausfinde, wollte ich hier eigentlich gar nicht hin. Hier ist einfach nur eine Berghütte die auch zum Hostel gehört. Das Hostel ist komplett woanders nur wenige km von Talca entfernt.
    Ich habe keine Lust nach Talca zurückzufahren und dort nach einer Unterkunft zu suchen. Zur Sicherheit habe ich bei der Herfahrt schon die Augen offen gehalten. Entlang der Straße gibt es eine Raststation mit einem kleinen Shop, einem Restaurant und ein paar Cabanas.
    Ich halte und frage, was die Nacht kostet. Die Dame überlegt lange. „Wie viel kann ich wohl verlangen, damit er nicht weiterfährt?“ 8.000 CLP / 12 EUR. Das geht in Ordnung. Einzelzimmer, Badezimmer, wenn auch nur kaltwasser und Kabelfernsehen.

    19.11.,20.11.

    Ich nehme ein sehr schnelle kalte Dusche und bin um 8:00 bereit abzufahren. Ich steige auf das Motorrad und betätige den Startknopf … nichts passiert. Was ist los? Die Nacht war kalt, wahrscheinlich hat die Batterie etwas abgekommen. Ich schiebe das Motorrad in die Sonne und warte. Vielleicht hilft etwas Wärme. Leider Nein. Ich nehme die Verkleidung ab und kontrolliere Wasser und Kontakte. Hilft alles nichts. Nicht mal ein klägliches klackern, wenn ich den Startschalter betätige.

    Schon in einem meiner letzten Beiträge habe ich mich gewundert, dass die Batterie noch keine Probleme gemacht hat. Ich bin bloß froh, dass mir das nicht mitten im Wald passiert ist.

    In der Pension bitte ich um Hilfe. Der Inhaber kommt mit seinem großen Pickup-Truck angefahren, um mit seiner großen Batterie meiner kleinen Batterie Starthilfe zu geben. Ich denke: „Wenn, dann gleich richtig. Vielleicht schießt er mir gleich alle Sicherungen durch.“ Aber das Motorrad startet. Ich fahre ein paar Kilometer, um die Batterie etwas zu laden, merke aber bald, dass etwas nicht stimmt. Die Instrumente spielen verrückt. Der Drehzahlmesser schießt hoch, die Lichter blinken wie auf einem Christbaum, die Einspritzung funktioniert nicht, das Motorrad bockt. „Hervorragend!“
    Ich fahre zurück zur Pension und bepacke das Motorrad. Der Inhaber gibt mir noch einmal Starthilfe und ich hoffe bloß, dass ich es die 70km zurück nach Talca zu einem Mechaniker schaffe.

    Nach ein paar Kilometern beginnen die Instrumente wieder verrückt zu spielen, das Motorrad bockt erneut und hat Aussetzer. Nach ungefähr 15km verreckt es am Straßenrand. Ich schreie laut und wütend in meinen Helm. Hier gibt es vier oder fünf Häuser. Dort wo mein Motorrad aufgegeben hat, steht ein Einheimischer, José, in seinem Garten. Ich bitte ihn um Hilfe.

    Er sagt, er kennt einen Mechaniker und telefoniert rum. Während wir warten, plaudern wir ein wenig, soweit es mein spanisch zulässt. Er erzählt mir von Chile, dass im Moment ein großer wirtschaftlicher Aufschwung stattfindet, dass es in der Atacama viele Rohstoffe und Minen gibt und auch hier Gold und Uran abgebaut wird. Ich erzähle von meiner Reise und von mir.

    Mechaniker kommt keiner, auch nicht nach 1 1/2 Stunden und nachdem José mehrmals versucht hat, ihn zu erreichen. Dann meint er, es ist wahrscheinlich besser einen Wagen zu organisieren und das Motorrad ungefähr 15 km weiter zu einem Mechaniker zu transportieren. Ich stimme zu .. welche Option hätte ich denn sonst? José schwingt sich auf sein Fahrrad und fährt los .. und ich .. ich warte.
    Nach ungefähr einer Stunde kommt José mit einem alten gelben Pickup, einem Fahrer, der noch viel älter ist, und zwei jungen Burschen zurück. Ich entlade das Motorrad und wir packen es über eine Rampe auf die Ladefläche des Pickups. Bei langsamer Fahrt zum Mechaniker kann ich die Landschaft genießen, das grüne Tal, vorbei am Lake Colbun mit dem wunderbar türkisen Wasser.

    Wir erreichen ein kleines Dorf, eher eine Ansammlung von Häusern und halten bei einem Mechaniker an. Zu sechst heben wir das Motorrad vom Pickup und schieben es in den Hof. Da stecke ich irgendwo und gebe mir Mühe zu kommunizieren. Die Werkstatt gehört Mauricio und seiner Frau Laura, sie sind etwa Mitte 30 und haben einen kleinen Sohn Joaquin, etwa 6 Jahre. Unterstützt wird Mauricio von seinem Bruder Santiago. Die Familie ist vor etwa 8 Monaten in dieses Dorf gezogen. Seit 6 Monaten haben sie das Grundstück. Das Haus ist eine einfache Holzhütte. Langsam mauern sie ein Haus drumherum.

    Mauricio und seine Familie sind herzensgute Menschen. „Tranquillo“ (Ganz ruhig) bekomme ich in den 26 Stunden, die ich hier verbringe, oft von Mauricio zu hören. Mauricio bedient noch ein paar Kunden, er sieht unter Motorhauben und repariert Kleinigkeiten, ich warte. Dann sieht er mein Motorrad an. Ich erkläre das Problem. Mauricio stellt fest, dass die Batterie kaputt ist.

    Mit Santiago fahre ich nach Talca, die nächste größere Stadt, etwa 40km entfernt, um eine neue Batterie zu kaufen. Das ist etwas schwierig, weil die Pole bei den Batterien, die lagernd sind, seitenverkehrt angebracht sind und somit nicht in mein Motorrad passen. Wir laufen durch mehrere Läden. Ein Händler kann die Batterie erst am nächsten Tag anbieten. Mit weiterfahren wird es heute also nichts mehr. Auf der Rückfahrt frage ich Santiago, ob es in dem Dorf Unterkunft gibt. Nein gibt es nicht, aber er fragt seinen Bruder, ob der jemand kennt.

    Zurück im Dorf heißt es: „Tranquillo, das machen wir schon. Wir essen jetzt mal zu Abend, ich habe noch etwas zu tun, dann sehen wir weiter.“ So esse ich mit Mauricio, Laura, Santiago und Joaquin zu Abend. Draußen an einem kleinen Holztisch, der fast zu zerbrechen droht, erhalte ich einen Riesenteller Linsen mit Wurst. Mauricio arbeitet, bis es dunkel wird. Er ist ein Tausendsassa, sieht unter die Motorhaube, analysiert, erkennt jedes Problem und behebt es in wenigen Minuten. Laura erzählt mir, dass die Leute aus der ganzen Gegend zu ihm kommen. Während Mauricio und sein Bruder arbeiten, unterhalte ich mich mit Laura. Erzähle woher ich komme, über Österreich, über meine Reise, … .

