Kategorie: 2013-14-Amerika

  • Bolivien

    Bolivien

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    06.02.

    Ein neues Land auf meiner Reise. Wir überqueren die Grenze bei Villazón. Am Grenzübergang ist die Hölle los. Scharenweise werden die Leute mit Bussen angekarrt. Lange Schlangen stehen an den Schaltern. Personen, die mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs sind, werden zum Glück schneller abgefertigt.

    Wir sind an diesem Tag schon lange unterwegs, der späte Nachmittag ist angebrochen. In Villazón versuchen wir, Geld aus den Automaten zu bekommen. Was nicht wirklich funktioniert. Also entscheiden wir weiter zu unserem Ziel, Tupiza, zu fahren und es dort zu versuchen. Wenige km hinter der Stadt, werden wir bei einer Mautstation angehalten. USD werden nicht akzeptiert. Also zurück ins Dorf. Kein bolivianisches Geld in der Tasche, müssen wir im schlimmsten Fall wieder umkehren und nach Argentinien zurück. Wir finden dann doch noch einen Bankomaten, der Bolivianische Bolivar und auch USD ausspuckt.

    07.02.

    In Tupiza treffen wir im Hotel erneut auf einen Steve (Stephen). Diesmal nicht aus den Staaten, sondern aus Kanada. Er ist für ein paar Monate in Südamerika unterwegs. Für uns gut, wir müssen uns nicht viele Namen merken.
    Von Steve erfahren wir, dass die Strecke von Tupiza nach Uyuni nicht sehr gut ist. Die letzten Tage hat es geregnet. Steve hat von jemandem erfahren, der die Strecke mit dem Bus genommen hat, dass sie anstatt der 6 Stunden, für 14 Stunden unterwegs waren und die Leute teilweise schieben mussten. Aufgrund meines Problems mit dem Kühler bleiben wir von nun an auf sicheren Strecken, entscheiden gemeinsam mit Steve nach Potosi zu fahren und dann von dort die asphaltierte Strecke nach Uyuni zu nehmen.

    Die Strecke nach Potosi ist ziemlich gut ausgebaut und wir gleiten gemütlich dahin. Wir sind auf etwa 3.500m Seehöhe unterwegs. Es ist erstaunlich warm und das Wetter ist mit uns. Nur an den Bergen hängen oft dichte schwarze Wolken. Etwa 40 km vor Potosi sehe ich auf meinem GPS Gerät, dass es uns mitten in eines dieser schwarzen Löcher hineinzieht. Ich habe bloß gehofft, dass wir trocken ankommen. 25km vor Potosi sind wir mit einem Schlag mittendrin. Binnen weniger Sekunden gibt es einen Temperatursturz von etwa 25 Grad C auf etwa 5 Grad C. Es hagelt, es friert in den Fingern, das Visier beschlägt. Ich zähle jeden einzelnen Kilometer runter.
    Es ist ein eigenartiges Schauspiel, in die Stadt zu fahren .. dunkel und bedrückend. Kurz vor Potosí befindet sich der Cerro Rico, in dem vorwiegend Silber abgebaut wird. Die dicken, schwer beladenen LKWs der Minengesellschaften verdrecken den Weg und fahren langsam auf der kurvigen Straße den Berg hinab. Durch ein Labyrinth von Straßen geht es in das Stadtzentrum, sie sind mit Autos verstopft und ein Gewusel an Leuten, alles was Beine hat, scheint unterwegs zu sein.

    Am Abend gehen wir aus, um Abend zu essen. Auf dem Hauptplatz bewerfen sich die Kinder mit Wasserballons. Wie wir erfahren, hat dies mit dem Karneval zu tun und scheint eine Tradition zu sein. Die Kinder veranstalten regelrecht einen Krieg, gruppenweise mit Angriff und Gegenangriff. Eine Verkäuferin verscherbelt aus einer Tonne raus scharenweise die Wasserballons an die Kinder.

    08.02.

    Am Vormittag spazieren Andi und ich etwas durch die Straßen. Wir geraten in einen riesigen Markt, der sich über mehrere Straßenblöcke erstreckt, Norden – Süden, Osten – Westen. Man findet alles. Auf einer Strecke von mehreren hundert Metern verkaufen die Leute in ihren kleinen Ständen Obst, Gemüse, Fleisch. Es gibt Nahrung in Überfülle. Dazwischen gibt es immer wieder Buden, wo gekocht wird. In einer dieser Stände essen auch wir etwas. Hühnchen, Bohnen irgendwas, Nudeln, Tomatensalat.
    Über Zunge, von welchem Tier auch immer, haben wir uns nicht drüber getraut.

    Potosi hat eine lange Geschichte im Silberabbau. Das Casa Real de la Moneda, das Münzmuseum, ist eines der interessantesten Museen, das ich besucht habe. Hier erfährt man viel über die Geschichte der Münzprägung in ganz Amerika. Angefangen von der Prägung mit Hammer und Siegel, bis hin zur elektrisch betriebenen Maschine. Ausgestellt sind verschiedenste Apparate, die für die Herstellung von Münzen verwendet wurden. Im Museum sind drei riesige Holzapparaturen – aus Frankreich – zum Pressen von Silber ausgestellt, die von Eseln oder Sklaven (was jedoch verschwiegen wird) angetrieben wurden.
    In Südamerika haben die Spanier in verschiedenen Ländern gleiche Münzen hergestellt. Zur Unterscheidung, wo die Münzen geprägt wurden, haben sie Jahreszahl und eine Ortsprägung erhalten. Im Fall von Potosi waren es die Buchstaben PTSi, die übereinander gelegt wurden.
    Wie uns die Dame, die die Führung macht, erzählt, sind aus den Buchstaben S und i das Dollar bzw. Peso Zeichen $ entstanden.

    09.02.

    Am Abend zuvor ist Mike aus den Staaten zu uns gestoßen. Er ist knapp 30 Jahre und war ein paar Jahre bei der Army, davon ein Jahr in Afghanistan. Steve, Mike, Andi und ich fahren gemeinsam weiter nach Uyuni.
    Von Potosi nähert man sich Uyuni von einem Berg. Das Tal ist endlos. Auf der großen Ebene wirkt die Stadt Uyuni winzig klein. Wolken entleeren sich in riesigen Vorhängen aus Wasser in der weiten Ebene, hin und wieder fahren Blitze  zur Erde hinab. Und wieder stehe ich da und kann mich nicht satt sehen, an dem Schauspiel, das geboten wird.

    In Uyuni wird unsere Gruppe erneut größer. Vor unserem Hotel begegnen wir Taylor aus Seattle, der mit seiner 650er GS unterwegs ist. Er ist bereits seit ungefähr 5 Monaten unterwegs und hat knapp noch drei Wochen vor sich.

    10.02.

    Die Fahrt mit dem Motorrad auf dem Salzsee ist nicht möglich – wäre schon möglich, aber wir entscheiden uns dagegen, da im Moment Regenzeit und der See mit Wasser bedeckt ist. Es sind meist nur wenige Zentimeter. Wir mieten am Vormittag einen Jeep bei einer Tour-Organisation und fahren hinaus. Ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Etwas weiter draußen auf dem See, scheinen See und Himmel ineinander überzugehen. Die Spiegelungen vermitteln den Eindruck, als würde man in der Luft schweben.
    Von Wikipedia her ist ja bekannt, dass sich unter der Salzkruste ein See befindet. Nur war uns nicht bewusst, dass die Salzkruste kaum dicker als 10cm ist. Wir sind weit vom Ufer entfernt, als wir ein Loch bemerken und somit die Dicke der Salzkruste sehen. Und nachdem wir das erste Loch gesehen haben, nehmen wir auch all die anderen unzähligen kleineren und größeren Löcher wahr. Unser Fahrer erzählt, dass hin und wieder Fahrzeuge einbrechen, aber ihm ist das noch nicht passiert.

    Steve verlässt uns und fährt in Bolivien weiter nach Norden. Taylor, Mike, Andi und ich fahren von Uyuni auf der Ruta 5 weiter Richtung Chile. Das Ziel ist die Grenzstadt in Chile. Die Straße ist sehr ruppig. Irgendwo verliere ich meine Seitenverkleidung, die ich hinten auf meiner Tasche festgemacht habe –  anscheinend nicht fest genug. Ich habe sie nicht montiert, weil ich dauernd Wasser in meinen Kühler füllen muss. Ich fahre zurück und finde sie wieder. Ich muss die Seitenverkleidung wohl eine Weile hinter mir her geschleift  haben. Sie ist nicht mehr zu gebrauchen und ich lasse sie liegen. Zu guter Letzt fällt mir auch noch das BMW Emblem auf der anderen Seite ab.
    Ich hatte keine Probleme mit meinem Motorrad, bis ich nach Patagonien gekommen bin. Es ist wahrlich eine raue und ruppige Gegend. Mein Motorrad scheint in alle Einzelteile zu zerfallen.
    Kurz vor der Grenze zu Chile stürzt Taylor auf einer sandigen Stelle. Ich habe das ganze nicht mitbekommen, weil ich die Führungsposition hatte und Taylor an dritter Stelle war. Ich war etwas voraus und dachte zuerst, sie sind stehen geblieben, um Fotos von der wunderschönen Landschaft zu machen. Als ich sie dann wild herumlaufen sah, wurde mir bewusst, dass etwas nicht stimmt. Taylor ist zum Glück nichts passiert. Aber die linke Seite seines Motorrades wurde arg in Mitleidenschaft gezogen. Seinen Koffer hat es zerrissen. Das Armaturenbrett ist verschoben, Blinker, Windschutz, Spiegel … alles hinüber. Aber das Motorrad fährt. Was für ein Glück.

    Wir übernachten in der Grenzstadt. Die Stadt macht den Eindruck eines Outposts, einer alten Westernstadt. Früher haben hier mal Züge angehalten. Aber der Bahnhof gleicht einem Friedhof. Die Gebäude sehen heruntergekommen aus. Überraschenderweise sind sie innen aber alle sehr lieb ausgestattet. Wir haben nur bolivianisches Geld. Spät am Abend und weit entfernt vom nächsten Bankomaten, weiß die Dame im Hostal das zu nutzen und zieht uns das Geld aus der Tasche.

    11.02. / 13.02.

    Grenze – Antofagasta – Caldera – La Serena
    Erneut geht es ein Stück und wieder viele, viele Kilometer durch die Atacama. Auf eine gewisse Art mag ich sie und zugleich „hasse“ ich sie, diese endlose Wüste.

    13.02. – 15.02.Ein Zwischenstopp in La Serena. Das Wochenende naht, so lässt sich, was meinen Kühler betrifft, wenig ausrichten. Wir entscheiden uns zu bleiben und am Sonntag die letzten Kilometer nach Santiago zu fahren. Mein Kühler leckt mittlerweile sehr, die Klebemasse weicht langsam auf. Jeden Tag muss ich mehr und mehr Wasser nachfüllen. Es sind beinahe 1/2 Liter.
    Nach einem feuchtfröhlichen Abend mit Taylor und Mike sitzen Andi und ich im Hostel noch lange Zeit mit anderen Gästen zusammen.
    Ich habe es bereits mehrmals erwähnt, es gibt Hostels, da fühlt man sich äußerst wohl. Dieses hier ist ein Wohnhaus auf einem großen Grundstück, in dem, ich glaube, maximal 20 Betten vermietet werden. Ein paar im Haus, der Rest in Bungalows. Große Palmen stehen im Garten, freundliche Betreiber .. ein Platz zum Verweilen. Es ist so, als würde man „Zu Hause“ sein.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

  • Ich habe mich verliebt

    Ich habe mich verliebt

    was auch immer für ein Tag – 06.02.

