Von Krebsen und anderen Dingen

Album

26.08 – 28.08.

Von Zacatecas nach Guadalajara nehme ich die Straße 54. Eine Traumstrecke vor einer Traumkulisse. Vor allem die letzten Kilometer. Es geht kurvig, bergauf, bergab durch einen großen Canyon, was an der Erosion der Landschaft leicht zu erkennen ist. Vor Guadalajara stürzen zwei Wasserfälle von hoch oben in die Tiefe.

Eigentlich hatte ich vor, nur eine Nacht in Guadalajara, noch immer auf ca. 1.500m Seehöhe, zu verbringen. Das Hostel ist zwar etwa 1/2 Stunde Gehzeit vom Zentrum und den Sehenswürdigkeiten entfernt, aber in einer ruhigen Gegend und gemütlich. Ich hänge eine zweite Nacht an.

Noch ist hier Neben- und Regensaison. Tagsüber ist es meist bewölkt oder sogar schön und sonnig. Es regnet nur vereinzelt kurz. So zwischen 15 und 17 Uhr verdichten sich dann oft die Wolken. Nachts regnet es meist viel und sehr stark. Bis auf diverse überschwemmte Plätze ist davon am Morgen jedoch kaum etwas zu erkennen.

In den Hostels ist ziemlich wenig los. Oft sind nur 2, 3 Gäste vorhanden .. inklusive mir. Der Vorteil ist, ich zahle umgerechnet 10-13 EUR für die Nacht im Dorm und habe das Zimmer für mich alleine.
Bis jetzt die beste Frage beim Einchecken:
Ich trete mit Motorradbekleidung und Helm in der Hand an die Rezeption eines Hostels und frage, ob ein Bett für eine Nacht frei ist. Ja, ist frei. Der Mitarbeiter sieht mich von oben bis unten an. „Bist du Pilot oder so?“

Auch noch ein paar Worte zur Fahrweise. Gefahren wird hier wie Sau. Oft ohne Rücksicht auf Verluste.
Ich bin überzeugt, dass es Verkehrsregeln gibt. Nur scheint sich keiner daran zu halten. Vorrang hat, wer schneller in einer Lücke ist. Gefahren wird auf cm Abstand. Wenn ich manchmal in den Rückspiegel sehe, kommt es mir so vor, als hätte ich ein Auto auf dem Sozius sitzen. Es gibt Tafeln mit Geschwindigkeitsbegrenzung, z.B. „60 Maximum“. Aber hier scheint wohl ein Fehler vorzuliegen. Es muss sich um die Mindestgeschwindigkeit handeln. Kreuzungen werden, so meine ich, mit Absicht verstopft, damit auch der Querverkehr nicht mehr durchfahren kann. Und das Verkehrschaos ist perfekt. Dass diese Fahrweise auch seine Opfer fordert, habe ich vor ein paar Tagen gesehen. Ein Fahrradfahrer wurde umgestoßen. Der Leichnam ist abgedeckt, nur ein Fuß sieht unter der blauen Decke hervor.

Ein unbedingtes Muss in Guadalajara ist der „Mercado Libertad“. Ein großes Marktgebäude mit 3 Ebenen an den Rändern und einem großen Innenhof. Ein wahrer Irrgarten. Die Gänge sind in Gitterform angeordnet und kaum einen Meter breit. Aber hunderte von kleinen Verkaufsbuden finden sich in dem Gebäude. Ein Teil besteht aus Imbisslokalen. Ich laufe durch ein Labyrinth aus Schuhen, Schmuck, Gemüse, Fleisch, Elektronikartikeln … . Mit etwas Glück findet man auch wieder raus.

Von Guadalajara fahre ich weiter nach Morelia. Das Zentrum von Morelia ist sehr kolonial spanisch. Bestimmt gibt es auch hier vieles zu sehen. Nach einer langen anstrengenden Fahrt habe ich jedoch nicht viel Lust auf Sightseeing und unterhalte mich lieber mit Michelle, die im Hostel arbeitet. Da außer mir sowieso nur ein anderer Gast im Haus ist, hat sie auch nicht viel zu tun.