    Etwas später am Abend kommen Verwandte vorbei. Ich kann bei ihnen übernachten. Nachdem Mauricio mit seiner Arbeit fertig ist, fahren wir zu den Verwandten. Es wird ein weiteres Mal zu Abend gegessen. Im Fernseher läuft das Fußballspiel Brasilien gegen Chile. Chile verliert 2:1. Ich darf in einem der Betten im Zimmer der Söhne übernachten. Nachdem wir am nächsten Tag gefrühstückt haben, zeige ich im Internet noch woher ich komme und ein paar Dinge über Österreich. Bevor wir zu Mauricios Heim und Werkstatt fahren, verabschiede mich bei der Familie und möchte etwas Geld zurücklassen, werde aber daran gehindert.

    Bei Mauricio kommen immer wieder Leute mit ihren Autos vorbei, oft sind es nur kleine Probleme. Ich sitze im Hof und sehe zu. Während die Leute darauf warten, dass Mauricio und Santiago das Problem beheben, umringen sie mich und fragen mich aus. Ich werde von jedem verabschiedet, per Handschlag, teilweise mit einer Umarmung, man wünscht mir eine gute Reise. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich so eine Herzlichkeit von fremden Personen erlebt habe, die ich gerade mal für ein paar Minuten kennengelernt habe.

    Am frühen Nachmittag holen Santiago und ich die Batterie von Talca. Wir bauen zuerst nur mal die Batterie in das Motorrad ein und prüfen, ob alles funktioniert. Tadellos. Das Motorrad läuft und liefert Strom. „Tranquillo, jetzt essen wir mal und dann machen wir das Motorrad fertig.“ So esse ich ein weiteres mal mit der Familie, diesmal einen Riesen Teller Spaghetti. Mauricio freut sich unheimlich, dass er an einer BMW rumschrauben darf. Unser Treffen ist sowohl für mich, als auch für die Familie ein Ereignis. Laura fotografiert ihn, wie er die Batterie einbaut, alles anschließt und prüft. Während Laura und Mauricio Joaquin von der Schule abholen, bepacke ich das Motorrad und mache mich für die Abfahrt bereit. Ich frage, was ich schuldig bin. Mauricio möchte nichts haben. Das kriege ich nicht übers Herz. Ich wurde aufgenommen und verpflegt, man hat mir Unterkunft gegeben. Mit dem Vorwand aufs Klo zu müssen, gehe ich noch mal ins „Haus“ zurück und lasse etwas Geld liegen. Wir tauschen Kontaktdaten aus, machen noch ein paar Fotos und verabschieden uns herzlich.

    Am späten Nachmittag fahre ich noch gut 300km. In einem Wintersportort etwa 70km östlich von Chillán mache ich Stop. In der Übergangszeit ist absolut nichts los. Der Schnee ist weg, die Wintergäste ebenso, das Wetter ist noch kalt, die Sommergäste lassen noch auf sich warten. Alles läuft auf Sparflamme. Die meisten Geschäfte und Unterkünfte sind geschlossen. Im großen Hostel gibt es nur zwei Bedienstete, die arbeiten. Erneut komme ich mir vor, wie im Film „Shining“.

    21.11.

    Heute bleibe ich weitgehend auf der Panamericana und übernachte in Temuco, einer größeren Stadt, der Infrastruktur wegen. Ich habe zu wenig lange Socken für das kalte Wetter und auf das Postamt muss ich auch.

    22.11., 23.11.

    Ein 400km „Tagesausflug“ über Lonquimay nach Pucón. Nach einer kurzen Pause, wieder auf einer Schotterstraße bei der Abzweigung zum Vulkan Lonquimay, möchte ich das Motorrad starten. Geht nicht! Ich kriege einen Riesen Schreck. Jürgen du Depp! Seitenständer hochklappen!
    Nach Lonquimay biege ich rechts ab auf die 181, danach die R-95-S und S61. Es ist eine hervorragende Strecke durch eine wunderbare Landschaft. Gut 150km auf weitgehend guten Schotterstraßen, auf denen man ab und zu auch mal 80 km/h dahin brettern kann, im Rückspiegel eine Staubwolke und ich werde vom Gegenverkehr eingestaubt. Der feine Staub kriecht in jede Ritze.

    Es scheint gerade eine Oldtimer Rallye stattzufinden. Bei einer kurzen Pause rast ein Wagen an mir vorbei. Ich versuche ihn einzuholen, verliere ihn aber in einem Dorf, sehe dafür einen anderen und Organisationsfahrzeuge. Ich drehe ein paar Runden und versuche mehr zu finden. Es gelingt mir aber nicht und ich fahre weiter.

    Pucón ist ein totales Touristen Dorf. Hostels und Tourorganisatoren an jeder Ecke. Es liegt am Villarrica See und es gibt den nahen Vulkan Villarrica. Aber ich brauche mal wieder Gleichgesinnte zum Unterhalten.
    Im Hostel treffe ich auf ein irisches Mädchen, das ich schon in La Serena getroffen habe. Bei einem Spaziergang durch die Stadt treffe ich eine Holländerin, die ebenfalls in La Serena im Hostel war.

    Als ich vorm Hostel mein Motorrad entlade, bleibt ein Österreicher aus der Nähe von Braunau stehen. Er lebt seit gut 20 Jahren hier und verbringt jeweils den nödlichen Sommer in Österreich und den südlichen Sommer hier in Chile. Bevor er weitergeht, sagt er: Morgen wird es regnen. Er erkennt es an den Wolken und sollte recht behalten. Heute regnet es.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.P.S. Nicht jede Reise endet glücklich. Lauren und Adrian aus Australien, die ich in Bogota am Flughafen getroffen habe, wurde das Motorrad in San Carlos de Bariloche in Argentinien gestohlen. Nachdem die Diebe vergeblich versucht haben das Motorrad anzulaufen, haben sie es etwa 1 1/2 km weiter in den Straßengraben geworfen. Leider war das Motorrad auf eine Art beschädigt, dass eine Reparatur zu lange gedauert hätte. Lauren und Adrian waren 11 Tage vor Ushuaia und ein paar Tage mehr vor Buenos Aires und wären in Kürze nach Hause gereist.

  • erholsame Tage in La Serena und Valparaiso

    erholsame Tage in La Serena und Valparaiso

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    12.11.

    Ich hänge einen weiteren Tag in La Serena an. Das Hostel ist gemütlich, La Serena ebenso.
    An einem der Tage versuche ich einen Ausflug nach Vicuña zu machen. Das Dorf liegt im Elqui Tal. Ein paar km vor dem Dorf geht es nicht mehr weiter. Erntearbeiter machen einen Aufstand. In dieser Gegend wird Obst angebaut, Orangen, Mandarinen, Wein. Soweit ich das verstehe, geht es um schlechte Arbeitsbedingungen und Löhne. Die Straße ist mit einer Feuerwand gesperrt. Ich fahre Off-Road einen Umweg nach La Serena zurück und versuche, zu zwei Observatorien zu gelangen. Geht nicht, die Straßen dorthin sind versperrt. Rund um La Serena befinden sich ein paar dieser Sternegucker Stationen und man kann Touren buchen.

