Kategorie: Ecuador

  • Von 0 auf 4.000

    Von 0 auf 4.000

    Album

    15.10.

    Mit dem Ziel Quilotoa stehen heute ca. 290 km auf dem Plan. „Das türkise Wasser des vulkanischen Kratersees ‚Lake Quilotoa‘ ist eine der schönsten Ansichten in Ecuador“ habe ich vor ein paar Tagen im Reiseführer gelesen. Da muss ich natürlich hin. Was ich auf dem Weg dorthin durchmache, ist weniger schön.

    Ich verlasse das wärmere Canoa und genieße auf kurvigen Straßen die Fahrt durch die flache Gegend. Es sind sehr wenige Fahrzeuge auf den Straßen und es macht Freude so dahin zu fahren. Es ist warm, ich habe mein Innenfutter in der Tasche verstaut. Etwa 80 km vor dem Ziel beginnt es leicht zu regnen. Das macht nichts, es ist weiterhin relativ warm. Vielleicht hört es ja bald wieder auf. Weit gefehlt. Es zieht mich bergauf, 500, 700, 1.000m. Der Regen wird stärker, die Berge werden höher, es wird kälter. Wenn es weiter so bleibt, halte ich es aus. Nach einer Weile geht die Nässe durch die Kleidung, das Wasser rinnt in die Schuhe. Es geht immer weiter bergauf. 2.000m, 2.500m. Nun wird es doch empfindlich kalt. Ich bin bereits durch und durch nass. Den Point of No Return habe ich überschritten, umkehren ist nicht mehr. Innenfutter anziehen bringt jetzt auch nichts mehr. Das habe ich auch versäumt. Noch etwa 50 km vor mir. Ich friere sehr. 3.000m. Verdammt nochmal, wie hoch denn noch? Ich zittere wie Espenlaub. Das eiskalte Wasser rinnt wieder aus meinen Schuhen raus. Die Finger sind klamm, die Heizgriffe zeigen keine Wirkung. 3.500m. Bei über 4.000 ist das Ende gefunden. Ich überquere den Pass. Ich bin noch gut 25 km vom Ziel entfernt und halte Ausschau nach einer Unterkunft. Es interessiert mich nicht, ob ich nach Quilotoa gelange. Ich suche bloß ein „Hostal“ Schild. Ich brauche Wärme. Nichts zu finden. Endlich erreiche ich Quilotoa. Bei der ersten Unterkunft, die ich sehe, halte ich an. 25$ die Nacht inkl. Essen. Ein stolzer Preis. Und wenn es 100$ gekostet hätte. Ich wäre keinen Meter mehr gefahren.
    Ich muss meine Daten in das Gästebuch eintragen. Hat die Frau denn kein Mitleid mit mir? Lass mich doch ein paar Minuten an den Ofen setzen! Ich kann kaum den Kugelschreiber halten, so zittere ich vor Kälte. Das Schreiben ist beinahe unmöglich. Meine Schrift gleicht der eines Kindes, welches das erste Mal einen Stift in der Hand hält. Ich kann es kaum erwarten, unter die heiße Dusche zu gelangen. Das hilft ein wenig, um den Körper wieder zu wärmen. Danach setze ich mich zum Ofen, ich zittere noch immer. Es dauert eine Weile, bis die Wärme durch die Knochen kriecht.

    Im Hostal ist eine Schweizerin. Sie meint, gestern waren mehr Gäste da. Aber die sind am Morgen geflüchtet. Sie wartet auf den letzten Bus, um ebenfalls das Weite zu suchen. Unmöglich für mich morgen weiter zu fahren. Meine Sachen sind bis morgen niemals trocken. Bei der Kälte hole ich mir den Tod, wenn ich in die nasse Kleidung schlüpfe. Ungeplant sitze ich für 2 Nächte fest. Später finden sich dann doch noch ein paar Gäste ein.

    Da sitze ich nun unter zwei dicken Decken, in meiner Jacke und Mütze im Bett und schreibe auf 3.900m meinen Blog. Mein Atem kondensiert.