    Ich habe mich verliebt .. in ein Land, in die Leute, in die Frauen. Von allen Ländern, die ich durchfahren habe, hat mir Argentinien am besten gefallen. Die Herzlichkeit der Leute, die Landschaft, die hübschen Mädels mit ihren dunklen Augen. Ich liebe dunkle Augen. Und hier sind sie so tief wie ein Ozean .. ich könnte stundenlang darin versinken.

    Ein kleines Update zwischendurch.
    Nach sechs Monaten unterwegs hat die Pause von einer Woche hier in Salta sehr gut getan. Aber es treibt uns weiter.
    Wir machen einen Tagesausflug zum Gingante del Diablo, einer Schlucht, die durch Wasser ausgewaschen wurde. Mein Kühler verliert auf 250km mindestens 1/4 Liter Wasser, aber der Motor läuft nicht heiß.

    Dank Günther und Marco, ließ sich in Santiago de Chile einen neuen Kühler organisieren.
    Günther habe ich vor sehr, sehr vielen Wochen in Valdivia getroffen. Eigentlich sind wir nur aneinander vorbeigelaufen. Günther und sein Kumpel, beide aus Österreich, sind spät am Abend im Hostel angekommen und ich bin früh ins Bett gegangen, weil ich am nächsten Tag weiter gefahren bin. Wir haben uns bloß im Stiegenhaus „Hallo“ gesagt.
    Am nächsten Tag hat mir Günther eine e-mail geschrieben, dass es schade ist, dass wir nicht plaudern konnten. Sie sind auch Motorradfahrer.
    Günther hatte vor vielen Jahren Motorräder in Kolumbien und ist dort viel herumgefahren, bis die Guerilla der Meinung war, dass sie ihre Motorräder benötigen.
    Er ist dann nach Panama „umgezogen“ und hat dort im Moment zwei Motorräder stehen. In der europäischen kalten Jahreszeit verbringt er immer wieder Zeit in Süd- und Zentral Amerika.

    Die kurze Begegnung sollte sich nun als äußerst hilfreich herausstellen. Günther hat einen guten Freund namens Marco in Santiago de Chile, einen Mechaniker oder so. Das Netzwerk Günther, Marco und darüber hinaus funktioniert besser als das BMW Netzwerk. Denn sowohl von BMW in Chile als auch in Bolivien erhalte ich keine Antwort.Günthers Freund Marco kann einen neuen Kühler schnell auftreiben. Ich hoffe, dass das auch gut funktioniert.

    Andi und ich möchten die Zeit nutzen und fahren noch für ein paar Tage nach Bolivien. Wir verlassen Salta .. eine sehr nette Stadt. Wir verlassen, das nette Hostel und die schielende verrückte Katze. Wir verlassen den äußerst netten Mann, dem der Parkplatz gehört hat, wo wir unsere Motorräder untergestellt haben und der sich in einem Gespräch mit den Hostel Betreibern als umtriebiger Geschäftsmann herausgestellt hat. Wir dachten, er kassiert bloß das Geld fürs parken. Dabei hat ihm der Parkplatz und das Gebäude davor gehört, in dem er mehrere Geschäfte und Büros vermietet hat. Geschäftsmann bis zum Schluss. Wenige Minuten vor unserer Abfahrt möchte er uns auch noch Honig verkaufen. Andi greift zu.
    Nach einer langen Tour sind wir abends in Tupiza in Bolivien angekommen. Ein neues Land auf meiner Reise. Ich bin schon gespannt, wie es ist.

    Danke fürs Lesen, Jürgen

  • Unterbrechung

    Unterbrechung

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    24.01. – 02.02.

    Leider haben unsere Versuche, meinen beschädigten Kühler abzudichten, keinen Erfolg gehabt. Das Wasser sucht sich immer wieder einen Weg und tröpfelt. Für meine lange Weiterreise ist diese Lösung keine Option. Mein Kühler muss getauscht werden. Wie wir nun erfahren haben, ist die Ruta 3 schon seit 2 Jahren gesperrt. Haben uns die Einheimischen mit Absicht da reingeritten?

    In der BMW Werkstatt in Salta erfahre ich, dass es 4 bis 5 Wochen dauert. Im Inland ist keiner lagernd. Der Versand wäre das kleinste Problem. Mit einem Paketdienst wäre ein neuer Kühler in wenigen Tagen hier. Das Problem ist der Zoll. Die Sachen bleiben hier oft wochenlang liegen, bis sie begutachtet und weitergesendet werden.

    Das ist natürlich eine schlechte Nachricht. 4 bis 5 Wochen warten? Das wirft meinen/unseren Plan ziemlich durcheinander und bedeutet eine komplette Änderung der Reise. Wie diese aussieht, weiß ich noch nicht.

    Ich versuche mein Glück auch bei einem BMW Händler in Chile und in Bolivien und schreibe e-mails. Vielleicht ist ein passender Teil in Chile oder Bolivien lagernd und die Reparatur ist schneller möglich. Die Antwort erfahre ich am Montag. Mit genügend Kühlflüssigkeit im Gepäck kann ich die Strecken schaffen.

    So sitzen wir noch mindestens bis Mittwoch in Salta fest. Nichtsdestotrotz ist Salta eine schöne Stadt und hat einiges zu bieten.
    Für mich wäre der lange Aufenthalt weniger ein Problem. Ich bin noch ein paar Monate unterwegs, könnte an einem Ort verbleiben und etwas tiefer in das Leben hier eintauchen.
    Ich habe Länder in Zentral- und Südamerika bereits befahren. Somit habe ich auch mit einer Änderung der Strecke kein großes Problem. Damit ich zeitlich wieder auf Spur komme, kann ich z.B. ein paar der Länder in Zentralamerika umschiffen. Aber mal sehen. Für Andi sind 4 bis 5 Wochen warten natürlich keine Option.
    Die positive Nachricht ist, die Rast tut Andi’s Fuß sehr gut. Er wird von Tag zu Tag besser.

    Die Tage sind ruhig. Ich verbringe sie damit zum BMW Händler zu fahren und mit Sightseeing .. endlich mal wieder Museen. Im „Museum für große Höhen“ ist eine sehr gut erhaltene Mumie eines Kindes ausgestellt. Sie ist eines von drei Kindern, die auf dem höchsten Berggipfel hier, 6.700m oder so, in einer Grabstätte gefunden wurden. Es läuft ein Prozess zwischen den Nachfahren der Inka, damit die Kinder wieder zurückgebracht werden.

    So gibt es nicht allzu viel zu berichten, außer über eine besondere Begegnung.

    Straßenköter habe ich auf meiner Fahrt viele gesehen. Oft sind es wilde Mischungen und sie haben verschiedene Charaktere. Meist sind sie friedlich und gierig nach Zuneigung. Manche scheinen des Lebens überdrüssig und blicken mit leeren Augen am Straßenrand in die Gegend. Sie jagen Autos und Motorrädern hinterher und beißen in Reifen, verlieren dabei auch mal ein Bein oder liegen zermatscht auf der Straße.

    Hier in Salta sollten wir ein besonderes Exemplar antreffen.
    Wir sitzen auf dem zentralen Platz „Plaza 9 de Julio“ draußen in einem Restaurant. Kurze Zeit später gesellt sich einer dieser Hunde zu uns und legt sich neben unserem Tisch nieder. Wir witzeln: Warum sucht sich der Hund ausgerechnet Touristen aus? Erkennt er sie? Es machte den Eindruck,
    Salta ist ziemlich touristisch, besonders am zentralen Platz „Plaza 9 de Julio“. Abends laufen die Schuhputzer und arme Straßenverkäufer durch die Gegend und versuchen ihre Kleinigkeiten, wie Schmuck, Figuren und Süßigkeiten zu verkaufen. Es sind auch sehr viele junge Kinder 5 bis 10 Jahre darunter.

    Als sich ein Schuhputzer mit seinem Schemel und Schuhputzzeug unserem Tisch nähert, knurrt ihn „unser“ Straßenköter sehr aggressiv an und fängt an zu bellen. Wir wundern uns. Vielleicht wurde sie von Schuhputzern schlecht behandelt und mag sie deshalb nicht? Aber es waren nicht nur die Schuhputzer, die er sehr aggressiv angebellt hat, einmal sogar beinahe gebissen. Er ist gegen die ganze Unterklasse vorgegangen und nur gegen diese. Egal, ob sie Schmuck oder Süßigkeiten verkaufen wollten oder ob sie uns nur Zettel auf den Tisch legen wollten – „ich bin taub und stumm …“ oder dergleichen, egal welches Alter. Keine Aggression gegen Kellner, andere Gäste im Restaurant oder andere vorbeigehende Personen.
    Mir wurde das ziemlich unangenehm, weil wir die Aufmerksamkeit auf uns gezogen haben und es den Eindruck gemacht hat, es ist unser Hund, der hier die armen Leute von uns fernhält, sich den Lebensunterhalt zu verdienen.

    Als wir mit Essen fertig waren und der Tisch leer war, hat er an anderen Tischen zu streunen begonnen. Es waren die Tische von merkbar ausländischen Gästen. Bei Tischen, die dem Aussehen nach vermeintlich Einheimisch waren, hat der Hund nicht halt gemacht.
    Eine seltsame Begegnung.

    Wie es weitergeht, ob ich einen längeren Zwischenaufenthalt einlegen muss oder vielleicht in Chile oder Bolivien Glück habe, darüber berichte ich im nächsten Artikel.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

  • Ruta 3, Fahrt ins Verderben

    Ruta 3, Fahrt ins Verderben

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    19.01. – 23.01.

    Auf der kurvigen Ruta 7 ignorieren wir die Sperrlinien und überholen lange Schlangen von Autos, die hinter LKWs hängen. Wir wollten eigentlich eine andere Route fahren, die aber wegen eines Events gesperrt war. Deshalb mussten wir nochmal ganz Mendoza durchqueren und hatten es etwas satt, wieder langsam hinter eine Kolonne zu hängen. Auf einer Strecke, wie dieser, scheint es ziemlich klar, dass die Polizei irgendwo wartet. Ich habe mich noch gewundert, wieso alle so brav fahren. 