    Ich genieße die paar Tage in La Serena. In einem Cafe aus dem Fenster gucken und die Leute beobachten, faulenzen, durch die Straßen spazieren. War schon lange nicht mehr der Fall, dass ich so lange an einem Ort geblieben bin. Zuletzt in Bogota vor ca. 6 Wochen, wo ich 5 Tage war und in Quito für 3 Nächte. Sonst nur jeweils 1 oder 2 Nächte. Ich bin seit 4 Monaten unterwegs. Als ich in Australien war, bin ich mir nach ungefähr 3 Monaten vorgekommen, als wäre ich auf der Flucht, ständig woanders. Hier hat sich dieses Gefühl noch nicht eingestellt. Vielleicht weil ich ein Ziel bzw. mehrere Ziele habe. Trotzdem tut es gut, auch mal 4, 5 Nächte an einem Ort zu bleiben.

    13.11. – 16.11.

    Auf dem Weg nach Valparaiso verlasse ich die Atacama. Die Strecken mögen lange und öde gewesen sein, nichtsdestotrotz war es ein außergewöhnliches Erlebnis, durch die riesige Wüste zu fahren. Die karge Vegetation, kein Schatten wo man Zuflucht suchen könnte und bloß ein paar Geier, die in der Luft ihre Kreise gezogen haben. Die großen Distanzen zwischen den Dörfern und Städten. Die unterschiedlichen Farben und die Beschaffenheit, sandig, steinig, erdig, gelb-grau, braun und rot und oft sehr kalt … .
    Langsam nimmt die Vegetation Überhand. Zuerst sind es kleine Büsche, die die Landschaft sprenkeln. Die Bäume werden höher und mehr und Gras bedeckt den Boden.

    Noch am selben Tag, gleich nach meiner Ankunft in Valparaiso, bringe ich das Motorrad zum BMW Händler in Viña del Mar. Nach ungefähr 25.000 km und den vielen Off-Road Fahrten in Peru verdient auch das Motorrad ein wenig Pflege. Ein neuer Hinterreifen, neuer Kettensatz, Kupplung und Bremse korrigieren und andere Kleinigkeiten.

    Der Stadtkern von Valparaiso ist Weltkulturerbe. Die Großteils alten Häuser schmiegen sich an die Berghänge und in die kleinen Täler. Enge steile Straßen und Gassen ziehen sich durch die Stadt. Graffitis fast an jeder Hauswand. Stiegen und Gässchen führen durch das Häuserlabyrinth. Viele der Häuser sind nur zu Fuß zu erreichen. Die meisten der berühmten Aufzüge sind leider außer Betrieb. Und leider ist es in den kleinen Hintergassen oft auch sehr schmutzig, Müll liegt beinahe überall herum. Ein Gewusel an Leuten und Autos quält sich durch die Straßen.

    Viña del Mar, die Nachbarstadt ist das komplette Gegenteil. Neu, modern, breite Straßen, mehr Platz, ein schöner Badestrand und mir scheint ein wenig relaxter als Valparaiso. Beide Stadtteile haben ihren Charme.

    Weltkulturerbe zu sein muss nicht immer von Vorteil sein. Das heißt nämlich, man darf so gut wie gar nichts an der Bausubstanz verändern. Die Häuser sind alt, sehr alt. Jedes mal, wenn der Nachbar im Hostel die Wasserleitung aufdreht, hört es sich an, als würde Chewbacca aus Star Wars sprechen.

    Am letzten Tag in Valparaiso bin ich am Ausguck nahe dem Museo Naval y Maritime. Von dort hat man eine gute Aussicht auf den Frachthafen. Ich beobachte lange das geschäftige Treiben. Ein größeres Frachtschiff nähert sich. Ich denke: Cool, so etwas kriegt man auch nicht alle Tage zu sehen. Mit Hilfe dieser kleinen Dampfer wird es in den Hafen gebracht. Dann denke ich: Warte mal, der Name des Schiffes kommt mir bekannt vor. Ein paar Tage zuvor hat mir Andi eine Mail geschrieben. Irgendwo in einem der vielen Container ist sein Motorrad verstaut und wartet darauf, nach Punta Arenas geliefert zu werden.

    Morgen fahre ich weiter. Noch 4 Wochen, um mein erstes Ziel zu erreichen.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

  • durch die Wüste

    durch die Wüste

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    „Durch die Wüste“, so hat einst ein Roman von Karl May geheißen. Aber der spielt irgendwo im arabischen Raum.

    02.11., 03.11.

    Auf den letzten 1.000 Kilometern Richtung chilenischer Grenze hat mich der Wind weiterhin fest in Griff. Ich kriege dann auch noch einen Schreck, wie sehr sich der Seiten- und Gegenwind auf den Treibstoffverbrauch auswirken. Bei 290 km blinkt die Reserveleuchte auf. Ich beginne zu rechnen. 290 km, 13,3 Liter, das sind knapp 4,6 Liter auf 100km, gegenüber 3,5 im Schnitt. Mein GPS zeigt erst in 109 km wieder eine Tankstelle. Ich habe 4 Liter Reserve. Man muss kein Mathematiker sein, um zu sehen, dass es hier ein Problem geben könnte. Umdrehen? Die letzte Tankstelle liegt gut 30km zurück. Ich reduziere die Geschwindigkeit und fahre weiter. Zum Glück haben sie zwischendurch noch ein Dorf hingesetzt, wo ich wieder auffüllen kann.

    Der Wind ist ein ständiger unberechenbarer Feind, gegen den man ankämpft. Zeitweise zieht dir eine Windböe das Motorrad regelrecht unterm Hintern weg. Du liegst in der Kurve und wirst mit einem Schlag weiter nach unten gedrückt oder stemmst dich dagegen und plötzlich ist der Widerstand weg. Du wirst nach außen an den Straßenrand oder in die Straßenmitte getrieben.

    Zwischen den endlosen Strecken in der Wüste gerät man manchmal durch kleine und größere Dörfer. Sie sind wie Inseln in einem Meer aus Sand. Dort, wo sich Flüsse von den Bergen in hunderttausenden von Jahren einen Weg zum Meer gebahnt haben, haben sich grüne Oasen gebildet.

    Ich bin gut unterwegs und entscheide mich am frühen Nachmittag, noch nach Chile zu übersetzen. Die Grenzformalitäten sind bald erledigt. Nur die zwei Äpfel, die ich in meiner Tasche verstaut habe, sorgen für Verzögerung. Meine Taschen werden geröntgt. Man darf keine offenen Lebensmittel importieren. Ich muss ein Formular ausfüllen. Die zwei Äpfel werden gewogen, alles wird peinlich im Computer erfasst und dann werden sie im Müll entsorgt.

    Peru hat mich zeitweise ganz schön gefordert, hoch oben in den Bergen bei eisiger Kälte und bei anspruchsvollen kurvigen Bergstraßen. Ich bin schon gespannt, was Chile für mich bereit hält.

    Chile:
    Das vorletzte Land auf dem Weg nach Süden. Es gibt einen Zeitsprung um zwei Stunden nach vorne, der Abstand nach Hause verringert sich auf aktuell vier Stunden. Dafür wird es abends erst später dunkel. Das bringt mein Zeitgefühl die ersten Tage etwas durcheinander. Ich bin gewohnt, dass es um 19 Uhr stockfinster ist.