    16.10.

    Hier kräht am Morgen kein Hahn, dafür ist es der Haushund, der noch vor 6 Uhr mit lautem Gebell die Gäste weckt.
    Ich spaziere zum nahen Krater. Der Reiseführer hat nicht gelogen. Der Krater und auch die Aussicht auf die Gegend sind ein wunderbarer Anblick. Ich gehe ein Stück den Kraterrand entlang. Aber da kommt es wieder, das rasende Herzklopfen. Die 3.000m mag ich vielleicht schon gewohnt sein. Auf dieser Höhe geht mir schnell wieder die Puste aus. Ich verzichte darauf, weit zum Kratersee hinabzusteigen.

    Das kleine Dorf hier befindet sich am Anfang eines Veränderungsprozesses, weg von einer Ansammlung von Hütten und Bauern hin zu einem touristischen Dorf. Ein paar der Hostals sind noch ziemlich einfache kleine Gebäude. Es gibt jedoch bereits ein paar neue größere. Und es wird gebaut. Der Hauptplatz ist neu, es gibt so etwas wie ein Kulturzentrum und Markt, in dem die Einheimischen hauptsächlich lokale Kleidung anbieten. Die Einheimischen sind bemüht, die Gegend sauber zu halten. Hinab zum Kratersee ist ein sicherer Gehweg in Arbeit. Es wird interessant sein, in 10 bis 15 Jahren noch mal hierher zu kommen, um zu sehen, wie sich alles entwickelt hat.

    Mein Gemütszustand ist heute nicht der beste. Aber ich bin selbst schuld, ich hätte mich ordentlich anziehen sollen.
    Am Abend rauscht eine Reisegruppe von 15 Personen mit Deutschen, 1 Schweizer und 2 Österreichern aus Gloggnitz ein. Es ist ungewohnt, wieder mal auf deutsch in Mundart zu reden.
    Nach und nach kommen auch ein paar Backpacker. Ich werde zwar von der deutschsprachigen Reisegruppe eingeladen, mich zu ihnen zu gesellen, ich bleibe aber lieber unter Meinesgleichen.

    17.10.

    Frühzeitig verlasse ich Quilotoa. Ich will einem möglichen schlechten Wetter entgehen. Aber heute habe ich Glück, es bleibt schön. Ich friere noch etwas in den Zehen, weil die Schuhe noch nicht ganz trocken sind.
    Die Fahrt bis nach Latacunga gehört definitiv zu den bisherigen Highlights dieser Reise. Die Strecke führt lange Zeit zwischen 3.500 und 4.000m Seehöhe. In weiter Ferne ragt der Cotopaxi majestätisch in die Höhe. Der Cotopaxi ist mit knapp 6.000m einer der höchsten aktiven Vulkane der Erde. Das Landschaftsbild, das hier geboten wird, lässt sich nicht in Worte fassen.

    An meine Reise-Kumpanen, die hinter mir sind: Besucht Quilotoa und nehmt die Strecke Richtung Latacunga, ihr werdet es nicht bereuen.

    Ich fahre an Baños vorbei. Baños ist bekannt für seine heißen Quellen. Wie ich auf dem Blog von Lauren und Adrian nachlese, ist der Vulkan dort vor zwei Tagen ausgebrochen. Der Vulkan spuckt noch immer Asche, die auch in der Luft liegt. Auf den Straßen sind die Leute mit Besen unterwegs, um aufzuräumen.

    Langsam gelange ich wieder in die Niederungen des Landes. Macas etwas weiter im Süd-Osten ist das heutige Ziel. Die Landschaft ändert sich erneut. Es wird wieder grün. Urwald ist die vorherrschende Vegetation. Bei einem kurzen Stopp zwischendurch begegne ich erneut zwei Österreichern, diesmal aus Mariazell Umgebung. Ich muss, samt Motorrad, für ein Foto herhalten und werde eingeladen, bei ihnen vorbeizusehen. Sie haben ein Gasthaus. Das wird wohl noch etwas dauern.
    Das Leben, die Dörfer, vorwiegend Kommunen, werden einfacher. Kleine Hütten aus Bambus und Holz. Ich glaube kaum, dass es hier überall fließend Wasser und Strom gibt. Ganz anders das Bild in den Kleinstädten, die auf dem Weg liegen. Es gibt einen starken sozialen Kontrast auf wenigen Kilometern.

