Schlagwort: platter Reifen

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    Begegnungen

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    Was für eine Woche! Begegnungen mit anderen Leuten sind ein großer Bestandteil  meiner Reise. So handelt dieser Artikel vorwiegend von Begegnungen in den letzten Tagen.

    07.01 – 09.01.

    Bei unserer Ankunft in Bariloche haben wir erhebliche Schwierigkeiten eine Unterkunft zu finden. Es ist Hochsaison. Nachdem wir uns durch gut 10 Hostels gefragt haben, finden wir eine Perle – Bariloche Inn. Die Aussicht auf den Lake Nahuel Huapi ist eine Wucht. Und wegen dem Wetter wärs auch gewesen, warum wir uns für 2 Nächte einquartieren. Wir können in kurzen Hosen rumlaufen! Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal kurze Hosen anhatte.

    Wir sitzen am zweiten Tag am frühen Nachmittag gemütlich auf der Terrasse und kommunizieren über das Internet mit der Heimat. Danach kommen wir ins Gespräch mit Eli (ausgesprochen: ilai) aus den Staaten. Er sitzt auf der Terrasse und liest ein Buch von Stephen King. Ich versuche, seine Geschichte so gut wie möglich wiederzugeben.

    Eli stammt aus armen Verhältnissen und ist 34 Jahre alt. Als er 18, 19 Jahre alt war, hat sein bester Freund Selbstmord begangen. Zu jung, um das zu verarbeiten, hat er sich in Computerspiele, im speziellen in Strategiespiele, vergraben.
    Eli hat dann einen Job bei Microsoft erhalten. Dort war er bei der Entwicklung des Spiels „Ages of Empire“ beteiligt. Ages of Empire ist ein sogenanntes Echtzeit Strategiespiel, bei dem es darum geht, eine Wirtschaft aufzubauen und andere Länder und Völker zu erobern. Er hat bei Microsoft vorwiegend gespielt. Seine Aufgabe war es die künstliche Intelligenz des Spiels zu testen, damit die unterschiedlichen Gegner und Völker ungefähr gleich stark sind. Wie er erzählt, war er einer der Besten der Welt in diesem Bereich. Nach etwa einem Jahr war er ausgebrannt. 80-100 Stunden Arbeit die Woche, waren nicht unüblich.

    Nebenbei hat er schon immer Poker gespielt. Seit fünf Jahren verdient er seinen Lebensunterhalt damit. Wenn er darüber spricht, dann nennt er es Arbeit. Er ist nicht reich, kann aber gut davon leben. Irgendwann in seinem Leben hat er mit einem Geschäftspartner ein Haus angemietet und dort ein illegales Pokercasino betrieben. Nachdem sie einmal ausgeraubt wurden, haben sie Sicherheitstüren einbauen lassen und Scheriffs, die sich etwas dazu verdienen wollten, als Sicherheitsleute engagiert.
    Irgendwer hat sie dann verpfiffen und das Haus wurde von einem SWAT Team gestürmt. Aufgrund der Sicherheitstüren hat das eine Weile gedauert. Eli erzählt, er hat seine Arme hinter dem Kopf verschränkt, gewartet und auf einem Monitor zugesehen, wie die Einsatzkräfte gut 15 Minuten gebraucht haben, um die Sicherheitstüren aufzubrechen. In Folge war er drei Tage im Gefängnis und ihm wurde das Wahlrecht in den Staaten entzogen.

    In den Vereinigten Staaten erhalten Berufsspieler, die bei Online Casinos ihr Geld verdienen, kein Bankkonto bei einer einheimischen Bank. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob das gesetzlich geregelt ist, oder ob einfach die Banken das nicht machen. Viele Berufsspieler haben deshalb das Land verlassen. Eli hat gut ein Jahr irgendwo in Asien gelebt, im Moment nennt er Mexico City seinen Hauptwohnsitz. Aktuell ist er eine Weile in Südamerika unterwegs, bevor er wieder an die Arbeit geht.

    Als wir auf Eli getroffen sind, haben wir schon am frühen Nachmittag mit Bier begonnen. Wir trinken gemütlich über den Nachmittag in den Abend hinein und räumen den Kühlschrank leer. Irgendwann treibt uns der Hunger in das Stadtzentrum, wo wir ein Steak zu uns nehmen.