    Arica liegt gleich hinter der Grenze, wo ich dann auch die erste Nacht verbringe. Die Herbergssuche ist etwas mühsam, aber schließlich finde ich doch etwas günstigeres. Die Preise sind in den nördlichen Städten vorwiegend auf Business Kunden ausgerichtet und kosten so ab 40 EUR aufwärts. Die Preise sind in Chile europäisch. Ich werde das die nächsten Tage noch zu spüren bekommen.

    04.11.

    Wüste, Wüste, Atacama Wüste. Hier oben im Norden von Chile gibt es Sand zu Hauf. Ein riesiges Katzenklo. Tankstellen sucht man auf der Panamericana im Norden vergebens. Mit dem letzten Tropfen Benzin komme ich in Iquique an. Man befindet sich auf etwa 600m Seehöhe, wenn man sich Iquique nähert. Die Fahrt runter zum Meer bietet einen atemberaubenden Blick auf die Stadt, die von einer riesigen Sanddüne überragt wird.

    Ich kann es kaum fassen. Endlich erhalte ich in einem Baumarkt destilliertes Wasser für meine Batterie. Jawohl, ein Baumarkt. Seit den USA habe ich keinen Baumarkt mehr gesehen. Ich habe mich schon gewundert, dass die Batterie noch keine Probleme gemacht hat und schütte gut 1/8l Wasser in meine Batterie.
    Wie oft habe ich unterwegs an Motorradshops und Batteriegeschäften gefragt. Der letzte wollte mir Batteriesäure andrehen. Wann immer ich gesagt habe, ich benötige Wasser für meine Batterie, haben sie mich blöd angeguckt. Destilliertes Wasser unbekannt. Gerade in Zentral und Südamerika, wo so viele Motorräder unterwegs sind. Ich verstehe es nicht.
    Im Baumarkt erhalte ich auch Ducttape. Ein Kumpel hat mal geschrieben „Ducttape fixes everything“. Ich bin gespannt, ob sich damit auch die Löcher in meinen Koffern dicht-fixen lassen.

    05.11.

    Tag 2 in Iquique. Arbeitstag. Fast 4 Stunden verbringe ich damit über Fernwartung zu Hause ein paar Rechner auf aktuellen Stand zu bringen. Schließlich bin ich nicht zum Vergnügen hier. Ein wenig plaudern mit Familie und Freunden.

    Essen, Sightseeing, planen der nächsten Tage, Kontakt mit BMW in Valparaiso aufnehmen – zwecks Service. Meine Lady verlangt nach einem neuen Hinterschuh und auch sonst schreit sie nach etwas Pflege.

    06.11.

    Gut 500km nach San Pedro de Atacama. Das Dörfchen ist äußerst touristisch. Auf einen Einheimischen dürften 20 Touristen kommen. Das Dorf befindet sich quasi mitten im Nirgendwo. In der Umgebung gibt es einige naturelle Sehenswürdigkeiten. Mir ist es etwas zu touristisch. Nachdem ich mich durch mehrere Hostels gefragt habe, erhalte ich für eine Nacht ein Bett in einem Dorm.
    In Peru habe ich mal drei Holländer am Straßenrand getroffen. Sie haben mir erzählt, dass sie zu einer Gruppe von 27 Personen gehören, die für 50 Tage über eine organisierte Tour von Ecuador nach Punta Arenas unterwegs sind. Als ich durch San Pedro spaziere, sehe ich sie alle in einem Hostal stehen.

    07.11.

    Am Morgen fahre ich zum Salar de Atacama, einem Salzsee etwa 40km von San Pedro entfernt, dort gibt es angeblich Flamencos zu sehen. Ein paar staken tatsächlich im Wasser in der bizarren Landschaft herum. Danach mache ich mich auf den Weg Richtung Antofagasta. Manchmal nicke ich auf den langen geraden Strecken für mehrere Minuten ein.

    Bergbau ist hier in der Atacama der dominierende Wirtschaftszweig. Viele Straßenschilder geben die Richtung zu Minen an. In der ganzen Atacama dürften schon seit langem Rohstoffe abgebaut werden. Auf manchen Schildern wird auf historische Minen und Siedlungen hingewiesen. Manche datieren gut 150 Jahre zurück. Manchmal sind Geisterdörfer abseits der Panamericana zu sehen. Oft sind die Häuser verschwunden, nur die Friedhöfe sind noch vorhanden, in denen die eisernen Kreuze vor sich hin rosten.

    Antofagosta ist nicht gerade ein Perle. In der Stadt finden sich viele Titty-Bars – „Girls and Beer“. Wohl um die Minenarbeiter um ihren Verdienst zu bringen. Auf dem Weg ins Zentrum werde ich von einem heruntergekommenen Typen angehalten. Er spricht perfekt englisch und hat nur noch wenige Zähne im Mund. Erzählt mir, dass er kein Geld möchte, nur Englisch üben. Er hat 10 Jahre in den USA gelebt, aber hier spricht leider keiner Englisch und er freut sich, wenn er zwischendurch mal englisch sprechen kann. Er erzählt mir, wie gut es Chile geht, weil sie Kupfer haben. Bei ihm ist dieser Wohlstand noch nicht angekommen. Er betont immer wieder, dass er kein Geld möchte, aber wir könnten ein Bier trinken gehen … Ich ziehe weiter.

    08.11.

    Keine Änderung in Sicht. Weiterhin Wüste soweit das Auge blicken kann.
    Ich war ja schon äußerst beeindruckt vom australischen Outback, aber die Atacama stellt eine neue Dimension dar. Seit Tagen fahre ich nur durch Wüste, zwischen 400 und 500 km pro Tag, was ziemlich mühsam ist. Vielleicht fahre ich ja auch im Kreis, was ich mir angesichts der langen geraden Strecken nicht vorstellen kann.

    Vor Caldera zweige ich in den Nationalpark Pan de Azúcar ab und fahre die letzten 100 km die Küste entlang. Endlich etwas Abwechslung.

    Chile ist verdammt teuer – vor allem Hotels, europäische Preise hier. Von Zentral- und bis jetzt Südamerika war ich gewohnt, dass ich im Durchschnitt mit ca. 30 EUR pro Tag über die Runden komme – Essen, Tanken, Unterkunft. Hier habe ich zu tun, dass ich mit meinem ursprünglichen Tagesbudget zurecht komme.

    09.11.

    Bewölkt und bei kaltem Wetter mache ich mich auf den Weg nach La Serena.
    Die Panamericana hat viele Opfer gefordert. Sie gleicht beinahe einem langen Friedhof. Die Toten werden mit Gedenkstätten geehrt, die manchmal sehr kreativ gestaltet sind. Aber es wird investiert. Ein Großteil der Panamericana in Chile befindet sich in neuem erstklassigen Zustand. In ein bis zwei Jahren kann man hier mit dem Formel 1 Wagen durchfahren.

    Wer der Meinung ist, dass es hier warm ist, täuscht sich gewaltig. Die Sonne braucht am Morgen ungefähr bis halb 11, bis sie den Dunst vertrieben hat. Bis dahin ist es saukalt. Warm ist es nur weiter Inlands, zwischen 2.000 und 2.500m Seehöhe, dort wo die Berge beginnen. Es ist heiß, wenn man steht. Befindet man sich in Bewegung, ist es empfindlich kalt. Noch kälter wird es, sobald man sich dem Meer nähert. Ich trage beim Fahren fast immer Pullover, Innenfutter und Gesichtsmaske.