    Noch in der Früh und am Vormittag habe ich ziemlich gefroren. Ein paar Stunden später schwitze ich in kurzen Hosen, als ich durch Macas spaziere.

    18.10.

    Mein letzter Tag in Ecuador. Erneut fahre ich auf einer dieser Bergstraßen, an denen die Hänge steil bergab gehen. Sie wird bzw. ist zum Großteil renoviert und ist in erstklassigem Zustand. Trotzdem ist mir an manchen Stellen nicht ganz geheuer.

    Die letzte Nacht verbringe ich in Santa Isabel. Santa Isabel ist weitaus größer als es kartografisch im Internet erfasst ist. Ich frage mich lange durch bis ich endlich das Hotel finde. Es liegt etwas abseits in den Berghängen mit grandiosem Ausblick.
    Morgen geht es weiter nach Peru.

    Ecuador war bis jetzt ein Highlight auf dieser Reise. Ich war überrascht über die Vielfältigkeit an Kultur und Personen, der Landschaft und dem Klima. Vom kühlen Hochland Quitos durch den Nebelwald hinab an die warme Küste, wieder hoch in die kalten Berge, wo ich beinahe an meine Grenzen gebracht wurde und weiter nach Osten in die Regionen des Urwaldes.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

  • den Äquator versäumt

    den Äquator versäumt

    Quito Album
    Ecuador 1 Album

    08.10. – 11.10.

    Landschaftlich ändert sich nicht viel in Ecuador. Ich cruise durch die sanfte Berglandschaft.
    Da nie ganz klar ist, wie lange es an der Grenze dauert, lege ich den ersten Zwischenstopp in Ibarra ein, bevor ich weiter nach Quito fahre.

    Auf dem Weg nach Quito überquere ich doch glatt den Äquator und merke es nicht mal, weil ich wieder auf Abwegen unterwegs bin. Aber ich werde beizeiten meine GPS Aufzeichnungen durchsehen, wo genau das war.

    Quito ist riesig. Wie uns Ovi aus dem „Community Hostel“, direkt in der Altstadt, erzählt, ca. 55 km lang und etwa 15 km breit, eingebettet in die Berge in einer Höhe von etwa 2.800m.

    Auf der Straße bietet ein Wunderheiler seinen Dienst feil. Durch Handauflegen möchte er Knochenbrüche und andere Krankheiten heilen können. Frauen in Trachten, die Textilien anbieten oder auf einfachen kleinen Grillern Wurst, Fleisch und Mais braten.

    Mit Ovi, der im Hostel arbeitet, unternehmen ein paar Leute eine Stadtführung. Eine abwechslungsreiche, relaxte Tour über Märkte, wo er uns über Spezialitäten des Landes aufklärt, historische Plätze, bis hin zu einem Candyshop, wo wir uns mit Süßigkeiten eindecken, bevor wir weiter in ein Kunstviertel wandern.

    Anscheinend werde ich die Höhe langsam gewohnt. Ich schaffe es mehrere Kilometer bergauf, bergab ohne einem Herzinfarkt nahe zu kommen. Mit der Seilbahn fahre ich auf 4.000 m Seehöhe. Von dort oben erhält man einen ungefähren Eindruck über die Größe der Stadt.
    Das Wetter kann in Quito sehr wechselhaft sein. Am Vormittag brennt die Sonne runter, innerhalb weniger Minuten ziehen dichte Wolken auf und es wird unangenehm kalt und beginnt zu hageln.