    Mit einem Schlag wird mir klar, warum.
    Ein weiblicher und ein männlicher Beamter winken uns auf die Seite. Zurecht. Für mich ist es nicht das erste Mal. Dumm stellen. Führerschein vorzeigen. Ich habe bloß noch eine Kopie meines Führerscheins, die aber nicht mehr so gut aussieht, deshalb gebe ich das Original her. Auch hier in Argentinien wird der Führerschein einkassiert. Der Polizeibeamte zeigt auf seinem Zettel hin und her. Für das Übertreten der Sperrlinie sind irgendetwas zwischen 220 und 400 USD pro Person fällig. Lächerlich. Die „übliche“ Diskussion in sehr gebrochenem Spanisch, es ist Sonntag, wir müssen weiter, wie kriegen wir unseren Führerschein zurück, bla bla bla.
    Schon nach kurzer Zeit ist klar, worum es geht. Der Polizeibeamte ist gar nicht daran interessiert uns ein Ticket auszustellen. Für 100 USD – 50 pro Person – dürfen wir weiterfahren.

    Andi hat über seinen Blog/Forum Kontakt zu einer einheimischen Person. Von dieser erfahren wir später, dass wir mit 100 USD noch ziemlich gut davon gekommen sind. Die Strafen scheinen hier tatsächlich sehr hoch zu sein.

    Die nächsten Tage fahren wir auf der Ruta 40 und oft kleineren Straßen Richtung Norden. Wir übernachten in Barreal, San Jose de Jachal, Villa Union, San Augustin de Valle Fertil.

    Ich war selbst der Meinung, dass ich nach mehr als 6 Monaten unterwegs nicht mehr so leicht zu beeindrucken bin, dass ich schon „alles“ gesehen habe.

    Aber erneut mag die Natur zu verwundern, dass ich zeitweise eine Gänsehaut bekomme. Wir bewegen uns auf einer Seehöhe zwischen 1.000 und 2.000 Metern auf einer weiten Ebene im Randbereich der Anden. Links von uns ragen die Berge mit den schneebedeckten Bergspitzen in die Höhe, rechts von uns begleitet uns eine niedrigere Bergkette. Die Landschaft schillert in allen Farben, rot, brau, hellgrau, grün. Manche Teile werden „die gemalte Wüste genannt“.

    Kurz vor Barreal besuchen wir ein Observatorium. Der Blick geht weit in das Land hinein. Selten habe ich eine derartige Stille erlebt. Manchmal ist es der leichte Wind, der ein sanftes Geräusch von sich gibt. Hin und wieder zerreißt das Summen einer Fliege die Ruhe. Ich traue mich nur zu flüstern, aus Angst die Natur zu stören.

    Wenn wir am frühen Nachmittag in den Dörfern eintreffen, haben wir den Eindruck, wir würden durch Geisterstädte fahren. Die Temperaturen bewegen sich nahe oder über 40 Grad C. Alle Geschäfte haben geschlossen.

    In San Jose de Jachal sitzen wir gegen 20 Uhr an einem Kiosk und trinken ein Bier. Im Hotel haben wir erfahren, dass die Restaurants erst gegen 21 Uhr aufsperren. Die Straßen sind noch immer leer gefegt. Langsam beginnt Leben einzukehren. Wir sitzen und beobachten das Geschehen. Die Läden sperren wieder auf, zwischen 21 und 22 Uhr stellen die Restaurants Tische und Stühle auf die Straße. Aus der Geisterstadt wurde eine Ameisenhaufen. Die Restaurants sind voll und um Mitternacht fahren 2 bis 3 jährige Kinder mit ihren Dreirädern durch die Gegend.

    In Villa Union sind wir auf der Suche nach einer Unterkunft. Ich bleibe stehen und frage eine Frau. Gleich ist die ganze Familie bei uns, gibt uns Tipps. Die Dame setzt sich dann auf das Fahrrad und bringt uns zu einem Hostel. Während ich bei der Unterkunft nach Zimmer und Preisen frage, setzt Andi einen Jungen auf sein Motorrad, der mit seinem Großvater vorbei spaziert ist. Wir treffen den Großvater wieder, als wir bei einem Restaurant an einer Tankstelle essen. Er arbeitet dort als Kellner.

    Wir besuchen den Talampaya National Park, der durch Wind und Wasser bizarr geformt ist, und das Valle de Luna im Ischigualasto Nationalpark. Eine trostlose Landschaft. Bei 46 Grad C sterben wir tausend Tode, als wir mit 15 bis 20 km/h die 40 km Runde, einem Konvoi mit diversen Stopps folgen. Neben den 5 Sehenswürdigkeiten im Park, sind Andi und ich die 6. Wenn wir 1$ pro Foto bekommen würden, das von uns gemacht wird .. es wäre schon einiges zusammengekommen.

    24.01.

    Über Nacht hat es geregnet. Von über 40 Grad kühlt es auf 18-20 Grad ab.
    Wie wir am Abend in Chilecito in den Nachrichten erfahren, hat ein Erdrutsch ungefähr 300 km westlich von uns ein Dorf verwüstet und 9 Tote und ein paar vermisste Personen verursacht.

    25.01.

    Ruta 3, „unsere persönliche Dakar“ oder „eine Fahrt ins Verderben“
    Als wir am Morgen Chilecito verlassen, wissen wir noch nicht, was heute auf uns zukommt. Der heutige Tag sollte die bisher größte Herausforderung auf meiner/unserer Reise werden.
    Die Fahrt beginnt gut, das Wetter ist mit uns. Unser Ziel wäre Fiambala in ca. 200 km Entfernung – eine kurze gemütliche Tour. Irgendwo vorher sagt mein Navigationsgerät, wir sollen abbiegen. Leider kennt es die neue Straße noch nicht. Es ist ein Feldweg. Die Straße ist sehr tiefsandig und oft von Flussläufen zerstört, die im Moment jedoch ausgetrocknet, hin und wieder etwas schlammig sind. Nur sehr langsam quälen wir uns voran. Wir fallen jeweils mehrmals um. Andi vergräbt das Motorrad halb im Sand, ich klemme mir einmal das Bein unter meinem Motorrad ein. Es ist ein Kraftakt. Nach ungefähr 4 km gibt es eine Abzweigung, aber dort wo mein GPS Gerät den Weg anzeigt, gibt es keinen mehr .. nur eine von Wasser zerfurchte Landschaft. Also fahren wir die andere Abzweigung weiter. Auch hier stehen wir nach ungefähr 3 km mitten in einem riesigen Flussbett, kein Weg ist erkennbar. Wir kehren um. Für die 14 km haben wir ungefähr 1 1/2 Stunden benötigt. Durchgeschwitzt und ein wenig erledigt machen wir Pause und sind froh, wieder auf asphaltierten Wegen zu sein. Ein anstrengendes Abenteuer zwischendurch.
    Gegen 14 Uhr kommen wir in Tinogasta an. Wir überlegen: Es ist uns zu früh, um schon anzuhalten, knapp 80 km bis Belén, davon 60 km auf einem Schotterweg, das kann nicht länger als 2 Stunden dauern. Weit gefehlt.

    An der Kreuzung zur Ruta 3 steht ein Schild „Cuesta de Zapata bei Ruta 3 nicht befahrbar“. So viel verstehen wir. Vielleicht ist es ein Ort auf der Strecke, der nicht erreicht werden kann. Wir fragen Einheimische, ob die Straße nach Belén führt und ob der Weg OK ist und werden ins Verderben geschickt.

    Am Anfang hatten wir zwei, drei Flüsse zu kreuzen, ein paar schlammige Teile, dann Schotterweg, aber die Strecke war nicht so schlimm – noch immer befahrbar. Irgendwann führt sie sehr kurvig, einspurig und steinig in die Berge. Hier war die Strecke schon eine größere Herausforderung, aber noch immer befahrbar. Wir hatten etwa 30 km bis 35 km hinter uns und noch 20 km vor uns, als die Hölle beginnt. Bis zu Fußball große Steine liegen auf dem Weg, an manchen Stellen ist die Straße vom Wasser halb weggespült. Die nächsten 4 Kilometer sollten zur Tortur werden. Langsam quälen wir uns voran. Zum Umkehren ist es zu spät. Der Point Of No Return ist überschritten, es geht nur mehr vorwärts. Mit jeder Kurve hoffen wir, dass das Schlimmste vorbei ist. Wir fallen um, stemmen die schweren Motorräder wieder hoch, wir räumen Steine aus dem Weg. Andi klemmt seinen Fuß ein, der später ziemlich anschwillt.

    An zwei Stellen müssen wir Hand anlegen, um weiterzukommen. Einmal um Erde abzugraben und einen kleinen Graben zu füllen, ein anderes Mal müssen wir einen etwa 1 Meter tiefen und 1 Meter breiten Graben mit Steinen auffüllen. Wir sind müde und erschöpft. Seit fünf Stunden sind wir auf der Strecke, alleine für die letzten 4 km haben wir fast zwei Stunden benötigt.

    Gleich hinter dem Graben, den wir mit Steinen gefüllt haben, war es notwendig nach rechts zu lenken. Andi schafft den Part. Müde und ausgelaugt passieren jedoch Fehler. Besonders auf einer Strecke, die unsere Fähigkeiten übersteigen. Mich hebt es etwas aus und ich knalle mit meiner linken Seite gegen einen Stein. Ein Teil meiner Wasserkühlung ist beschädigt, der Sturzbügel hat vor Schlimmerem bewahrt.
    Es ist 19 Uhr, ich bin nahe dran, alles liegen und stehen zu lassen, als wir beginnen, mit Superkleber die Brüche abzudichten. Das funktioniert bedingt, aber wir können weiterfahren. Zu unserem Glück wird die Straße von nun an besser. Ein paar schwierige Passagen später kommen wir wieder in eine zivilisierte Gegend, wo die Einheimischen schon mit ihren PKWs unterwegs sind – es kann nun nicht mehr so schlimm sein.

    Andi, der Unglücksvogel, hat sich diesmal am Vorderreifen einen Platten eingefangen. Wir sind noch 23 km von unserem Ziel entfernt. Bis in die Dunkelheit hinein wechseln wir den Reifen, benötigen Stirnlampe und das Licht meines Motorrades.
    Auf dem Weg nach Belén müssen wir dann noch anhalten und Wasser in meinen Kühler nachfüllen, weil mein Motor heiß läuft – wir konnten nicht alles ganz abdichten. Bei langsamer Geschwindigkeit und niedriger Motordrehzahl schaffen wir es gegen 22 Uhr in Belén zu sein.
    Völlig erledigt, aber glücklich, dass wir angekommen sind, finden wir ein Hotel. Bis spät in die Nacht lassen wir den Tag Revue passieren.
    Für einen äußerst detaillierten Bericht über die Fahrt, verweise ich auch auf Andi.

    26.01.

    Überlegen, wie es weitergeht. Unsere Motivation ist am Ende, Andis Fuß ist extrem geschwollen. Ich dränge ihn zum Arzt zu gehen. Er will nicht. Von den Leuten im Hotel erhält er eine Salbe, ich besorge Eis.
    Wir bemerken, dass Andis Hinterreifen auch platt ist. 7 Platte Reifen in einem Monat. Andi ist komplett am Boden, denkt darüber nach abzubrechen und nach Hause zu fahren. Ich sage ihm, er soll mal einen Tag abwarten. Er schreibt e-mails für den Rücktransport. Auch ich denke nach, wo und wie ich eine Pause machen kann. Der gestrige Tag, die gestrige Strecke, war zu viel .. zu anstrengend .. zu viele Schäden an Mensch und Maschine .. das ist es nicht Wert.