    Nachdem ich in den letzten 7 Tagen so um die 3.000 km zurückgelegt habe, mache ich für drei Nächte Rast in La Serena.

    10.11.

    Guten Morgen. Es tut gut, mal nicht aufstehen zu müssen, um aufs Bike zu steigen. Und da es regnet, muss ich nicht mal nach einer Ausrede suchen. Das Hostel wir von Deutschen betrieben. Der Eigentümer erzählt mir später, dass es in den 18 Jahren, wo sie in Chile sind, im November noch nie geregnet hat.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.Diesmal im Album:
    – endlose Straßen
    – Gesichter der Wüste
    – Verehrung der Toten
    – … und andere Sachen

     

  • Höhen und Tiefen

    Höhen und Tiefen

    Album

    26.10., 27.10., 28.10.

    Caraz – Huanuco – Huancayo. 750km

    Ich bin diesmal zwar besser vorbereitet als beim letzten Mal, habe alles griffbereit, Socken, T-Shirts, Gesichtsmaske, kalt und beschissen wird es trotzdem.

    Gut die Hälfte der Strecke, z.B. Cerro de Pasco nach Junin und weiter, führt auf weiten Hochebenen, zwischen 4.000 und 4.500 Höhenmetern dahin. Es regnet, der Wind weht kalt. Es ist ein Graus bei diesen Bedingungen zu fahren. Es ist Regenzeit in den Bergen, die von Oktober bis einschließlich März dauert.

    In Huanuco gehe ich am Abend noch zum Bäcker. Ich möchte ein paar Kleinigkeiten kaufen. Ich zeige mit meinen Fingern, dass ich 2 Stück von einem Gebäck haben möchte. Die Dame hinter dem Tresen beginnt einzupacken.

    Ich zeige nochmal 2.

    Sie: Si, 2 Soles.

    Ich: Nein, 2 Stück.

    Sie: Si, 2 Soles.

    Bringt nichts. Ich halte den Mund und sehe zu wie sie unaufhörlich einpackt. Für 2 Soles, umgerechnet 0,6 EUR Cent erhalte ich 20 Stück von kleinen runden Strizzeln. Das Frühstück für die nächsten Tage ist gesichert. Seitdem frage ich vorher immer nach, wenn ich Kleingebäck kaufe.

    Nach Hunancayo ist die Straße anfangs eine einzige Katastrophe. Sie ist mit Schlaglöchern übersät, stellenweise besteht sie nur aus Schotter. Ich fahre durch Dörfer, deren Straßen nur aus Erde bestehen, nun schlammig, vom Regen aufgeweicht. Ich komme kaum nach, um mir mit einem Tuch das Visier von den Kotspritzern sauber zu halten. Es nieselt leicht dahin. Die ansonsten staubigen Straßen verwandeln sich in dreckige Wege.

    Dann, auf den letzten 100 km ist die Strecke wieder einspurig im steilen Gebirge, unterbrochen von Senken, an denen das Wasser talwärts rinnt. Mit nicht mehr als 25 km/h krieche ich dahin.

    Auch die Straßenköter sind in Peru verblödeter als anderswo. Es jagen mir hier mehr Hunde hinterher als in den anderen Ländern. Manchmal laufen sie direkt vor das Motorrad. Man muss achtgeben, dass man sie nicht überfährt. Das tun sie übrigens oft auch bei Autos. Das Ergebnis sieht man zeitweise, wenn sie zermatscht auf der Straße liegen. Hin und wieder mache ich mir den Spaß und fahre langsamer, so dass sie mich gerade nicht erwischen, und lasse sie eine Weile hinter mir herjagen.

    Vollkommen verdreckt, müde und ausgelaugt, erreiche ich Huancayo. Es geht mir überhaupt nicht gut. Ich habe leicht Fieber. Am nächsten Morgen checke ich eine zweite Nacht ein und bleibe im Bett. Von Essen, so wie am Vortag, ist noch immer keine Rede.

    Mit dem Essen ist das auch so eine Sache. Hier werden Vor- und Hauptspeise auf einmal gebracht. Manchmal stand die Hauptspeise noch vor der Suppe auf dem Tisch. Das war etwas gewöhnungsbedürftig. Von Rindfleisch möchte ich abraten. Ich habe es zweimal bestellt und wurde zweimal enttäuscht, war zäh wie Leder. Vielleicht hatte ich auch nur Pech.

    Am Nachmittag gehe ich kurz raus. Ich hole mir vitaminhaltige Fruchtgetränke und Wasser. Medikamente habe ich noch. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie ich liegen soll. Zumindest schlafe ich heute länger durch als die Nacht zuvor.

    Da war der Moment, wo ich mir gedacht habe: Warum? Der Moment, wo du dein Motorrad in eine Ecke stellen und für eine Woche nicht einmal ansehen möchtest.

    29.10., 30.10.

    Mir geht es wieder besser.

    Beim Verlassen des Hostels, Hostel Samay, übrigens eine sehr sehr nette Familie, warnt mich die Hostelbetreiberin vor korrupter Polizei. Das kann ich bis jetzt überhaupt nicht bestätigen, ganz im Gegenteil. Ich wurde ein paarmal aufgehalten, und bis jetzt empfinde ich die peruanische Polizei als die freundlichste von den Ländern, die ich durchquert habe. Am zweiten Tag oder so, haben mir zwei sogar den Rat gegeben langsam zu fahren, weil auf der weiteren Strecke, vielleicht Radarpistolen eingesetzt werden.

    Die Polizei ist hier aber leicht zu erkennen. Schon von Weitem sieht man sie. Sie stehen in weißen Nissan Geländewagen, entweder mit offenem oder geschlossenem Heck, quer zur Straße.

    Ich habe die Berge satt und fahre zurück an die Küste. Für heute habe ich mir eine kurze Etappe von knapp 250 km vorgenommen. Das kann auf diesen kurvigen, oft einspurigen Bergstrecken zwischen 5 und 6 Stunden Fahrt bedeuten.

    Der Wettergott meint es gut mit mir. Es bleibt sonnig. Heute ziehe ich jedoch alle Register. Anstatt nur 2, trage ich 3 T-Shirts, zusätzlich die lange Unterhose und meine Mütze unter dem Helm. Auf diese Weise und bei dem sonnigen Wetter ist die Fahrt erträglich. Bevor es wieder bergab geht, muss ich nochmal hoch, auf über 4.700m.

    Dann führt die Straße entlang des Rio Canete. Je weiter ich ins Tal komme, desto wärmer wird es. Ich genieße die Fahrt und die Landschaft. Auf halbem Weg wird eine Brücke repariert. Ich muss den Fluss kreuzen. Der Fluss ist breit, das Wasser rinnt stark. Ich fahre durch. Es wird tief. Das Wasser langt mir fast bis an die Knie. Ich bin fast am Ufer .. fast. Zack liege ich im kalten Wasser. Zwei Arbeiter eilen heran und helfen mir, das Motorrad hochzuhieven und auf die Straße hochzuschieben. Muss das sein? Kann es nicht einen Tag gut laufen?

    Meine Koffer sind nach diversen Umfallern alles andere als dicht.