    Auch der Besuch der Basilica del Voto Nacional ist sehr zu empfehlen. Man kann hier durch die Eingeweide der Kirche die Türme hochklettern. Bei einem Turm führt eine eiserne Treppe außen hoch. Keine besondere Sicherung. So etwas wäre in Europa nicht möglich. Ich zögere, überwinde dann meine Höhenangst und klettere ebenfalls hoch.

    An einem der Abende machen wir mit Ovi eine Food Tour, bei der wir ein paar Snacks und Gerichte der einheimischen Küche probieren.

    Quito war wieder ein riesiger Spaß mit den vielen Leuten, Ovi, Stephanie, Tracy, Becky, Max, Robin, Peter, Stefania, Will, Sonja, … und wie sie alle geheißen haben.

    12.10.

    Seit exakt drei Monaten unterwegs. Laut Plan sind 25%, 1/4 oder wie auch immer, vorbei. Das Gute ist, ich habe noch 75% vor mir. 🙂 Von Heimweh keine Spur. Es macht mir weiter unheimlich Freude unterwegs zu sein. Jeden Tag treffe ich auf neue Sachen, auf neue Leute, manchmal auf neue Herausforderungen. Ich habe viele Leute kennengelernt, vielleicht auch neue Freunde gefunden. (Fast) Jeden Tag eine neue Strecke. Davon kann man in der Heimat nur träumen, wo man jede Straße fast schon auswendig kennt, wo es manchmal fad wird, auf das Motorrad zu steigen, weil man schon alles abgefahren ist.

    Natürlich ist es nicht jeden Tag ein Abenteuer, lustig oder schön. Manchmal ist es fad oder es freut einen nicht, weil das Wetter nicht passt, man alleine im Hotelzimmer sitzt oder man keinen Anschluss im Hostel findet, weil die Interessen, die Art zu reisen, zu unterschiedlich sind. Aber das gehört auch dazu. Wenn mir jemand erzählt, dass er/sie jeden Tag einer langen Reise genießt, dann muss das ein besonderer Mensch sein.

    Nun denn. Mindo liegt nur ca. 100km von Quito entfernt. Ein kleines Dorf, so etwas wie ein Abenteuerspielplatz. Viele Aktivitäten warten, Zip Lining, Canyoning, Schokolade essen, Schmetterlinge und Vögel beobachten. Ich wage mich an das Zip Lining. Mit hoher Geschwindigkeit geht es in großer Höhe, hängend in einem Gurt, an gespannten Eisenseilen, über mehrere Schluchten und Täler. Ein kleiner Adrenalin-Kick.

    13.10. – 14.10.

    Von Mindo fahre ich nach Westen. Weg vom Berg- und Hügelland. Ich möchte die unterschiedlichen landschaftlichen Regionen des Landes sehen. Der Regenwald scheint seinem Namen alle Ehre zu machen. Es regnet zwar nicht, aber die Wolken hängen sehr tief. Über gut 150 km geht es manchmal durch sehr dichten Nebel. Aber irgendwann frisst sich auch bei Nebel die Feuchtigkeit durch Schuhe und Kleidung.

    Canoa ist ein kleines Dorf am Meer. Die Landschaft auf dem Weg dorthin ändert sich drastisch. Es wird wärmer und etwas tropischer. Bananenplantagen säumen den Weg. Nahe am Meer dominiert die Fischerei. Ich nehme an, es sind Becken für die Fischzucht, die sich entlang den Straßen befinden. 

    Bietet Quito alle Annehmlichkeiten einer Großstadt, ist das Leben auf dem Land sehr viel einfacher. Einfache Häuser aus Holz oder Stein.

    Canoa ist gemütlich. Ich bin am Sonntag angekommen. Es war relativ warm. Der Strand war voll mit Leuten. Heute Montag ist es ruhig, aber kalt. Es ist eben noch Frühling hier. Nachts zieht sich das Meer weit nach draußen zurück. Und manchmal möchte man meinen, diese verdammten Straßenköter haben ein Bewußtsein, wenn sie nachts am Strand sitzen und auf das Meer hinausblicken.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.