    27.01.

    Es geht uns wieder besser. Auch Andis Fuß sieht wesentlich besser aus als gestern. Er lässt seine Reifen flicken. Ich versuche alles notwendige für mein Motorrad für die Weiterreise zu besorgen. Alles Kleber, um die Risse weiter abzudichten, Kühlflüssigkeit zum Nachfüllen. Es sind 400km bis San Miguel de Tucumán. Bis dorthin müssen wir es schaffen, dort gibt es eine BMW Werkstatt.

    Am Nachmittag kommt ein argentinisches Pärchen ins Hotel, wir beginnen zu plaudern. Sie sind aus San Miguel de Tucuman und mit dem Auto auf Urlaub. Ihnen ist mittendrin irgendwo der Schlauch für die Wasserkühlung gerissen. Sind auch festgesessen, hatten kein Wasser mit. Aber er kennt sich damit aus, hat eine Werkstatt oder dergleichen, um solche Sachen zu reparieren.
    Später am Abend bringt er einen Komponentenkleber und schenkt ihn mir. Wir dichten meinen beschädigte Stelle ab und machen Fotos von uns mit ihm auf unseren Motorrädern.

    28.01. / 29.01.

    Wir entscheiden uns, gleich nach Salta zu fahren. Es sind nur wenige Kilometer mehr als bis nach San Miguel de Tucumán und viele andere Reisende haben uns gesagt, dass wir dort unbedingt Halt machen sollen.
    Mein Kühler macht keine Schwierigkeiten. Es tritt nur tropfenweise Wasser aus. Nach ungefähr 200km möchte ich an einer Tankstelle nachfüllen. Es fehlt fast kein Wasser. Anscheinend ist die beschädigte Stelle mit dem Komponentenkleber sehr gut abgedichtet.

    In Salta sehe ich beim BMW Händler vorbei. Der ganze Kühler müsste getauscht werden, aber es würde 30 Tage dauern, bis das Teil da ist. So lange habe ich keine Zeit. Das Provisorium wird angesehen und für gut befunden. Das heißt, das Provisorium wird vorerst zur Lösung.

    Wir bleiben noch bis 2. Februar in Salta. Andis Fuß braucht Ruhe, auch ich benötige eine Pause. Salta macht einen sehr netten Eindruck, hat etwa 450.000 Einwohner, alte historische Gebäude und Kultur. Wie habe ich das vermisst. Es tut gut, nach so langer Zeit in der Pampa und den vielen Problemen in den letzten zwei Monaten, mal wieder in eine Großstadt zu kommen.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

  • Mendoza mit Renate und Bart

    Mendoza mit Renate und Bart

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    15.01. – 18.01.

    In Mendoza treffen wir wieder auf Renate und Bart aus Holland. Für die neuen Leser: Ich habe Renate und Bart in Guatemala kurz vor der Grenze zu Honduras getroffen. Wir sind dann gemeinsam eine Woche durch Honduras und Nicaragua gereist und haben diverse Abenteuer erlebt.

    In Bogota, Kolumbien, haben sich unsere Wege erneut für einen Abend gekreuzt. Nun sollten wir in Mendoza zum dritten Mal aufeinander treffen. Die beiden sind nach Süden unterwegs, Andi und ich nach Norden.

    Als sie meinen letzten Beitrag über die Begegnungen gelesen haben, schienen sie etwas enttäuscht, dass ich nicht ausführlicher über sie berichtet habe – mit Absicht. Die beiden sollten ihren eigenen Artikel erhalten. 😉

    Bart ist Feuerwehrmann und Renate hat in einer Bank gearbeitet. Sie sind enthusiastische Motorradfahrer und mit BMW F800 GS für gut 8 bis 9 Monate unterwegs. Wobei Renates Motorrad, wie es sich für ein Mädchen gehört, mit pinken Details versehen ist. 😉 Bis auf Andi, der nun mit mir reist, habe ich mit den beiden die meiste Zeit auf meiner Reise verbracht. Sie gehören zu den nettesten Leuten, die ich auf meiner Reise getroffen habe. Wir haben uns auf Anhieb verstanden.

    In Mendoza verbringen wir 4 gemeinsame Abende. Steaks werden verschlungen – es muss eine ganze Kuh gewesen sein – und Bier und Wein fließen in Strömen unsere Kehlen hinunter.

    An einem der Tage in Mendoza buchen wir eine ganztägige Weintour. In einem Kleinbus mit 10-12 anderen Leuten fahren wir durch die Gegend und besuchen 3 Weingärten, eine Fabrik, die Olivenöl produziert und einen Süßigkeitenladen, der auch diverse Alkoholika herstellt.
    Rund um Mendoza soll es an die 1.000 Weinproduzenten in verschiedener Größe geben. So stehen der Besuch einer großen geschichtsträchtigen Winery, eines jungen Betriebes und eines Familienbetriebes, wo alles mit Hand und ohne Pestizide gemacht wird, auf unserem Plan.
    Der Besuch der ersten Winery, Bodega Lopez, war ziemlich imposant. 50 Millionen Liter, so wird uns gesagt, werden hier pro Jahr produziert. Riesige Holzfässer im Erdgeschoss und im Keller ein riesiger Raum mit Metallbehältern. Die Holzfässer sind nur mehr zum Teil im Einsatz, alt und verbraucht und zu teuer, um sie weiterhin zu benutzen.
    Auch die kleine Firma, die Olivenöl produziert, war interessant. Wir erfahren einen Trick, wie man sehen kann, ob Olivenöl natürlich hergestellt wurde. Soweit ich das verstanden habe, stellt man hierzu das Olivenöl in den Kühlschrank und nach einiger Zeit sollten sich Wasserbestandteile und Öl trennen. Korrigiert mich, wenn ich falsch liege.

    Die Hitze macht zu schaffen, man merkt gegen Nachmittag, wie die Leute immer müder werden. Beim dritten Weinproduzenten tun die Leute bloß noch interessiert, damit der Guide nicht ins Leere redet.

    Malbec ist die berühmteste Weinsorte rund um Mendoza. Malbec gibt es zum Frühstück, zu Mittag und zum Abendessen. Malbec zu jeder Zeit. Wir werden ständig daran erinnert, so viel Wein wie möglich zu trinken.

    Die Temperaturen liegen bei 38 bis 40 Grad. Zwischen 13 und 14 Uhr schließen die meisten Geschäfte und öffnen dann wieder gegen 17 und 18 Uhr oder später.

    Am Sonntag, den 19. Januar trennen sich Renate und Barts und unsere Wege. Es war ein herzlicher Abschied. Manche Begegnungen entwickeln sich zu Freundschaften. Ich zähle die beiden zu meinen Freunden und sehe sie in den Niederlanden wieder.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

    Andis Video Don’t worry be happy

    P.S. Und hier kommt noch der Aufhänger für den nächsten Bericht. Da schreibe ich dann nämlich über unsere erste Bestechung.

     

  • Begegnungen

    Begegnungen

    Album

    Was für eine Woche! Begegnungen mit anderen Leuten sind ein großer Bestandteil  meiner Reise. So handelt dieser Artikel vorwiegend von Begegnungen in den letzten Tagen.

    07.01 – 09.01.

    Bei unserer Ankunft in Bariloche haben wir erhebliche Schwierigkeiten eine Unterkunft zu finden. Es ist Hochsaison. Nachdem wir uns durch gut 10 Hostels gefragt haben, finden wir eine Perle – Bariloche Inn. Die Aussicht auf den Lake Nahuel Huapi ist eine Wucht. Und wegen dem Wetter wärs auch gewesen, warum wir uns für 2 Nächte einquartieren. Wir können in kurzen Hosen rumlaufen! Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal kurze Hosen anhatte.

    Wir sitzen am zweiten Tag am frühen Nachmittag gemütlich auf der Terrasse und kommunizieren über das Internet mit der Heimat. Danach kommen wir ins Gespräch mit Eli (ausgesprochen: ilai) aus den Staaten. Er sitzt auf der Terrasse und liest ein Buch von Stephen King. Ich versuche, seine Geschichte so gut wie möglich wiederzugeben.

    Eli stammt aus armen Verhältnissen und ist 34 Jahre alt. Als er 18, 19 Jahre alt war, hat sein bester Freund Selbstmord begangen. Zu jung, um das zu verarbeiten, hat er sich in Computerspiele, im speziellen in Strategiespiele, vergraben.
    Eli hat dann einen Job bei Microsoft erhalten. Dort war er bei der Entwicklung des Spiels „Ages of Empire“ beteiligt. Ages of Empire ist ein sogenanntes Echtzeit Strategiespiel, bei dem es darum geht, eine Wirtschaft aufzubauen und andere Länder und Völker zu erobern. Er hat bei Microsoft vorwiegend gespielt. Seine Aufgabe war es die künstliche Intelligenz des Spiels zu testen, damit die unterschiedlichen Gegner und Völker ungefähr gleich stark sind. Wie er erzählt, war er einer der Besten der Welt in diesem Bereich. Nach etwa einem Jahr war er ausgebrannt. 80-100 Stunden Arbeit die Woche, waren nicht unüblich.

    Nebenbei hat er schon immer Poker gespielt. Seit fünf Jahren verdient er seinen Lebensunterhalt damit. Wenn er darüber spricht, dann nennt er es Arbeit. Er ist nicht reich, kann aber gut davon leben. Irgendwann in seinem Leben hat er mit einem Geschäftspartner ein Haus angemietet und dort ein illegales Pokercasino betrieben. Nachdem sie einmal ausgeraubt wurden, haben sie Sicherheitstüren einbauen lassen und Scheriffs, die sich etwas dazu verdienen wollten, als Sicherheitsleute engagiert.
    Irgendwer hat sie dann verpfiffen und das Haus wurde von einem SWAT Team gestürmt. Aufgrund der Sicherheitstüren hat das eine Weile gedauert. Eli erzählt, er hat seine Arme hinter dem Kopf verschränkt, gewartet und auf einem Monitor zugesehen, wie die Einsatzkräfte gut 15 Minuten gebraucht haben, um die Sicherheitstüren aufzubrechen. In Folge war er drei Tage im Gefängnis und ihm wurde das Wahlrecht in den Staaten entzogen.

    In den Vereinigten Staaten erhalten Berufsspieler, die bei Online Casinos ihr Geld verdienen, kein Bankkonto bei einer einheimischen Bank. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob das gesetzlich geregelt ist, oder ob einfach die Banken das nicht machen. Viele Berufsspieler haben deshalb das Land verlassen. Eli hat gut ein Jahr irgendwo in Asien gelebt, im Moment nennt er Mexico City seinen Hauptwohnsitz. Aktuell ist er eine Weile in Südamerika unterwegs, bevor er wieder an die Arbeit geht.

    Als wir auf Eli getroffen sind, haben wir schon am frühen Nachmittag mit Bier begonnen. Wir trinken gemütlich über den Nachmittag in den Abend hinein und räumen den Kühlschrank leer. Irgendwann treibt uns der Hunger in das Stadtzentrum, wo wir ein Steak zu uns nehmen.