    Ein Stück weiter bleibe ich stehen und mache Pause. Ich breite meine nassen Sachen in der Sonne aus. Sie trocknen schnell, die Sonne brennt stark vom Himmel.

    In Lunahuaná checke ich erneut für 2 Nächte ein. Ich muss meine müden Knochen etwas ausruhen.

    Am nächsten Morgen haben ein paar Spaßvögel von Hotelgästen gewagt, sich an meinem Motorrad zu vergreifen. Wollten es wahrscheinlich aufrichten. Die Alarmanlage ging los. Ich weiß nicht, wer es war. Als ich draußen war, hatten sie sich wieder verteilt.

    Mein Motorrad wird vom Dreck der letzten Wochen gereinigt. Es wurde Zeit. Ein kleiner älterer Typ führt die Arbeit durch. Wann immer er das Motorrad ein Stück weiter schiebt, reißt es mich vom Stuhl, weil ich Angst habe, dass er mitsamt Motorrad umfällt und darunter begraben wird. 

    Ich nutze den Vormittag, um auch die Motorradkleidung etwas zu reinigen und kleine Wartungsarbeiten durchzuführen.

    Dann springe ich in den Pool. Ich hätte nicht gedacht, dass ich in Peru die Badesachen gebrauche. Der heutige Tag tut ziemlich gut.

    Am späten Nachmittag komme ich bei einem Spaziergang durch das Dorf an einem Friseur vorbei. Ich entscheide mich, auch diese Sache noch zu erledigen. Es ist eine kleine einfache Bude, ein Stuhl für Erwachsene und einer für Kinder. Am Spiegel hängt ein Aufkleber, ich übersetze das mal frei: „Dies ist ein katholisches Haus. Protestanten und andere Sekten mögen sich bitte fern halten.“

    Hier wird noch auf die klassische Art gearbeitet. Kamm und Schere sind das einzige Werkzeug.

    Die Dame ist die ganze Zeit über reserviert und blickt etwas grimmig drein. 4 Soles / 1,1 EUR soll das ganze kosten. Als ich ihr 5 Soles gebe, strahlt sie über das ganze Gesicht.

    31.10., 01.11.

    Ich bin wieder auf der Panamericana Richtung Süden unterwegs. Es hat sich noch immer nichts verändert. Die Panamericana ist nahe an der Küste ein langes verschmutztes Band, das durch eine Wüstenlandschaft und wenig attraktive Städte und Dörfer führt und auf dem man ständig gegen den Seitenwind ankämpft. Nach Ica beginnt die Strecke schöner zu werden, die Entfernungen zwischen den Siedlungen werden größer. Die Wüste hat hier mehr Reiz, es ist auch nicht mehr so verdreckt.

    Oft fährt man in Schräglage dahin. Spannend ist es immer, wenn man einen LKW überholt. Für einen Moment herrscht Windstille, bevor einen der Wind wieder mit voller Stärke in die Mangel nimmt.

    Nach den kurvigen Strecken der letzten Tage ist es geradezu erholsam, eine Weile zügig nur geradeaus zu fahren. Bei guter Musik kann man auch mal die Gedanken schweifen lassen.

    Am Straßenrand sind kleine Bäume gepflanzt, die mit Stricken festgebunden sind, damit sie nicht vom Wind umgeweht werden. Sie wirken wie karge Geschöpfe, die mit ihren Ästen nach etwas greifen zu scheinen.

    In Peru sind mir unterwegs einige Radfahrer begegnet. Auf Meereshöhe in der Wüste und auch in den Bergen auf über 3.500 Metern. Vollbepackt treten sie langsam in ihre Pedale. Ich grüße auch diese Zweirad-Chaoten.

    In Nazca ist Maria Reiche öffentlich stark sichtbar, nicht überall mit vollem Glanz.

    Heute ist Halloween. Als ich am Abend raus gehe, um essen zu gehen, kann ich meinen Augen kaum trauen. Eltern, also fast nur Mütter, laufen mit ihren verkleideten Kindern durch die Straßen. Dort, wo ein Geschäft Süßigkeiten anbietet, bilden sich Trauben. Die Straßen sind brechend voll.

    Da sich die Nazca Linien vom Boden aus schwer betrachten lassen, gehe ich in die Luft.

    Kann mir eine der Damen erklären, wozu man für einen halbstündigen Rundflug in einem Kleinflugzeug einen ganzen Sack voll mit Hygeneartikel benötigt?

    Und dann fängt sie auch noch an zu schimpfen, als ihr bei der Sicherheitskontrolle Flüssigkeiten weggenommen werden.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

  • Blaue Augen

    Blaue Augen

    Album

    19.10., 20.10.

    Peru gefällt mir auf Anhieb. Die ersten zwei weiblichen Bediensteten, denen ich an der Grenze begegne, machen mir Komplimente für meine schönen blauen Augen. 🙂

    Die ersten zwei Nächte verbringe ich in Máncora an der Küste. Es ist wieder mal an der Zeit, meine Wäsche waschen zu lassen. Ich soll einen Zettel ausfüllen, mit der Anzahl an unterschiedlichen Kleidungsstücken, die sich im Plastiksack befinden. Ich habe keine Lust nochmal auszupacken und zu zählen und schreibe drauf „beinahe alles was ich habe“.

    21.10. 

    Heute fahre ich knapp 400km nur auf der Panamericana die Küste entlang. Oft geht es nur geradeaus. Vom Meer her weht ständig ein starker kalter Wind.
    Landschaftlich ist die Gegend nicht sehr aufregend. Es handelt sich um eine karge, öde Wüstenlandschaft die hin und wieder von Dörfern und Städten unterbrochen wird. In der Nähe der Städte gibt es oft grüne Felder, Reis, Mais, Zuckerrohr und andere Sachen. Auf weiten Teilen gleicht die Strecke einer Müllhalde.

    Ich stoppe in Chicklayo. Bis auf den Hauptplatz ist mir die Stadt nicht sehr sympathisch. Es herrscht hektischer Verkehr und auch hier liegt viel Müll auf den Straßen.

    Im Hotel frage ich, ob es einen Parkplatz gibt. Die Dame an der Rezeption sagt: Wir parken es hinten im Frühstücksraum.
    Der Eingangsbereich ist vielleicht 70cm breit. Ich sehe sie ungläubig an. Gnädiges Fräulein, haben Sie einen Blick auf mein Motorrad geworfen? Es ist etwas größer als die hier übliche Standardausführung.
    Ich nehme die Koffer ab, dann stopfen wir – ein Mitarbeiter des Hotels, ein Security Mann und ich – das Motorrad mit vereinten Kräften durch die Lobby nach hinten.
    In den nächsten Tagen wird es zur Gewohnheit, das Motorrad in der Lobby oder ähnlichen Bereichen zu parken.

    22.10.

    Auf dem Weg nach Cajamarca fahre ich kurz etwas abseits von asphaltierten Straßen. Ich falle .. wieder mal. Ist ja schon länger nicht mehr passiert. Diesmal auf die rechte Seite. Der Koffer ist leider auf eine Weise verbogen, dass der Tankdeckel blockiert ist. Es wäre etwas mühsam, bei jedem mal tanken den Koffer abnehmen zu müssen. Also wieder ein erneuter ungeplanter Tag Zwischenstop.
    Cajamarca ist jedoch gemütlich. Für knapp 6 EUR erhalte ich ein Zimmer mit Blick auf den Hauptplatz. Wie ich nachlese, ist Cajamarca eine wohlhabende Stadt. Man sieht es ihr ein wenig an. Der Wohlstand kommt vom Gold, das in der Umgebung abgebaut wird.