    Entlang der Hauptstraße befindet sich ein Indoor Eislaufplatz. Schon bei meinem ersten Besuch in Bariloche wollte ich Eislaufen gehen. Wir holen dies nach.
    Eli steht seit Kindheit wieder das erste Mal auf Eislaufschuhen, schlägt sich aber sehr gut. Ich bin seit Jahren nicht mehr gelaufen, habe aber durch Inline Skating eine gewisse Übung. Andi hat lange Zeit Eishockey gespielt, musste aber wegen Knieverletzungen aufhören. Er ist der König auf dem Eis, läuft vorwärts, rückwärts, schlägt Haken, dreht Pirouetten und springt Rittberger. Ein paar Leute winken ihn an den Rand des Eislaufplatzes. Sie bitten ihn, ihren Kindern ein wenig Nachhilfe zu geben. So eine halbe Stunde auf dem Eis kann ganz schön anstrengend sein.
    Zurück im Hostel ist klar, dass morgen nicht an eine Weiterfahrt zu denken ist. Es ist 3 Uhr in der Früh, zu Hause sitzen die Leute schon in der Arbeit. Ich telefoniere noch kurz mit einem Freund.
    Heute war ein guter Tag.

    Am nächsten Tag: spät aufstehen, frühstücken, zurück ins Bett und dann auf der Couch von einer Ecke in die andere fallen. Andi schneidet Videos, ich widme mich der „Readheaded League“ und anderen Geschichten.

    10.01.

    Lange Zeit fahren wir auf einer wunderschönen Strecke den Rio Negro entlang. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Geschichte hier ziemlich fad wird. 40 km vor Neuquen erwischt es Andi erneut. Wir sind so nah am Ziel. Die Reifenhändler in Neuquen warten sicher schon darauf, mit uns Geschäfte zu machen.
    Andi versucht, sich in ein nahes Dorf namens Senillosa zu retten. Aber nur 1 1/2 km davor ist der Reifen komplett hinüber und wickelt sich von der Felge.
    Ich laufe im Dorf von A nach Z bis ich endlich jemanden finde, der einen Anhänger hat. Wir bringen das Motorrad zum einzigen Hotel in diesem Dorf. Zumindest muss er nicht im Zelt schlafen.

    Ich schnalle Andis Reifen samt Felge auf meine Motorrad und fahre weiter nach Neuquen. Alle Hostels die ich abfahre sind voll. In einem der Hostels kann ich im Garten das Zelt aufschlagen. Das erste Mal auf meiner Reise, dass ich das Zelt benutze. Das erste Mal auf meiner Reise, dass ich das Zelt überhaupt auspacke. Ich bin gespannt, in welchem Zustand es ist, nachdem es den unterschiedlichen Witterungen ausgesetzt war – Regen, Schnee, Staub, Kälte, Hitze, … . Es sieht gut aus. Auch in meinem Schlafsack, den ich ebenfalls das erste Mal auspacke, haben sich noch keine Mäuse oder anderes Getier eingenistet.

    Mein Motorrad liefere ich noch am Abend beim BMW Händler ab. Schön langsam bin ich der Überzeugung, dass mein Motorrad weiblichen Geschlechts ist, es möchte schon wieder neue Schuhe. 😉 Nichtsdestotrotz habe ich mit meinem Vorderreifen einen guten Griff gemacht 27.631km.
    Auch mein Dichtring für den linken Stoßdämpfer wird ausgetauscht.
    Andis Reifen wird nun ebenfalls von einem Profi aufgezogen – diese Probleme haben sich damit hoffentlich erledigt.

    11.01.

    Ich hole gegen Mittag mein Motorrad ab und komme mir beim Bezahlen vor wie ein Huhn, das gerupft wird.
    Gegen halb 2 Uhr Nachmittags bin ich bei Andi.
    Andi hat in der Zwischenzeit Hilfe von Maximilian angeboten bekommen. Maximilian und Alba, seine Frau, wohnen ein paar Meter vom Hotel entfernt. Wir werden von den beiden zum BBQ eingeladen, Argentinian Style auf Holzkohle. Wieder mächtig viel Fleisch.
    Maximilian ist Polizist, hat selbst zwei Motorräder. Er war oder ist noch immer bei der Motorradpolizei, schätzt aber die ruhige Arbeit hier im Dorf und in der Umgebung.

    Andi und ich fahren am späten Nachmittag noch weiter Richtung Norden und machen Halt in „25 de Mayo“, eine kleine Stadt, die entlang der Straße liegt.