    Entlang der Hauptstraße befindet sich ein Indoor Eislaufplatz. Schon bei meinem ersten Besuch in Bariloche wollte ich Eislaufen gehen. Wir holen dies nach.
    Eli steht seit Kindheit wieder das erste Mal auf Eislaufschuhen, schlägt sich aber sehr gut. Ich bin seit Jahren nicht mehr gelaufen, habe aber durch Inline Skating eine gewisse Übung. Andi hat lange Zeit Eishockey gespielt, musste aber wegen Knieverletzungen aufhören. Er ist der König auf dem Eis, läuft vorwärts, rückwärts, schlägt Haken, dreht Pirouetten und springt Rittberger. Ein paar Leute winken ihn an den Rand des Eislaufplatzes. Sie bitten ihn, ihren Kindern ein wenig Nachhilfe zu geben. So eine halbe Stunde auf dem Eis kann ganz schön anstrengend sein.
    Zurück im Hostel ist klar, dass morgen nicht an eine Weiterfahrt zu denken ist. Es ist 3 Uhr in der Früh, zu Hause sitzen die Leute schon in der Arbeit. Ich telefoniere noch kurz mit einem Freund.
    Heute war ein guter Tag.

    Am nächsten Tag: spät aufstehen, frühstücken, zurück ins Bett und dann auf der Couch von einer Ecke in die andere fallen. Andi schneidet Videos, ich widme mich der „Readheaded League“ und anderen Geschichten.

    10.01.

    Lange Zeit fahren wir auf einer wunderschönen Strecke den Rio Negro entlang. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Geschichte hier ziemlich fad wird. 40 km vor Neuquen erwischt es Andi erneut. Wir sind so nah am Ziel. Die Reifenhändler in Neuquen warten sicher schon darauf, mit uns Geschäfte zu machen.
    Andi versucht, sich in ein nahes Dorf namens Senillosa zu retten. Aber nur 1 1/2 km davor ist der Reifen komplett hinüber und wickelt sich von der Felge.
    Ich laufe im Dorf von A nach Z bis ich endlich jemanden finde, der einen Anhänger hat. Wir bringen das Motorrad zum einzigen Hotel in diesem Dorf. Zumindest muss er nicht im Zelt schlafen.

    Ich schnalle Andis Reifen samt Felge auf meine Motorrad und fahre weiter nach Neuquen. Alle Hostels die ich abfahre sind voll. In einem der Hostels kann ich im Garten das Zelt aufschlagen. Das erste Mal auf meiner Reise, dass ich das Zelt benutze. Das erste Mal auf meiner Reise, dass ich das Zelt überhaupt auspacke. Ich bin gespannt, in welchem Zustand es ist, nachdem es den unterschiedlichen Witterungen ausgesetzt war – Regen, Schnee, Staub, Kälte, Hitze, … . Es sieht gut aus. Auch in meinem Schlafsack, den ich ebenfalls das erste Mal auspacke, haben sich noch keine Mäuse oder anderes Getier eingenistet.

    Mein Motorrad liefere ich noch am Abend beim BMW Händler ab. Schön langsam bin ich der Überzeugung, dass mein Motorrad weiblichen Geschlechts ist, es möchte schon wieder neue Schuhe. 😉 Nichtsdestotrotz habe ich mit meinem Vorderreifen einen guten Griff gemacht 27.631km.
    Auch mein Dichtring für den linken Stoßdämpfer wird ausgetauscht.
    Andis Reifen wird nun ebenfalls von einem Profi aufgezogen – diese Probleme haben sich damit hoffentlich erledigt.

    11.01.

    Ich hole gegen Mittag mein Motorrad ab und komme mir beim Bezahlen vor wie ein Huhn, das gerupft wird.
    Gegen halb 2 Uhr Nachmittags bin ich bei Andi.
    Andi hat in der Zwischenzeit Hilfe von Maximilian angeboten bekommen. Maximilian und Alba, seine Frau, wohnen ein paar Meter vom Hotel entfernt. Wir werden von den beiden zum BBQ eingeladen, Argentinian Style auf Holzkohle. Wieder mächtig viel Fleisch.
    Maximilian ist Polizist, hat selbst zwei Motorräder. Er war oder ist noch immer bei der Motorradpolizei, schätzt aber die ruhige Arbeit hier im Dorf und in der Umgebung.

    Andi und ich fahren am späten Nachmittag noch weiter Richtung Norden und machen Halt in „25 de Mayo“, eine kleine Stadt, die entlang der Straße liegt.

    Gegenüber dem Hotel gibt es ein kleines Lebensmittelgeschäft, wo wir ein paar Sachen einkaufen. Wir plaudern dann ein paar Minuten mit dem Verkäufer vor der Tür. Als wir so draußen stehen, stoppt ein Polizist und fragt nach der Polizeistation. Der Verkäufer erklärt den Weg. Dann fragt er mich, ob ich ein Reisetagebuch schreibe. Ich: „Ja.“ Er lachend: „Das gibt es in Österreich sicher nicht, dass ein Polizeibeamter nach der Polizeistation fragt. Hier in 25 de Mayo schon.“ Ich soll das unbedingt in meinem Reisebericht erwähnen.

    12.01. / 13.01.

    Der Bezirk, durch den wir fahren, wurde wohl der Einfachheit halber nach der Landschaft benannt „La Pampa“.
    Irgendwo mittendrin stoppen wir. Schon wieder steht eine Honda African Twin mit einem platten Reifen am Straßenrand. Auch ein Andreas aus Cordoba. Der Reifen ist ausgebaut. Andreas erzählt uns, dass er bereits das vierte Mal den Reifen flickt. Cordoba ist maximal 1.000km entfernt. Andreas aus Argentinien hat keinen passenden Schlauch dabei, bloß irgendeinen, den er irgendwo in der letzten Stadt ergattern konnte. Andi, aus Österreich, schenkt ihm seinen geflickten Schlauch. Wir helfen ihm beim Einbau und hoffen für ihn, dass der Schlauch die nächsten 300km bis Neuquen hält.

    Sind Personen mit dem Namen Andreas, die mit einer African Twin durch SüdAmerika reisen, grundsätzlich von Problemen mit Luft (Aire) im Reifen betroffen? Oder führt eine Fahrt über 400km, meist geradeaus, durch Pampa, bei gleißender Sonne, zu wirren Gedanken?

    Etwa 60km vor San Rafael bleibt Andi, glaubt mir oder nicht, wieder mal am Straßenrand stehen. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob er ein Fahrzeug oder ein Stehzeug hat. Die Benzinpumpe ist ausgefallen. Da Andis Motorrad einen Vergaser hat, kann er das Problem überbrücken. Solange der Benzin im Tank höher als der Vergaser liegt, tut die Schwerkraft ihre Arbeit und versorgt den Motor mit Treibstoff.

    Von Steve erhalten wir eine lustige Mail, in etwa: „ … Wenn das so weitergeht, wird Jürgen bald bereuen, dich auf die Reise eingeladen zu haben … ich habe mir überlegt eine Zeit lang mit euch zu reisen, aber wenn ich mir die Probleme so ansehe, bin ich lieber alleine unterwegs … ich werde euch sicher bald wieder einholen, aber wundert euch nicht, wenn ich einfach an euch vorbeifahre, ohne stehen zu bleiben …“

    Das Zentrum von San Rafael lässt sich in kurzer Zeit ablaufen. Die Stadt lädt nicht ein, für mehrere Tage zu verweilen, aber es ist hier sauber und grün. Hohe Laubbäume in den weiten Straßen spenden zusätzlichen Schatten. Die Straßen sind gitterförmig angelegt, bieten aber am Vormittag immer die Möglichkeit, dass man sich im Schatten bewegt. Ob die Gründer und Stadtplaner damals schon so weitsichtig waren, die Stadt auf diese Weise anzulegen?
    Zwischen 13 und 17 Uhr schließen die meisten Geschäfte. Siesta. Draußen ist es dann ziemlich warm.
    Wir passen uns den lokalen Gepflogenheiten an. Erst am Abend beginnen sich die Straßen wieder mit Leben zu füllen.

    Am letzten Tag in San Rafael machen Andi und ich mit unseren Motorrädern einen Tagesausflug in den Canon Atuel. Ich werde nicht erneut darüber schreiben, wie schön die Strecke war, sondern die Bilder für sich sprechen lassen. Herausstechend war das Bad im Fluß, mitten auf der Strecke.

    Wir sehen am Abend noch bei einem Mechaniker vorbei, der vortags Andis Benzinpumpe ausgetauscht hat und mir meinen Kofferhalter schweißt, der an einer Stelle gebrochen ist. Wenn wir schon da sind, lasse ich auch gleich das Öl wechseln. Das alles inklusive Hausdackel.

    Im Hostel sind Andi und ich die einzigen Ausländer unter all den Argentiniern. Ich erlebe einen der nettesten Abende auf meiner Reise. Ich werde von ihnen „gezwungen“ mich auf spanisch zu unterhalten, man lernt mir „Truco“, ein lustiges Kartenspiel und ich trinke Mate, ein typisches südamerikanisches Getränk. Vielen Dank an all die Leute im Hostel für einen unvergesslichen Abend.

    Von Andreas aus Cordoba erhalte ich eine e-mail, dass er es mit unserem geflickten Schlauch bis nach Neuquen geschafft hat.

    Und dann waren da noch all die anderen Kleinigkeiten. Andi verliert wiederholt seinen Reservekanister. Da ich hinter ihm bin, sammle ich ihn auf, der Springbrunnen mit Wein, „Freddy Krueger“ im Hostel in San Rafeal, ein Drum-Player mit Alkoholproblemen, mit Vorfahren aus Deutschland, der sich Recht und Schlecht mit Unterricht und Gelegenheitsarbeiten durchs Leben schlägt, immer zu wenig Geld in der Börse, … .

    Mittlerweile sind wir in Mendoza, wo wir uns wieder mit Renate und Bart getroffen haben – treue Leser wissen, wer die beiden sind. Aber darüber schreibe ich mehr im nächsten Artikel.

    Danke fürs Lesen, Jürgen

  • auf Wiedersehen Chile

    auf Wiedersehen Chile

    Album

    30.12. – 01.01.

    Am letzten Tag des Jahres machen wir einen Ausflug zum Perito Moreno Gletscher.
    Ein äußerst beeindruckender Anblick. Der Gletscher ist vom Grund des Sees ca. 100m hoch, die Gletscherwand ragt über Wasser zwischen 55m und 77m in die Höhe. Die gesamte Breite der Gletscherwand beträgt etwa 5km. Der Gletscher schiebt sich im Jahr über 750 Meter voran. Das Eis schimmert weiß-blau im Sonnenlicht. Nahe am Boden muss das Eis unheimlich dicht gepresst sein, es hat teilweise eine ganz eigene blaue Farbe, als würde es sich um einen Edelstein handeln. Andauernd hört man lautes knacken. Immer wieder brechen große Stücke von der Wand ab und stürzen in das Wasser. Wann immer ein Bruch zu hören ist, springen Leute mit ihren Kameras durch die Gegend. Meistens natürlich zu spät.