Nach sieben Wochen auf Reise möchte ich ans Meer. Mein nächstes Ziel ist Zihuatanejo. Ich wähle eine Strecke durch die Berge, bei der ich durch diverse nette Kleinstädte gerate, die ich mir für einen Halt bei der Rückfahrt im nächsten Jahr vormerke.

Im Zentrum der Dörfer oder Kleinstädte findet man einen größeren, meist rechteckigen Platz oder Park. Rund um diesen Platz befinden sich Verwaltungsgebäude. Dann kommt das historische Dorf. Darüber hinaus die neueren Viertel. In den seltensten Fällen gibt es eine große Straße ins Zentrum. In der Regel sind es kleine, enge gepflasterte Gassen und Straßen, die ins Zentrum führen. Mühsam muss man sich den Weg durch die Gassen geradezu „erkämpfen“, um danach mit einer großen grünen Anlage belohnt zu werden.

29.08. Zihuatanejo.

Schon in Zihuatanejo, quatscht mich an einer Ampel plötzlich jemand auf deutsch von der Seite an. Ist der hinter mir aus dem Auto gesprungen und zu mir vorgelaufen. „Hallo, wo geht’s den hin“. „Nach Südamerika“, „Jetzt in der Regensaison?“. „Ach so schlimm ist es nicht“. Mehr war leider nicht möglich, weil die Ampel auf grün springt.

Zihuatanejo ist ein glatter Fehlschlag. Im Reiseführer steht. „Zihuatanejo hat den Charme des kleinen Fischerdorfes erhalten.“ Nur, wo bitte? Das Viertel, in dem ich das vom Reiseführer empfohlene Hotel ansteuere, besteht Straßenzüge weit nur aus Hotels, Restaurants, Cafés und  Ramschgeschäften aller Art.
Wie schon mehrmals angemerkt, Nebensaison und Wochentags, nur eine Handvoll Touristen. In der Hitze des Tages laufe ich den Strand entlang, meine Haut ist bedeckt mit einer Schicht aus Sonnenschutzmittel, Schweiß und Insektenschutz, und ich werde von hundert Leuten angequatscht.
Verdammt noch mal! Ich will nicht in jedem Restaurant etwas essen, Armbänder oder etwas anderes kaufen! Auch wenn es fast nichts kostet. Und ich will auch nicht mit rausfahren fischen!
Auf dem Hauptplatz des Viertels befindet sich ein Basketballplatz, wo am Abend Teams gegeneinander angetreten sind.

Der Kellner im Restaurant, in dem sie mir ordentlich das Geld aus der Tasche ziehen, sagt mir noch: Weiter in Mittelamerika, Guatemala, Honduras, El Salvador ist es an manchen Orten gefährlicher. Tagsüber brauchst du keine Angst zu haben, da ist es sicher. Die bösen Jungs arbeiten in der Nacht und schlafen am Tag. Bei Nacht bleibst du im Hotel. Und erzähl nicht so viel von dir und deiner Reise. Erzähl, du bist mit dem Bus unterwegs und nur kurz im Land, damit sie glauben, du hast wenig Geld. Jemand mag vielleicht freundlich mit dir quatschen und es dann an einem bösen Jungen weitererzählen.
Kurze Zeit später beginnt jemand auf dem zentralen Platz freundlich mit mir zu quatschen. Ich denke an die Worte des Kellners. Danke Herr Kellner, für die Paranoia!

Das Hotel ist (fast) ganz nett. Fast, weil ich nicht weiß, was im Badezimmer klitzekleine schwarze Krümel von der Decke scheißt und weil Kakerlaken rumlaufen. Sie sind zwar nur etwa 1/2 cm groß und es sind nur zwei oder drei, die man sieht, aber sie sind da. Vielleicht sind es ja die Kakerlaken, die von der Decke kacken. Aber für 9 EUR im Doppelzimmer, am Strand, nimmt man das in Kauf.
Das Hotel gehört einem sympathischen 74 jährigen Kubaner. Ich erzähle ihm, dass ich vor ca. drei Jahren Kuba besucht habe. Er erzählt, seit er als junger Mensch Kuba verlassen hat, war er kein einziges Mal mehr dort. Dazu muss man wissen, zu früheren Zeiten hat eine Flucht aus Kuba den Verlust des gesamten Eigentums bedeutet und eine Rückkehr war auch kaum möglich.
Jetzt, wo es doch politische Veränderungen in Kuba gibt, vielleicht kann er doch noch mal seine Heimat besuchen.

