Up in the air

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Mein Vater hatte gegen Ende des vorigen Jahres einen runden Geburtstag. Von der Familie hat er eine Ballonfahrt geschenkt bekommen. Dieses Geschenk sollte nun eingelöst werden. Vor etwa zwei Wochen habe ich für den heutigen Tag die Fahrt gebucht. Ich habe mich entschlossen, wenn ich meine Krücken los bin, fahre ich mit. Obwohl, ich habe schon ein wenig darüber nachgedacht, ob ich da mitmache (Stichwort: Höhenangst). Aber was kann schon sein? Im schlimmsten Fall sitze ich mit geschlossenen Augen im Korb am Boden.

Ausgangspunkt war eine Wiese vor dem Schloss Schielleiten in der Nähe von Stubenberg am See in der Steiermark. Der vereinbarte Treffpunkt war um sechs Uhr früh. Wie wir später erfahren, ist es auf Grund der Thermik um diese Jahreszeit nur möglich morgens und abends zu fahren. Wir, Mum, Dad und ich sind etwas früher dort und warten. Nach und nach füllt sich der Parkplatz. Kurz vor sechs kommt das erste Fahrzeug, ein Kleinbus mit Anhänger, auf dem sich der Korb und in einem großen Sack der Ballon befinden. Korb und Ballon sind schnell abgeladen. Es sind nun doch eine Menge Personen da, die ebenfalls warten. Ich denke mir: Wir sollen da alle mit? Kurz darauf kommen auch schon fünf weitere Kleinbusse angefahren. Ruck Zuck verteilen sich die Körbe und Ballone auf der Wiese. Mit Ventilatoren werden sie erst mal zum Teil aufgeblasen. Nach wenigen Minuten werden auch schon die Brenner angeworfen. Wir „checken“ in der Zwischenzeit bei einer mobilen Theke ein und werden auf die einzelnen Ballone aufgeteilt. Mein Dad und ich sind gleich dem ersten Ballon zugeteilt. In jeden Korb passen elf Personen, ein Kapitän und zehn Fahrgäste. Vom Abladen des Ballons bis wir alle im Korb sind vergehen keine 15 Minuten. Und schon geht es los.

Sanft lösen wir uns vom Boden. Der Ballon ist mit einem dicken Seil noch am Fahrzeug festgemacht. Sobald alles klar ist und wir stabil sind, wird dieses gelöst. Langsam steigen wir ein paar Meter in die Höhe. Die ersten zwei Kilometer fahren wir in geringer Höhe über die Felder und die Baumwipfel eines nahen Waldes. Andreas, unser Kapitän, steuert die Höhe des Ballons durch stoßweises Betätigen des Brenners … Pfchch Pfchchchchchch Pfchchchch … . Der Ballon reagiert etwas träge auf das Heizen der Luft. Das heißt, wenn der Brenner betätigt wird, dauert es gute 10 Sekunden, bis der Ballon zu steigen beginnt. Es erfordert sicher einiges an Kenntnis den Ballon in einer regelmäßigen Höhe über den Boden zu steuern und vor allem so vorausschauend einzugreifen, um Hindernissen geplant auszuweichen. Wenige Minuten nach uns starten auch die anderen fünf Ballone und beginnen uns zu folgen.

Weite Teile der Landschaft sind noch in Frühnebel getaucht. Der Wind treibt uns langsam leicht süd-östlich. Im Ballon herrscht quasi Windstille. Manchmal sind leichte Windstöße zu spüren, aber der Ballon nimmt die Geschwindigkeit schnell an. Andreas beginnt den Brenner voll aufzudrehen. Wir geraten in andere Winde und werden nun nach Norden getrieben. Im Durchschnitt reisen wir mit etwa 25km/h. Wider erwarten macht mir die Höhe nicht viel aus. Es ist beinahe so als würde man im Flugzeug sitzen, nur frei. Das Land wird kleiner und kleiner. Wir steigen auf etwas über 2.400 Meter über Meeresspiegel. Das bedeutet hier ca. 2.100 Meter über Grund. Wir bleiben ein paar Minuten in dieser Region, bevor es wieder abwärts geht und Andreas sich auf die Suche nach einem Landeplatz macht. So einfach ist das aber nicht. Der Ballon ist dem Wind ausgeliefert und läßt sich nur geringst steuern. Wie uns Andreas erzählt dürfen sie überall landen, das ist gesetzlich geregelt. Sie versuchen jedoch in der Nähe von oder auf Straßen zu landen. Damit erstens wenig Flurschaden angerichtet wird, zweitens ist es so viel einfacher den großen Korb und den Ballon wieder zu verladen.