    Beim Gletscher treffen wir wieder auf Hitch und Lee, zwei Neuseeländer, die wir schon in Punta Arenas getroffen haben. Mit ihnen und ein paar Argentiniern ziehen wir zu Silvester um die Häuser. Der Neujahrstag vergeht dann weitgehend auf der Couch.

    02.01. – 05.01.

    Am 2. Januar machen wir einen riesigen Satz nach Norden, von El Calafate nach Perito Moreno. Erneut geht es durch starken Wind, Regen und manchmal auch durch leichten Schneefall. Perito Moreno dient, wie auch schon bei meiner Fahrt Richtung Süden, nur der Übernachtung. Unser Ziel ist die Carretera Austral. Wir möchten sie ein Stück nach Norden fahren.

    Bei Chile Chico setzen wir über die Grenze. Die Welt ist klein, beziehungsweise läuft man sich hier unten immer wieder über den Weg. An der Grenze begegnen wir zwei Deutschen, Rosi und Alfred, die in Ushuaia im selben Hostel wie wir waren. Wir fahren gemeinsam weiter.

    Andi und ich sind etwas voraus. Nach nicht allzu vielen Kilometern geht Andis Schlauch im Hinterreifen erneut kaputt. Wir haben den Hinterreifen schon ausgebaut, als Rosi und Alf eintreffen.

    Bei jedem Mal lernt man etwas dazu. Alf zeigt uns, wie man in wenigen Sekunden mit dem Seitenständer des Motorrades den Reifen von der Felge löst. Wir werden immer schneller beim Reifen wechseln. Noch ein paar mal und wir können mit der Formel 1 konkurrieren.

    Staunend fahren wir mit offenem Mund durch die Gegend, die Landschaft ist einfach unbeschreiblich schön.
    Die Nacht verbringen wir in Puerto Rio Tranquillo. Puerto Rio Tranquillo ist ein kleines Dörfchen, ein paar Häuser, ein paar Hostels, eine Tankstelle. Die große Attraktion hier sind die Marble Caves, eine Höhlenformation, die durch Wind und Wetter etwas bizarr geformt ist und im türkisen Wasser des Lago Buenos Aires schimmernd nur mit dem Boot erreichbar ist.

    Bevor wir am nächsten Tag weiterfahren, machen wir eine Tour zu den Marble Caves. Es ist ein wahrer Höllenritt auf der rauen See. Man möchte kaum glauben, wie hoch der Wind die Wellen aufpeitscht. Sie sind 1 bis 1 1/2 m hoch. Wir sitzen inkl. Kapitän zu acht in einem kleinen Boot, das hart auf die hohen Wellen aufschlägt. Das kalte Wasser spritzt über die Bordwand in das innere des Bootes. Einen Ausflug auf einem See stellt man sich gemütlicher vor. Auf der Rückfahrt müssen wir noch stärker gegen den Wind und die Wellen ankämpfen. Mit dieser Wildheit hat keiner gerechnet. Wir sind froh als wir wieder an Land sind.

    Auf zwei Rädern fühlen wir uns weitaus sicherer und fahren weiter nach Coyhaique, der größten Stadt hier an der Carretera Austral. Die Fahrt ist etwas anstrengend, teilweise loser Schotter, viele Kurven, viele Schlaglöcher und Wellbrett Pisten. Nichtsdestotrotz vermag die Natur erneut zu verzaubern. In Coyhaique machen wir einen fahrfreien Tag.

    06.01.

    Unsere Wege trennen sich wieder. Rosi und Alf entscheiden sich, mit einer Fähre weiter nach Norden zu ziehen. Andi und ich fahren auf dem Landweg weiter. Es waren drei äusserst nette Tage mit den beiden. Gute Reise ihr zwei. Vielleicht sieht man sich noch mal … spätestens bei unserer nächsten Panne :-).

    Die Fahrt auf der Ruta 7 macht richtig Spaß. Wir sind gut unterwegs und fahren an die 450km durch bis Futaleufu, knapp vor der argentinischen Grenze. Am Anfang ist die Strecke asphaltiert. Dann geht es meist auf 1 1/2 Spuren durch den Wald. Manchmal regnet es leicht. Hin und wieder gibt es loseren Schotter. Der Regen ist zwar nicht sehr angenehm, bindet aber den Staub. Mit höherer Geschwindigkeit rauschen wir dahin, das Hinterrad tänzelt oft leicht auf dem losen Untergrund. Es ist eine Freude, auf dieser Strecke dahinzugleiten.

    Wie erwähnt, man sieht sich hier immer wieder. Über die drei Tage treffen wir auf der Strecke auch mehrmals auf eine Gruppe von vier Chilenen, die ein paar Tage unterwegs sind. Einer der vier hat ein Motorrad Geschäft, gibt uns Tipps wo wir Ersatzteile kaufen können.

    Die Suche nach einer Unterkunft ist im Moment etwas schwierig, weil hier Hochsaison ist. Das erste Hostel in Futaluefu ist voll. Wenige Meter weiter sehe ich bei einem Restaurant „Hostal“ mit Kreide auf eine Tafel geschrieben. Ich frage nach. Wir haben gesamt noch 46.000 CLP für die letzte Nacht in Chile übrig. Ab Morgen sind wir in Argentinien. Die Nacht, inkl. hervorragendem Frühstück, erhalten wir für 26.000 in einer Cabana mit großem Vorzimmer und großem Schlafzimmer … luxuriös. In einem Supermarkt kaufe ich für 4.000 noch etwas Wasser, Kekse und ein paar Bier.

    Das Hostal / Restaurant / Souvenir Geschäft wird von einem sehr netten jungen Ehepaar geführt, Sie kümmert sich um das organisatorische, Er steht in der Küche, des Weiteren geht eine Küchenhilfe mit zur Hand.

    Wir möchten im Restaurant zu Abend essen, ich sage: „Es ist unser letzter Tag in Chile. Wir haben noch 16.000 CLP übrig. Wir nehmen zwei Bier, für den Rest des Geldes kocht uns bitte irgendetwas.“ Der Koch zaubert uns zwei große, hervorragend schmeckende Teller Nudeln auf den Tisch.

    Am Morgen, der Abfahrt, werden wir mit einer Umarmung und „Buen Viaje“ auf die Reise gesendet. Ich habe so oft eine Herzlichkeit von fremden Personen in Südamerika erfahren. Ich hoffe, dass ich ganz viel davon mit nach Hause mitnehme und auch behalte.

    Weiter im Norden, in Rosario, hat die Dakar Rallye gestartet. Durch die verspätete Ankunft von Andis Motorrad können wir leider nicht dabei sein. Aber wir werden versuchen ein, zwei Etappen nachzufahren, wenn wir da oben sind.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

    seht euch auch Andis Video Highway to Hell an

  • weit sind wir nicht gekommen

    weit sind wir nicht gekommen

    Fotos Album
    Andis Video über die ersten Tage

    22.12.

    Tagesausflug zum Fort Bulnes, etwa 60 km süd-östlich von Punta Arenas. Eine der ersten Siedlungen in dieser unwirtlichen Gegend, um die Magellan Straße zu überwachen. Nach ungefähr 6 Jahren sind sie ein Stück weiter nach Norden gezogen und haben Punta Arenas gegründet, weil sie die Wetter und andere Natur-Bedingungen da unten nicht ausgehalten haben.
    Wir treffen im Hostel zwei Burschen und ein Mädchen, die zu Fuß vier Tage noch ein Stück weiter nach Cabo Froward gewandert sind. Cabo Froward ist der südlichste Punkt des Festlandes. Sie erzählen, dass sie viele Flüsse und Bäche überqueren mussten. Es ist ihnen so vorgekommen, als würde die Erde das ganze Wasser, das durch den Kontinent rinnt, da unten ausweinen.

    23.12.

    Wir laufen von A bis Z alles ab und versuchen rauszufinden, wo wir hin müssen, um Andis Motorrad aus dem Zoll zu bekommen.
    Am frühen Nachmittag sehen wir dann im Internet, dass das Schiff angelegt hat. Wir fahren zum Frachthafen und fragen wie lange das abladen dauert und ob es noch möglich ist, das Motorrad am 24. Vormittag abzuholen. Wir erhalten die Antwort, dass sie das nicht genau sagen können. Bei starkem Wind werden die Container nicht vom Schiff gehoben. Man sieht, wer hier unten bestimmt, wann gearbeitet wird.
    Wenn ich so nachdenke, ich bin mir sicher, dass das Wort „Wind“ am häufigsten in meinem Blog vorkommt. Manchmal rüttelt er so stark am Motorrad, wenn es abgestellt ist, dass die Alarmanlage losgeht.

    Am Abend treffen wir Steve und Judy zum Essen. Auch sie sitzen auf unbestimmte Zeit in Punta Arenas fest und warten, dass ihr Ersatzteil eintrifft.

    24.12.

    Während ich mein Motorrad zum Mechaniker bringe, läuft Andi zum Hafen und startet einen letzten Versuch mit seinem Motorrad.

    Ich habe Glück. Mein Dichtring am Stoßdämpfer ist nicht kaputt. Es hat sich nur zu viel Dreck abgelagert und die Dichtung war einfach nicht mehr dicht und hat den Ölaustritt verursacht.

    Andi hat kein Glück. Der Container wurde zwar abgeladen, aber der Zoll öffnet diesen heute nicht mehr. Er bekommt zumindest ein Datum genannt – 26.12.

    Es macht für ihn keinen Sinn, mit nach Puerto Natales zu kommen. Wir entscheiden uns für eine Trennung. Andi bleibt in Punta Arenas. Ich mache mich auf den Weg nach Puerto Natales.

    Und während ich am frühen Nachmittag mit klammen Fingern und klappernden Zähnen Richtung Norden fahre, denke ich an euch zu Hause, wie ihr im warmen Wohnzimmer – vielleicht vor einem Kamin – sitzt und eure Geschenke auspackt.

    Im Hostel verbringe ich einen sehr netten Abend mit ein paar Leuten. Bis spät in die Nacht hinein sitzen wir zusammen und quatschen.

    25.12.

    Regenwetter. Punkt.
    Ich widme mich den gesammelten Werken von Sir Arthur Conan Doyle.

    26.12.

    Warten auf meinen Kumpel. Erneut liege ich weitgehend auf der Couch rum. Am Nachmittag erhalte ich endlich eine Nachricht, dass er und sein Motorrad vereint sind und dass er auf dem Weg nach Puerto Natales ist. Die ganze Prozedur hat etwas länger gedauert als angenommen. Wie Andi erzählt, mussten sie zu dritt auch noch auf die Jagd nach einem blinden Passagier in Form eines Insektes gehen.

    27.12.