    23.10. 

    Vormittags begebe ich mich auf die Suche nach einem Mechaniker, der mir die beiden Koffer wieder ausklopft. Ich lasse endlich auch den Koffer, der bei meinem Sturz in Honduras vor über einem Monat verbeult wurde, geradebiegen.
    Der Mann arbeitet über eine Stunde. Das Ergebnis ist weitaus besser, als ich erwartet habe. Am Ende verlangt er 10 Soles, knapp 3 EUR für die Arbeit. Ich gebe ihm das doppelte.
    Auch der restliche Tag läßt sich sinnhaft mit Sightseeing und dem nach Hause senden von Zeugs, das ich nicht benötige, verbringen. Kaum zu glauben wie lange es dauert ein Paket aufzugeben. Für den Zoll in Österreich schreibe ich ein noch ein paar nette Worte, dass es sich nur um Sachen handelt, die ich auf meiner Reise nicht benötige.

    24.10.

    Da ich keine „vernünftige“ Route durch die Berge finde, beschließe ich, wieder zurück an die Küste zu fahren. Trotzdem möchte ich nicht wieder die gleiche Strecke zurückfahren, die ich zwei Tage zuvor hochgefahren bin, deshalb geht es in einem der Dörfer weg von der Hauptstraße Off-Road. Die Strecke hat es in sich. Ich benötige knapp 3 1/2 Stunden für 60km. Auf Schotterstraßen geht es von ca. 1.000m auf 3.000m hoch in die Berge. Zum Glück spielt das Wetter mit und es ist warm und sonnig. Nicht auszudenken, wenn ich hier bei Regen fahren müsste. Die Straße schmiegt sich meist eng an die Berge. Die Hänge gehen steil bergab. An manchen Stellen ist sie nur aus dem Fels gehauen, maximal vier-fünf Meter breit. Links geht der Fels senkrecht nach oben, rechts geht es ebenfalls senkrecht weit nach unten. Ich wage den Blick nicht von der Straße zu nehmen. Immer eng am Berg schleiche ich langsam dahin.
    Auf halbem Weg findet sich das wunderbare Städtchen Contumaza. Ich überlege hier Stop zu machen. Aber ich „muss“ weiter. Peru ist groß und ich möchte Anfang November in Chile starten.

    Auch aus einem anderen Grund muss ich mich „beeilen“. Mitte Dezember treffe ich mich in Punta Arenas mit meinem Freund Andi. Aus verschiedenen Gründen hat er etwas Abstand von zu Hause notwendig. Wir fahren gemeinsam für 3 bis 3 1/2 Monate wieder hoch bis nach Kolumbien. Sein Motorrad ist bereits auf dem Weg.

    In der Nähe von Trujillo finde ich am Strand ein Hostel. Der Abend endet mit ein paar der Leute aus dem Hostel in einer Bar. Die Mojitos um knapp 1 EUR zeigen am nächsten Morgen ihre Wirkung in Form eines leichten Hangovers.

    25.10.

    Die ersten km hänge ich wieder auf der Panamericana. Landschaftlich hat sich nichts verändert. Weiterhin handelt es sich um eine öde Wüste. Es ist wolkig und wie auch Tage zuvor weht der Wind stark von Westen. Ich bin überzeugt, den ganze Weg nach Süden wird es nicht besser.

    Vor ein paar Tagen haben Lauren und Adrian vom Canyon del Pato erzählt, eine Schotterpiste, die von der Panamericana weg nach Caraz führt. Lange geht es ziemlich flach durch eine Felslandschaft den Rio Santa entlang. Manchmal ist die Piste breit und man kann auch schneller dahinfahren. Oft wird man aber ordentlich durchgerüttelt. Eine ziemliche Herausforderung für das Material. Des Öfteren führt der Weg durch Tunnel. Einfache Röhren, die wahrscheinlich vor sehr langer Zeit in den Fels gehauen wurden. Die Sonne scheint hell vom Himmel. Die Augen haben keine Zeit sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Die Fahrten durch die längeren der Tunnel sind beinahe ein Blindflug, die Augen auf das Licht am Ende gerichtet.

    Der, für mich, „schlimme“ Teil beginnt zum Glück erst knapp 40 km vor dem Ziel. Die Straße verengt sich erneut auf eine Spur und führt in die Berge. Scheißegal auf welcher Seite ich mich halten müsste, ich fahre, genauso wie gestern, immer eng am Berg und hoffe, dass kein Auto entgegenkommt. Nach der gestrigen Fahrt hätte ich heute gut und gerne auf diesen Teil verzichten können.

    Nichts desto trotz ist der Canyon del Pato ein Muß.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

  • Von 0 auf 4.000

    Von 0 auf 4.000

    Album

    15.10.

    Mit dem Ziel Quilotoa stehen heute ca. 290 km auf dem Plan. „Das türkise Wasser des vulkanischen Kratersees ‚Lake Quilotoa‘ ist eine der schönsten Ansichten in Ecuador“ habe ich vor ein paar Tagen im Reiseführer gelesen. Da muss ich natürlich hin. Was ich auf dem Weg dorthin durchmache, ist weniger schön.

    Ich verlasse das wärmere Canoa und genieße auf kurvigen Straßen die Fahrt durch die flache Gegend. Es sind sehr wenige Fahrzeuge auf den Straßen und es macht Freude so dahin zu fahren. Es ist warm, ich habe mein Innenfutter in der Tasche verstaut. Etwa 80 km vor dem Ziel beginnt es leicht zu regnen. Das macht nichts, es ist weiterhin relativ warm. Vielleicht hört es ja bald wieder auf. Weit gefehlt. Es zieht mich bergauf, 500, 700, 1.000m. Der Regen wird stärker, die Berge werden höher, es wird kälter. Wenn es weiter so bleibt, halte ich es aus. Nach einer Weile geht die Nässe durch die Kleidung, das Wasser rinnt in die Schuhe. Es geht immer weiter bergauf. 2.000m, 2.500m. Nun wird es doch empfindlich kalt. Ich bin bereits durch und durch nass. Den Point of No Return habe ich überschritten, umkehren ist nicht mehr. Innenfutter anziehen bringt jetzt auch nichts mehr. Das habe ich auch versäumt. Noch etwa 50 km vor mir. Ich friere sehr. 3.000m. Verdammt nochmal, wie hoch denn noch? Ich zittere wie Espenlaub. Das eiskalte Wasser rinnt wieder aus meinen Schuhen raus. Die Finger sind klamm, die Heizgriffe zeigen keine Wirkung. 3.500m. Bei über 4.000 ist das Ende gefunden. Ich überquere den Pass. Ich bin noch gut 25 km vom Ziel entfernt und halte Ausschau nach einer Unterkunft. Es interessiert mich nicht, ob ich nach Quilotoa gelange. Ich suche bloß ein „Hostal“ Schild. Ich brauche Wärme. Nichts zu finden. Endlich erreiche ich Quilotoa. Bei der ersten Unterkunft, die ich sehe, halte ich an. 25$ die Nacht inkl. Essen. Ein stolzer Preis. Und wenn es 100$ gekostet hätte. Ich wäre keinen Meter mehr gefahren.
    Ich muss meine Daten in das Gästebuch eintragen. Hat die Frau denn kein Mitleid mit mir? Lass mich doch ein paar Minuten an den Ofen setzen! Ich kann kaum den Kugelschreiber halten, so zittere ich vor Kälte. Das Schreiben ist beinahe unmöglich. Meine Schrift gleicht der eines Kindes, welches das erste Mal einen Stift in der Hand hält. Ich kann es kaum erwarten, unter die heiße Dusche zu gelangen. Das hilft ein wenig, um den Körper wieder zu wärmen. Danach setze ich mich zum Ofen, ich zittere noch immer. Es dauert eine Weile, bis die Wärme durch die Knochen kriecht.