31.08.

Mit Buen Viaje verabschiedet mich der kubanische Inhaber des Hotels Elvira und ich verlasse diesen schrecklichen Ort Zihuatanejo. Die Route Mex 220 führt meist ca. 20km im Inland Richtung Süden. Das Mühsamste sind die ständigen Bodenschwellen, die die Fahrt dauernd bremsen. Wo auch immer eine Ansammlung von Häusern ist, befinden sich Bodenschwellen auf der Straße.
Ich habe heute nur ein ungefähres Ziel, namens Playa Ventura, etwa 400km entfernt.
Seit meiner Abfahrt vor mehr als sieben Wochen begegnen mir heute das erste Mal andere Motorradreisende. Ein ganzer Haufen. Sie sind Richtung Norden unterwegs. Es scheint sich wohl um eine organisierte Reisegruppe zu handeln. Alle sind mit großen BMW Maschinen unterwegs. Wir begrüßen uns mit dem obligatorischen Motorradfahrer Gruß und geben Daumen hoch Zeichen.

Durch Acapulco fahre ich durch. Hier muss ich nicht unbedingt bleiben. Zweimal biege ich am späten Nachmittag ab und fahre Richtung Meer, mit der Hoffnung auf ein Hotel. Aber ich ende auf erdigen Straßen und in kleinen, sehr einfachen Dörfern. Zurück auf die Hauptstraße. Mittlerweile bin ich müde und will nicht mehr weiterfahren. Ich bin seit ungefähr sieben Stunden auf dem Motorrad. Ich merke mir Hotels in den Dörfern, die ich durchfahre. Endlich sehe ich einen Wegweiser „Playa Ventura, Hotels y Restaurantes“. 

Gleich beim ersten Hotel bleibe ich stehen. Es ist nichts los. Eine ältere Frau liegt in der Hängematte. Namen werden durch die Gegend geschrien. „Tiene habitation?“ „Si.“ „Quanto cuesta“ „250M$, 300M$ con aire. Quiere ver?“. „Si.“ Naja, 200M$ wären mehr als angemessen für das einfache Zimmer, aber ich habe keine Lust zu verhandeln. „Esa sin aire esta ok.“ … „El restaurante, esta abierto?“ „Si“.

Playa Ventura ist nur ein kleines Dorf mit ein paar einfachen Hotels und Restaurants. Die Wellen stürzen mit einem lauten Tosen an den langen Strand. Keine Ramschgeschäfte, keiner, der mir auf die Nerven geht.

Nach einer Dusche und einem kurzen Spaziergang sehe ich mir die Speisekarte an. Ich finde keines der Gerichte in meinem Wörterbuch und bestelle einfach irgendetwas. Es handelt sich um einen Fisch, knusprig gebraten. Da ich nur eine Gabel erhalte, nehme ich an, dass es sich um Fingerfood handelt und esse ihn auch dementsprechend. Schmeckt sehr gut und auch der Preis entspricht dem Durchschnitt, keine Abzocke wie zwei Tage zuvor.

Am Abend sitze ich am Strand und beobachte den Sonnenuntergang und die Krebse, die ihre Behausung in Löchern im Sand haben. Ich bleibe lange regungslos sitzen. Sie wagen sich heraus, die kleineren und die größeren. Mir kommt es vor, als würden sie mich beobachten. Ist es tatsächlich so? Ein kleiner Krebs, der in einer Muschel wohnt, spaziert durch meine Füße. Langsam wagen sich auch die anderen immer weiter von ihren Löchern weg. Direkt vor meinen Füßen transportiert einer Sand aus seinem Loch. Einer der größeren krabbelt eine Weile um mich herum und wagt sich schließlich an mich heran. Er beginnt doch tatsächlich, mit seinen Scheren an meinen Füßen zu zwicken.

Hier bin ich richtig!

Danke fürs Lesen, Jürgen.