Nach knapp 90 Minuten nähern wir uns wieder dem Boden. Es gibt ständig Kontakt mit dem Bodenpersonal, die uns quasi folgen. Drei der sechs Ballone landen nur unweit voneinander. Wir bewegen uns in geringer Höhe über dem Erdboden, steigen von Zeit zu Zeit leicht, um Stromleitungen oder Schornsteinen auszuweichen und sinken danach wieder. In der Nähe einer Straße werden wir vom Bodenpersonal eingefangen. Wir müssen die Straße überqueren, um auf die gegenüberliegende Wiese zu gelangen. Hier knallt uns beinahe ein Auto in den Korb. Vielleicht dachte die Dame, sie hat Vorfahrt und nicht bedacht, dass so ein Ballon ohne Bremsen unterwegs ist. Oder sie ist, ob des Ungetüms vor ihr, einfach nur erschrocken (ca. 30m Höhe, 7.000 m3 Inhalt und 2.000 m2 Fläche).

Einer der Fahrgäste fragt, seit wann Ballon gefahren wird. Andreas beginnt “ … Gebrüder Montgolfiér, 5. Juni 1783 …“. Als ich sage: „Das ist bestimmt das Erste, was man lernt“, grinst er. Ich konnte nicht alles verifizieren, was uns Andreas erzählt hat, wahrscheinlich ist manches mit Augenzwinkern zu betrachten. Aber es war eine amüsante Geschichte.

Zu damaliger Zeit gab es große Kamine in den Schlössern. Es wurde beobachtet, dass der Rauch nach oben gezogen wurde. Die ersten Annahmen waren, dass wenn man den Rauch in einen leichten Behälter verpackt, der Behälter steigt. Nach und nach fand man raus, dass es die heiße Luft ist, die steigt. Am 4. oder 5. Juni 1783 fand in Versailles die erste Fahrt statt. Nach dem erfolgreichen Start sollte das ganze am 19. Juni 1783 bei einem Riesen Spektakel der Öffentlichkeit vorgeführt werden. König Ludwig XVI, alles was Rang und Name hatte und etwa 130.000 Zuschauer waren vorhanden.

Über das „Luft-Meer“ (deshalb auch fahren und nicht fliegen) war noch wenig bekannt und man traute der Sache nicht so ganz. Deshalb wurden ein Hammel, eine Ente und ein Hahn in die Lüfte gesendet. Die Fahrt ging ohne Probleme über die Bühne. Angeblich hat sich der Hahn bei der Landung ein Bein gebrochen.

Jetzt stellte sich natürlich die Frage: Wer sollte der erste Mensch sein, der sich in die Lüfte erhebt? Eigentlich stand es dem König zu. Der befragte jedoch seine Berater: die Kirche, Mediziner und Physiker, welche Auswirkungen das Vorhaben auf das persönliche Wohl nach sich ziehen könnte. Die Kirche hat das ganze als Teufels Werk verdammt. Wer auch immer mit einem Ballon in die Höhe steigt, wird hinabfahren und für ewig in der Hölle schmoren. Die Mediziner vermuteten, dass es Lunge und Adern zerreißt und man eines qualvollen Todes stirbt. Auch die Physiker waren sich über den Ausgang nicht einig. Was tun? Zwei Sträflinge sollten als Versuchskaninchen herhalten. Sie wurden vor die Wahl gestellt. Ballon oder Rübe ab. Auch die hatten kein Vertrauen in die neue Technologie und haben das Schafott gewählt. Jean-François Pilâtre de Rozier, ein Physiker dachte sich, wenn es die Tiere ohne sichtbaren Schaden überstanden haben, wird es bei Menschen auch kein Problem geben. Mit ihm stieg auch der Gardeoffizier François d’Arlandes in den Korb. Am 21. November 1783 unternahmen diese beiden Personen die erste bemannte Ballonfahrt. Nach der Landung wurden sie noch an Ort und Stelle in den Adel gehoben. Eine Zeit lang erhielten Ballonfahrer den Adelstitel und Ländereien. Ländereien gibt es heute keine mehr. Aber der Adelstitel wird weiterhin verliehen.

In einem Gasthaus in Stubenberg findet für uns die Taufe statt. Wir kniend, wird uns vom Kapitän eine Locke angebrannt und mit Sekt gelöscht.
Das heißt, ich bin jetzt Graf. Mein Adelstitel ist: Graf Jürgen, den luftigen Aussichtsturm Himmel erklimmenden Edler zu Schloss Schielleiten. Ich bitte dies bei unserer nächsten Begegnung zu beachten. 😉

Danke fürs Lesen, Jürgen.

 

Kommentare

Ein Kommentar zu „Up in the air“

  1. Avatar von chrfista
    chrfista

    eine tolle G’schicht, sher amüsant beschrieben – Gratuliere zu Deinen schriftstellerischen Fähigkeiten! Weiterhin gut, rasche Besserung! Liebe Grüße
    Christa