    „Wieder unterwegs“, das war der ursprüngliche Titel dieses Artikels. Die nächsten zwei Tage werden wieder zu einer Herausforderung. Wir freuen uns, dass wir knapp zwei Wochen nach Andis Ankunft endlich mit zwei Motorrädern unsere gemeinsame Reise starten können. Wir kommen nicht sehr weit, schaffen gerade mal 200 km.
    Über die Ruta 9 fahren wir Richtung Nationalpark Torres del Paine. Eine wunderschöne Strecke. Wir bleiben ein paar mal stehen, um Fotos zu machen. Die wolkenverhangenen drei Zacken können wir auch aus der Entfernung betrachten, deshalb verzichten wir darauf, den teuren Eintritt in den Park zu zahlen. Bei der Ortschaft Torres del Paine überqueren wir die Grenze zu Argentinien mit dem Ziel El Calafate. Wir möchten 2 Nächte bleiben, um eine Tagestour zum Gletscher Perito Moreno zu machen.

    Kurz nach der Grenze bleibt Andi stehen. Irgendetwas stimmt nicht. Ich bemerke, dass sein Hinterreifen keine Luft hat. Andi ist keine 500km gefahren und hat seinen ersten Platten. Noch dazu der Hinterreifen. Der Vorderreifen wäre viel einfacher zu wechseln. El Calafate liegt noch 200 km vor uns.
    Andi hat noch einen zweiten Schlauch und wir beginnen den Hinterreifen auszubauen. Als wir diesen herunten haben, nähert sich ein Motorrad. Es ist Steve aus Amerika mit dem wir gemeinsam auf der Fähre von Porvenir nach Punta Arenas waren. Wir sind leider nicht mit Montiereisen ausgerüstet. Steve hingegen schon. Er bietet uns seine Hilfe an. Er sagt, dass er schon viele Reifen gewechselt hat und erklärt uns, wie man am besten vorgeht, wo man am ansetzt, worauf man acht geben sollte.

    Andis Hinterreifen hätte komplett neu sein sollen. Wir kommen drauf, dass der Schlauch viel zu groß für den Reifen war und drinnen verwurstet ist. Der Schlauch war auch nicht neu, sondern bereits zweimal geflickt. Ebenso war der Reifen entgegen der Laufrichtung auf der Felge montiert. Sein Reifenhändler hat da ordentlich was versaut. Da wir schon dabei sind, nehmen wir gleich den ganzen Reifen von der Felge, um auch diesen Fehler zu korrigieren. Von der Felge genommen sehen wir dann, dass der Reifen innen komplett aufgerieben ist, Gummistücke fallen heraus. Steve meint sofort, der neue Schlauch wird sehr schnell kaputt gehen.

    Wir entscheiden uns trotzdem den Ersatzschlauch einzubauen und zu versuchen so weit wie möglich zu fahren. Nach ungefähr 2 1/2 Stunden mühsamer Arbeit sind wir bereit, weiter zu fahren. Steve sollte recht behalten. Andi kommt nur wenige Kilometer weit und der Hinterreifen ist wieder platt. Auf meinem GPS Gerät sehe ich, dass sich etwa 30 km weiter eine Tankstelle befindet. Andi fährt langsam und schlingernd mit seinem platten Reifen weiter.
    Steve bleibt bei uns. Sein Sprit wird knapp. Wir erreichen die Tankstelle Tapi Aike. Es ist bloß ein Außenposten. Zwei Zapfsäulen, eine Mini Shop, wo man das Notwendigste kaufen kann, eine Polizeistation mit Zusatzgebäude und eine Garage. In einer offenen Halle stehen ein paar Baufahrzeuge rum. Sprit wird aktuell keiner verkauft, den gibt es nur für Einheimische und Notfälle. Es sind gerade mal 4 Leute hier. Der Tankwart, der nicht immer da ist. 2 Polizisten und ein Bauarbeiter, der aber nur temporär hier ist, weil er auf einer der Estancias etwas baggern muss. Es gibt kein Telefon, kein Mobilfunknetz und auch über Funk kann man El Calafate nicht erreichen. Wo sind wir hier? Werden die Polizisten hierher strafversetzt, wenn sie Mist gebaut haben?

    Wir überlegen einen Plan und entscheiden dann, dass Andi in Tapi Aike campt, ich heute 110 km zurück nach Puerto Natales fahre, morgen 250 km nach Punta Arenas, um einen Reifen und einen Schlauch zu kaufen.
    Wir rechnen das zeitmäßig durch. Wenn ich gegen 7 starte, bin ich in 3 1/2 Stunden in Punta Arenas. Ich brauche ca. 2h bis 2 1/2h bis ich einen Reifen und Schlauch finde und bin gegen 16 Uhr wieder bei Andi. Er bereitet alles soweit vor, dass wir gleich mit der Arbeit beginnen können. Wir schaffen es in zwei Stunden den Reifen zu montieren und erreichen dann El Calafate, das noch ca. 160 km entfernt liegt, gegen 20 Uhr abends.
    Für mich wird es eine verdammt harte Tour. 75 0km an einem Tag, aber es ist zu schaffen. Soweit unser Plan.

    Ich verlasse die beiden. Andi gibt Steve noch 2 Liter Benzin, damit dieser es bis zur nächsten Tankstelle schafft. Ein Polizeibeamter zeigt Andi einen Platz, wo er ein Zelt aufstellen kann. Die Nacht ist eisig und Andi hat keinen Schlafsack. Am nächsten Tag wacht Andi neben einer Katze und einem Hund auf, die ebenfalls Unterschlupf in seinem Zelt gesucht haben.

    Aufgrund der vielen Wechsel zwischen Chile und Argentinien und der vielen Aufregung, weiß ich schon gar nicht mehr, in welchem Land ich gerade bin und in welches ich einreisen möchte. Die Grenzbeamten möchten wissen, warum ich am selben Tag wieder zurück nach Chile möchte. Gegen 21 Uhr erreiche ich Puerto Natales, komme in einem Hostel unter und versuche noch über Internet rauszufinden, wo es in Punta Arenas Reifen gibt. Der andere Steve, mit Judy, gibt mir Tipps. Wie erwähnt, sitzen die beiden ja auch noch immer in Punta Arenas fest und warten auf die Teile für ihre Harley.

    28.12.

    Unser Plan von gestern war ja gut durchdacht. ABER … wir haben einen wichtigen Faktor vergessen … Das Wetter!
    Am Morgen regnet es. Das ist bei dieser Kälte zwar nicht so fein, aber was soll ich machen? Ich mache bei meiner Kleidung dicht, was dicht machen geht und fahre kurz nach 7 Uhr los.

    Die Handschuhe sind bereits nach kurzer Zeit durchnässt. Mehrmals bleibe ich stehen und halte meine Hände hinten an den Auspuff, um sie zu wärmen. Ich ziehe noch ein paar Socken über meine Handschuhe, das hilft aber auch nur begrenzt. Kurzzeitig schneit es dann auch noch. Etwa 50km vor Punta Arenas wird das Wetter zum Glück besser.

    Wegen dem schlechten Wetter und den Pausen, ist es schon nach 11 Uhr, als ich endlich in Punta Arenas ankomme. Ich fahre zuerst zum BMW Mechaniker, der mir Tage zuvor meinen Stoßdämpfer repariert hat. Der hat geschlossen. Ich fahre weiter zu einem Honda Händler, den wir bei einem Spaziergang entdeckt haben. Dieser hat keinen passenden Reifen. Ich fahre weiter in die zollfreie Zone. Dort erhalte ich beim dritten Geschäft endlich einen Reifen. Schlauch haben sie keinen. Der Verkäufer telefoniert rum und gibt mir eine Adresse, wo ich einen passenden Schlauch erhalte. Dort muss ich eine Nummer ziehen.
    Ich habe Nummer 48, aktuell wird Nummer 28 bedient. Es ist 12:10. Samstags schließen die Geschäfte um 12:30. Ich habe Angst, dass ich nicht mehr bedient werde und mache mich bereit, wenn notwendig, um Hilfe zu betteln. Als ich den Schlauch in Händen halte, ist es schon fast 12 Uhr 45. Ich habe keine Chance mehr Montiereisen zu beschaffen.

    In Punta Arenas ist es warm und sonnig. Die Leute laufen mit kurzen Ärmeln rum. Ich hoffe bloß, dass sich das Unwetter im Norden verzogen hat oder dass es sich zumindest abgeregnet hat. Weit gefehlt, es wird viel schlimmer. Als ich mich wieder den Wolken nähere, wird es eisig kalt. Zuerst beginnt das Wasser der Regentropfen an meinem Visier zu frieren. Bald darauf beginnt es stark zu schneien. Die großen nassen Schneeflocken klatschen mir an den Helm und nehmen mir nach wenigen Sekunden die Sicht. Andauernd wische ich mit meiner linken Hand das Visier frei. Manchmal stecke ich die Hand zwischen die Beine, um sie ein wenig zu wärmen. Meine rechte Hand am Gashebel ist dem Wetter gnadenlos ausgeliefert.

    Für gut 100 km quäle ich mich durch einen heftigen Schneesturm. Die Landschaft färbt sich langsam in weiß. So sieht der Sommer in Patagonien also aus.
    Ich denke nicht, ich fühle nicht, ich klammere mich bloß an meinem Motorrad fest und gebe Gas. In Puerto Natales tanke ich noch mal auf und trinke zitternd eine heißen Becher Kaffee. Der verschwindet ohne Wirkung in meiner kalten Kehle. Bei der Passkontrolle zu Argentinien bildet sich eine Pfütze um mich, weil mir das Wasser aus Ärmeln und Hose tropft.

    Kurz nach 18 Uhr komme ich endlich bei Andi an. Keine Zeit zu plaudern, sehen wir zu, dass wir fertig werden! Andi beginnt mit der Montage. Ich setze mich kurz an den Ofen, um mich ein wenig aufzuwärmen, dann helfe ich Andi. Zeitweise bekommen wir auch Unterstützung von dem Bauarbeiter. Der Bauarbeiter hat ein frisches Lamm und fragt uns, ob wir mit ihm Abendessen möchten, er kann es in den Ofen schieben. Ich lehne dankend ab und sage, dass wir so schnell wie möglich von hier weg wollen.
    Nach 2 Stunden ist der Reifen endlich fertig. Aufpumpen. Die Luft bleibt nicht im Reifen. Es ist zum Mäuse melken. Ohne richtiges Werkzeug haben wir den Schlauch wohl kaputt gemacht, als wir den Reifen auf die Felge gewuchtet haben.

    Langsam kriecht Verzweiflung hoch. Was tun? Andi meint, er hält mich nur auf, ich soll alleine weiterfahren, er wird schon irgendwie weiter kommen. Aber es wird niemand zurückgelassen.
    Nach der heutigen Fahrt will ich nicht und kann ich nicht hier draußen bleiben. Wir treffen erneut eine Entscheidung. Andi bleibt eine weitere Nacht hier. Diesmal darf er drinnen schlafen. Ich fahre nach El Calafate, organisiere dort ein Hostel, sehe mich am nächsten Morgen nach irgendeiner Lösung um und komme zurück. Andis Plan war, den kaputten Reifen zu montieren und die 160 km Nach El Calafate zu fahren. Eine verrückte Idee.