    Gegenüber dem Hotel gibt es ein kleines Lebensmittelgeschäft, wo wir ein paar Sachen einkaufen. Wir plaudern dann ein paar Minuten mit dem Verkäufer vor der Tür. Als wir so draußen stehen, stoppt ein Polizist und fragt nach der Polizeistation. Der Verkäufer erklärt den Weg. Dann fragt er mich, ob ich ein Reisetagebuch schreibe. Ich: „Ja.“ Er lachend: „Das gibt es in Österreich sicher nicht, dass ein Polizeibeamter nach der Polizeistation fragt. Hier in 25 de Mayo schon.“ Ich soll das unbedingt in meinem Reisebericht erwähnen.

    12.01. / 13.01.

    Der Bezirk, durch den wir fahren, wurde wohl der Einfachheit halber nach der Landschaft benannt „La Pampa“.
    Irgendwo mittendrin stoppen wir. Schon wieder steht eine Honda African Twin mit einem platten Reifen am Straßenrand. Auch ein Andreas aus Cordoba. Der Reifen ist ausgebaut. Andreas erzählt uns, dass er bereits das vierte Mal den Reifen flickt. Cordoba ist maximal 1.000km entfernt. Andreas aus Argentinien hat keinen passenden Schlauch dabei, bloß irgendeinen, den er irgendwo in der letzten Stadt ergattern konnte. Andi, aus Österreich, schenkt ihm seinen geflickten Schlauch. Wir helfen ihm beim Einbau und hoffen für ihn, dass der Schlauch die nächsten 300km bis Neuquen hält.

    Sind Personen mit dem Namen Andreas, die mit einer African Twin durch SüdAmerika reisen, grundsätzlich von Problemen mit Luft (Aire) im Reifen betroffen? Oder führt eine Fahrt über 400km, meist geradeaus, durch Pampa, bei gleißender Sonne, zu wirren Gedanken?

    Etwa 60km vor San Rafael bleibt Andi, glaubt mir oder nicht, wieder mal am Straßenrand stehen. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob er ein Fahrzeug oder ein Stehzeug hat. Die Benzinpumpe ist ausgefallen. Da Andis Motorrad einen Vergaser hat, kann er das Problem überbrücken. Solange der Benzin im Tank höher als der Vergaser liegt, tut die Schwerkraft ihre Arbeit und versorgt den Motor mit Treibstoff.

    Von Steve erhalten wir eine lustige Mail, in etwa: „ … Wenn das so weitergeht, wird Jürgen bald bereuen, dich auf die Reise eingeladen zu haben … ich habe mir überlegt eine Zeit lang mit euch zu reisen, aber wenn ich mir die Probleme so ansehe, bin ich lieber alleine unterwegs … ich werde euch sicher bald wieder einholen, aber wundert euch nicht, wenn ich einfach an euch vorbeifahre, ohne stehen zu bleiben …“

    Das Zentrum von San Rafael lässt sich in kurzer Zeit ablaufen. Die Stadt lädt nicht ein, für mehrere Tage zu verweilen, aber es ist hier sauber und grün. Hohe Laubbäume in den weiten Straßen spenden zusätzlichen Schatten. Die Straßen sind gitterförmig angelegt, bieten aber am Vormittag immer die Möglichkeit, dass man sich im Schatten bewegt. Ob die Gründer und Stadtplaner damals schon so weitsichtig waren, die Stadt auf diese Weise anzulegen?
    Zwischen 13 und 17 Uhr schließen die meisten Geschäfte. Siesta. Draußen ist es dann ziemlich warm.
    Wir passen uns den lokalen Gepflogenheiten an. Erst am Abend beginnen sich die Straßen wieder mit Leben zu füllen.

    Am letzten Tag in San Rafael machen Andi und ich mit unseren Motorrädern einen Tagesausflug in den Canon Atuel. Ich werde nicht erneut darüber schreiben, wie schön die Strecke war, sondern die Bilder für sich sprechen lassen. Herausstechend war das Bad im Fluß, mitten auf der Strecke.

    Wir sehen am Abend noch bei einem Mechaniker vorbei, der vortags Andis Benzinpumpe ausgetauscht hat und mir meinen Kofferhalter schweißt, der an einer Stelle gebrochen ist. Wenn wir schon da sind, lasse ich auch gleich das Öl wechseln. Das alles inklusive Hausdackel.

    Im Hostel sind Andi und ich die einzigen Ausländer unter all den Argentiniern. Ich erlebe einen der nettesten Abende auf meiner Reise. Ich werde von ihnen „gezwungen“ mich auf spanisch zu unterhalten, man lernt mir „Truco“, ein lustiges Kartenspiel und ich trinke Mate, ein typisches südamerikanisches Getränk. Vielen Dank an all die Leute im Hostel für einen unvergesslichen Abend.