    Im Hostal ist eine Schweizerin. Sie meint, gestern waren mehr Gäste da. Aber die sind am Morgen geflüchtet. Sie wartet auf den letzten Bus, um ebenfalls das Weite zu suchen. Unmöglich für mich morgen weiter zu fahren. Meine Sachen sind bis morgen niemals trocken. Bei der Kälte hole ich mir den Tod, wenn ich in die nasse Kleidung schlüpfe. Ungeplant sitze ich für 2 Nächte fest. Später finden sich dann doch noch ein paar Gäste ein.

    Da sitze ich nun unter zwei dicken Decken, in meiner Jacke und Mütze im Bett und schreibe auf 3.900m meinen Blog. Mein Atem kondensiert.

    16.10.

    Hier kräht am Morgen kein Hahn, dafür ist es der Haushund, der noch vor 6 Uhr mit lautem Gebell die Gäste weckt.
    Ich spaziere zum nahen Krater. Der Reiseführer hat nicht gelogen. Der Krater und auch die Aussicht auf die Gegend sind ein wunderbarer Anblick. Ich gehe ein Stück den Kraterrand entlang. Aber da kommt es wieder, das rasende Herzklopfen. Die 3.000m mag ich vielleicht schon gewohnt sein. Auf dieser Höhe geht mir schnell wieder die Puste aus. Ich verzichte darauf, weit zum Kratersee hinabzusteigen.

    Das kleine Dorf hier befindet sich am Anfang eines Veränderungsprozesses, weg von einer Ansammlung von Hütten und Bauern hin zu einem touristischen Dorf. Ein paar der Hostals sind noch ziemlich einfache kleine Gebäude. Es gibt jedoch bereits ein paar neue größere. Und es wird gebaut. Der Hauptplatz ist neu, es gibt so etwas wie ein Kulturzentrum und Markt, in dem die Einheimischen hauptsächlich lokale Kleidung anbieten. Die Einheimischen sind bemüht, die Gegend sauber zu halten. Hinab zum Kratersee ist ein sicherer Gehweg in Arbeit. Es wird interessant sein, in 10 bis 15 Jahren noch mal hierher zu kommen, um zu sehen, wie sich alles entwickelt hat.

    Mein Gemütszustand ist heute nicht der beste. Aber ich bin selbst schuld, ich hätte mich ordentlich anziehen sollen.
    Am Abend rauscht eine Reisegruppe von 15 Personen mit Deutschen, 1 Schweizer und 2 Österreichern aus Gloggnitz ein. Es ist ungewohnt, wieder mal auf deutsch in Mundart zu reden.
    Nach und nach kommen auch ein paar Backpacker. Ich werde zwar von der deutschsprachigen Reisegruppe eingeladen, mich zu ihnen zu gesellen, ich bleibe aber lieber unter Meinesgleichen.

    17.10.

    Frühzeitig verlasse ich Quilotoa. Ich will einem möglichen schlechten Wetter entgehen. Aber heute habe ich Glück, es bleibt schön. Ich friere noch etwas in den Zehen, weil die Schuhe noch nicht ganz trocken sind.
    Die Fahrt bis nach Latacunga gehört definitiv zu den bisherigen Highlights dieser Reise. Die Strecke führt lange Zeit zwischen 3.500 und 4.000m Seehöhe. In weiter Ferne ragt der Cotopaxi majestätisch in die Höhe. Der Cotopaxi ist mit knapp 6.000m einer der höchsten aktiven Vulkane der Erde. Das Landschaftsbild, das hier geboten wird, lässt sich nicht in Worte fassen.

    An meine Reise-Kumpanen, die hinter mir sind: Besucht Quilotoa und nehmt die Strecke Richtung Latacunga, ihr werdet es nicht bereuen.

    Ich fahre an Baños vorbei. Baños ist bekannt für seine heißen Quellen. Wie ich auf dem Blog von Lauren und Adrian nachlese, ist der Vulkan dort vor zwei Tagen ausgebrochen. Der Vulkan spuckt noch immer Asche, die auch in der Luft liegt. Auf den Straßen sind die Leute mit Besen unterwegs, um aufzuräumen.

    Langsam gelange ich wieder in die Niederungen des Landes. Macas etwas weiter im Süd-Osten ist das heutige Ziel. Die Landschaft ändert sich erneut. Es wird wieder grün. Urwald ist die vorherrschende Vegetation. Bei einem kurzen Stopp zwischendurch begegne ich erneut zwei Österreichern, diesmal aus Mariazell Umgebung. Ich muss, samt Motorrad, für ein Foto herhalten und werde eingeladen, bei ihnen vorbeizusehen. Sie haben ein Gasthaus. Das wird wohl noch etwas dauern.
    Das Leben, die Dörfer, vorwiegend Kommunen, werden einfacher. Kleine Hütten aus Bambus und Holz. Ich glaube kaum, dass es hier überall fließend Wasser und Strom gibt. Ganz anders das Bild in den Kleinstädten, die auf dem Weg liegen. Es gibt einen starken sozialen Kontrast auf wenigen Kilometern.

    Noch in der Früh und am Vormittag habe ich ziemlich gefroren. Ein paar Stunden später schwitze ich in kurzen Hosen, als ich durch Macas spaziere.

    18.10.

    Mein letzter Tag in Ecuador. Erneut fahre ich auf einer dieser Bergstraßen, an denen die Hänge steil bergab gehen. Sie wird bzw. ist zum Großteil renoviert und ist in erstklassigem Zustand. Trotzdem ist mir an manchen Stellen nicht ganz geheuer.

    Die letzte Nacht verbringe ich in Santa Isabel. Santa Isabel ist weitaus größer als es kartografisch im Internet erfasst ist. Ich frage mich lange durch bis ich endlich das Hotel finde. Es liegt etwas abseits in den Berghängen mit grandiosem Ausblick.
    Morgen geht es weiter nach Peru.

    Ecuador war bis jetzt ein Highlight auf dieser Reise. Ich war überrascht über die Vielfältigkeit an Kultur und Personen, der Landschaft und dem Klima. Vom kühlen Hochland Quitos durch den Nebelwald hinab an die warme Küste, wieder hoch in die kalten Berge, wo ich beinahe an meine Grenzen gebracht wurde und weiter nach Osten in die Regionen des Urwaldes.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.