    Ich komme gegen 22 Uhr im Hostel an, laufe dann noch durch ein paar Geschäfte, um Geld auf dem „Schwarzmarkt“ zu wechseln. Das heißt, in kleinen Lebensmittelmärkten oder Souveniershops zu fragen. Der offizielle Kurs liegt bei 1USD = 6 Pesos. Auf dem „Schwarzmarkt“ kriegt man zwischen 8 und 9 Pesos für 1 USD. Danach kaufe ich noch etwas zu essen. Ein Sandwich, eine 200ml Flasche Whiskey und Wasser. Der Verkäufer spricht englisch und meint: Eine seltsame Kombination.
    Vom ständigen Kopf einziehen und gegen den Wind ankämpfen, der dauernd am Helm rüttelt, bin ich am Genick und Schultern vollkommen verspannt. Nachdem ich gegessen und ein paar Schlücke aus der kleinen Flasche genommen habe, falle ich nur mehr erschöpft ins Bett.

    29.12.

    Ausgeruht bin ich bei weitem nicht. Gegen 10 Uhr fahre ich los zu Andi. Meine Idee: Andi samt Reifen und Felge aufzuladen und nach El Calafate zu bringen. Den Reifen am nächsten Tag reparieren zu lassen – heute ist Sonntag – und ihn zurück zum Außenposten zu bringen, um das Motorrad zu holen.
    Als ich in Tapi Aike ankomme, kann ich meinen Augen nicht trauen. Andi ist bereit abzufahren – mit seinem Motorrad, mit dem neuen Reifen und einem geflickten Schlauch. Der Halunke hat es doch tatsächlich alleine geschafft, alles wieder hinzukriegen – den Schlauch zu flicken und den Reifen auf die Felge zu wuchten.
    Bis 11 Uhr abends hat er gearbeitet. Er ist noch rechtzeitig fertig geworden, bevor sie den Stromgenerator abgedreht haben und alles dunkel wird. Nach den zwei Tagen ist auch er fix und fertig. Zwei mal fällt er einfach samt Motorrad um, als wir auf der Strecke nach El Calafate kurz stehen bleiben. 10 km vor El Calafate geht ihm auch noch der Sprit aus. Es ist ein Drama.
    Als wir endlich am frühen Nachmittag das Hostel erreichen, nimmt er nur noch eine Dusche. Binnen Sekunden schläft er ein.

    Wir bleiben bis 2. Januar 2014 in El Calafate. Wir brauchen eine Pause.

    Als wir Abends essen gehen, treffen wir wieder auf Steve. Steve ist 55 Jahre alt und hat viele Jahre als Lehrer in Afrika gearbeitet. Er ist seit 18 Monaten unterwegs, in Afrika, Asien und jetzt in Südamerika. Die Wiedersehensfreude ist groß. Wir sitzen am Abend gemütlich in unserem Hostel bei zwei Flaschen Wein zusammen und erzählen Geschichten.

    Danke fürs Lesen und einen guten Rutsch, Jürgen.

    Besucht auch Andis Beitrag, um seine Version der Geschichte zu lesen

  • Wo geht es hier nach Alaska?

    Wo geht es hier nach Alaska?

    Album

    … aber zuerst Mal die Geschichte zur letzten Etappe nach Ushuaia.

    17.12.

    Wir stehen sehr früh auf. Um 9 Uhr geht die Fähre nach Isla Grande de Tierra del Fuego. Eine Stunde vorher „muss“ man am Fährhafen sein. Auch einige Leute aus dem Hostel sind vor Ort. Ein Franzose, der seit gut 2 1/2 Jahren mit dem Fahrrad unterwegs ist und ein paar Backpacker, die Isla Magdalena mit ihren vielen Pinguinen besuchen wollen. Steve und Judy treffen mit ihrer Harley ein. Mit ihnen wollen wir gemeinsam bis über die argentinische Grenze fahren.

    Die Überfahrt nach Tierra del Fuego dauert knapp 2 1/2 Stunden. Die Insel ist zweigeteilt. Ein Teil gehört Argentinien, ein Teil Chile. Die ersten 150km sind erneut Schotterpiste, aber in einem sehr guten Zustand, es staubt bloß sehr. Wir fahren Richtung Osten, haben Rückenwind und kommen gut voran.
    Wenn man in einer Gruppe fährt, ist der Blick ständig im Rückspiegel. Mal verliert man sich, weil jemand Pinkelpause macht, aber es kann auch andere Gründe geben.
    Andi und ich haben die Führung. Nach ungefähr 120km verlieren wir Steve und Judy aus den Augen.
    Nachdem wir ein, zwei Minuten gewartet haben und die beiden nicht auftauchen, steigt Andi ab und ich kehre um. Die Harley steht am Straßenrand. Steve ist am schrauben. Er weiß noch nicht was los ist. Ich sehe zu. Nach einer Weile hole ich Andi ab, der gut 1 1/2 Kilometer weiter wartend am Straßenrand sitzt.
    Steve hat keine guten Nachrichten. Er hat die Abdeckung des Motors abgeschraubt. Die Erde ist schwarz vom Motoröl getränkt. Während Steve die Ursache ermittelt, bemerke ich, dass bei einem meiner vorderen Stoßdämpfer massiv Öl austritt. Der Dichtring ist kaputt. Im Vergleich zu Steves Problem ziemlich harmlos.

    Bei der Harley ist eine Antriebskette im Motor gerissen. Eine Reparatur vor Ort ist nicht möglich. Er braucht einen Truck.
    Gut, die Grenze zu Argentinien liegt ungefähr 30 km entfernt. Ich fahre los. An der Grenze frage ich, wo es Hilfe gibt. Ein Polizeibeamter sagt mir, 15 km zurück an der Strecke gibt es einen Mechaniker in einer Estancia.
    Ich fahre also wieder zurück, halte an der Estancia an und erkläre was los ist. Arturo, der Mechaniker, nimmt seinen Werkzeugkoffer und steigt ins Auto. Ich sage: Nein, wir benötigen keinen Mechaniker, wir benötigen einen Abschleppwagen. Arturo ruft einen Bekannten an und sagt mir dann, dass dieser in ungefähr einer Stunde kommt. Ich fahre zurück zu Steve, Judy und Andi.
    Wir warten. Der Wind weht stark, die Sonne brennt vom Himmel. Eingepackt in unsere Motorradkleidung, Gesichtsmasken und Tücher sitzen wir am Straßenrand … mal plaudernd, mal schweigend in Gedanken versunken. Der Verkehr ist dicht. Von den vorbeifahrenden Autos, LKWs und Bussen werden wir mit Staub bedeckt.
    Auch nach 1 1/2 Stunden ist kein Pickup da. Ich fahre erneut zur Estancia, Arturo ruft erneut seinen Kumpel an. Dieser verspricht zu kommen. Ich warte in der Estancia. Der Pudel der Familie ist anfangs etwas eingeschüchtert von mir, giert aber nach Streicheleinheiten, sobald er sich an mich heran getraut hat.
    Ich frage, ob der Wind hier das ganze Jahr weht. Arturo meint: Ja, aber im Moment ist er nicht so stark. Ach? Nicht so stark?
    Nach gut einer Stunde erscheint der Pickup. Zurück bei Judy, Steve und Andi verladen wir die Harley, mit Unterstützung von anderen Motorradfahren, die gerade vorbeikommen und den Luxus eines Begleitwagens genießen, auf den Pickup Truck. Steve und Judy müssen zurück nach Porvenir, mit dem kaputten Motorrad dürfen sie nicht nach Argentinien einreisen, Andi und ich fahren weiter Richtung Grenze.

    Gegen 19 Uhr wechseln wir auf die argentinische Seite. Wir haben noch knapp 300 km vor uns. Da wir in Ushuaia ein Hostel gebucht haben, entscheiden wir die Anstrengung auf uns zu nehmen und durchzufahren. Die Geschwindigkeit ist diesmal etwas höher als sonst. Wo es möglich ist, sind wir mit 110 bis 120 km/h unterwegs. Wir fahren gegen den Sonnenuntergang und kämpfen gegen Wind und Kälte. Ein Glück, dass es erst gegen halb elf Uhr Abends dunkel wird. Müde und durchfroren kommen wir mit dem letzten Tageslicht in Ushuaia an. Das Zielfoto geht sich leider nicht mehr aus.

    18.12.

    Heute bringen wir die letzten Kilometer ans „Ende der Welt“ hinter uns, welches durch das Ende der Straße „Ruta 3“ im Nationalpark Tierra del Fuego gekennzeichnet ist. Große Fotosession. Einige Touristen fragen, woher wir sind, wie lange wir unterwegs sind. Ein paar machen Fotos von den „verrückten“ Motorradfahrern, von uns, mit uns, mit dem Motorrad. Es ist fast so, als hätte man ein Rennen gewonnen.
    Den Rest des Tages verbringen wir gemütlich in Ushuaia.

    19.12.

    Ein schöner Flecken Erde dieses Patagonien. Die Natur ist einfach nur atemberaubend. Gerne würden wir länger verweilen. Leider bleibt uns keine Zeit. Aber ich komme bestimmt wieder.

    Ab heute geht es Richtung Norden.
    Rio Grande, das mittendrin auf der Strecke liegt, hat wenig Flair. Wir halten bloß zum Tanken, fahren die ganze Strecke zurück und übernachten in Porvenir, einem kleinem Städtchen gegenüber von Punta Arenas. Unsere Fähre geht erst am nächsten Tag.

    Im Hostel treffen wir auf Pablo, seinen Vater und einen Bruder. Sie sind Obsthändler, handeln vorwiegend mit getrockneten Früchten, Datteln, Nüsse, Pistazien,… . Zum Teil kommt die Ware aus Chile, zum Teil importieren sie aus verschiedenen Teilen der Welt und fahren dann mit ihrem Pickup durch Südchile, um diese Früchte zu verkaufen. Mit ihnen verbringen wir einen lustigen Abend im Hostel.

    Leider erhalten wir auch eine schlechte Nachricht. Andis Motorrad verzögert sich erneut um zwei Tage und kommt erst am 23.12. Abends in Punta Arenas an. Es ist nicht sicher, ob wir das Motorrad noch vor Weihnachten aus dem Zoll kriegen. Wir hoffen auf ein kleines „Weihnachtswunder“.

    20.12. – 21.12.

    Zurück in Punta Arenas.
    Die nächsten drei Tage heißt es warten, da wir Wochenende haben, gibt es auch keine Antworten vom Spediteur oder von den Leuten vor Ort. Das Ganze ist etwas mühsam und drückt auf die Stimmung. Punta Arenas ist zwar ganz nett, aber wir hätten die Zeit gerne an einem gemütlicheren Ort abgewartet.
    In Punta Arenas gibt es eine BMW Werkstatt, die ich am Samstag Vormittag besuche, um meinen Dichtring austauschen zu lassen. Auch hier ist über das Wochenende geschlossen. Es ist ein Drama.

    Wie es weitergeht und ob wir Andis Motorrad noch erhalten haben, meines repariert wurde und wie wir Weihnachten verbracht haben, erfährt ihr im nächsten Beitrag.

    In diesem Sinne wünsche ich allen ein frohes Weihnachtsfest.

    Wie immer Danke fürs Lesen, Jürgen.P.S.
    Fünf Monate On und Off the Road hinterlassen sichtbare Spuren beim Material. Im Album ein paar Fotos über den aktuellen Zustand.