    Von Andreas aus Cordoba erhalte ich eine e-mail, dass er es mit unserem geflickten Schlauch bis nach Neuquen geschafft hat.

    Und dann waren da noch all die anderen Kleinigkeiten. Andi verliert wiederholt seinen Reservekanister. Da ich hinter ihm bin, sammle ich ihn auf, der Springbrunnen mit Wein, „Freddy Krueger“ im Hostel in San Rafeal, ein Drum-Player mit Alkoholproblemen, mit Vorfahren aus Deutschland, der sich Recht und Schlecht mit Unterricht und Gelegenheitsarbeiten durchs Leben schlägt, immer zu wenig Geld in der Börse, … .

    Mittlerweile sind wir in Mendoza, wo wir uns wieder mit Renate und Bart getroffen haben – treue Leser wissen, wer die beiden sind. Aber darüber schreibe ich mehr im nächsten Artikel.

    Danke fürs Lesen, Jürgen

  • weit sind wir nicht gekommen

    weit sind wir nicht gekommen

    Fotos Album
    Andis Video über die ersten Tage

    22.12.

    Tagesausflug zum Fort Bulnes, etwa 60 km süd-östlich von Punta Arenas. Eine der ersten Siedlungen in dieser unwirtlichen Gegend, um die Magellan Straße zu überwachen. Nach ungefähr 6 Jahren sind sie ein Stück weiter nach Norden gezogen und haben Punta Arenas gegründet, weil sie die Wetter und andere Natur-Bedingungen da unten nicht ausgehalten haben.
    Wir treffen im Hostel zwei Burschen und ein Mädchen, die zu Fuß vier Tage noch ein Stück weiter nach Cabo Froward gewandert sind. Cabo Froward ist der südlichste Punkt des Festlandes. Sie erzählen, dass sie viele Flüsse und Bäche überqueren mussten. Es ist ihnen so vorgekommen, als würde die Erde das ganze Wasser, das durch den Kontinent rinnt, da unten ausweinen.

    23.12.

    Wir laufen von A bis Z alles ab und versuchen rauszufinden, wo wir hin müssen, um Andis Motorrad aus dem Zoll zu bekommen.
    Am frühen Nachmittag sehen wir dann im Internet, dass das Schiff angelegt hat. Wir fahren zum Frachthafen und fragen wie lange das abladen dauert und ob es noch möglich ist, das Motorrad am 24. Vormittag abzuholen. Wir erhalten die Antwort, dass sie das nicht genau sagen können. Bei starkem Wind werden die Container nicht vom Schiff gehoben. Man sieht, wer hier unten bestimmt, wann gearbeitet wird.
    Wenn ich so nachdenke, ich bin mir sicher, dass das Wort „Wind“ am häufigsten in meinem Blog vorkommt. Manchmal rüttelt er so stark am Motorrad, wenn es abgestellt ist, dass die Alarmanlage losgeht.

    Am Abend treffen wir Steve und Judy zum Essen. Auch sie sitzen auf unbestimmte Zeit in Punta Arenas fest und warten, dass ihr Ersatzteil eintrifft.

    24.12.

    Während ich mein Motorrad zum Mechaniker bringe, läuft Andi zum Hafen und startet einen letzten Versuch mit seinem Motorrad.

    Ich habe Glück. Mein Dichtring am Stoßdämpfer ist nicht kaputt. Es hat sich nur zu viel Dreck abgelagert und die Dichtung war einfach nicht mehr dicht und hat den Ölaustritt verursacht.

    Andi hat kein Glück. Der Container wurde zwar abgeladen, aber der Zoll öffnet diesen heute nicht mehr. Er bekommt zumindest ein Datum genannt – 26.12.

    Es macht für ihn keinen Sinn, mit nach Puerto Natales zu kommen. Wir entscheiden uns für eine Trennung. Andi bleibt in Punta Arenas. Ich mache mich auf den Weg nach Puerto Natales.

    Und während ich am frühen Nachmittag mit klammen Fingern und klappernden Zähnen Richtung Norden fahre, denke ich an euch zu Hause, wie ihr im warmen Wohnzimmer – vielleicht vor einem Kamin – sitzt und eure Geschenke auspackt.

    Im Hostel verbringe ich einen sehr netten Abend mit ein paar Leuten. Bis spät in die Nacht hinein sitzen wir zusammen und quatschen.

    25.12.

    Regenwetter. Punkt.
    Ich widme mich den gesammelten Werken von Sir Arthur Conan Doyle.

    26.12.

    Warten auf meinen Kumpel. Erneut liege ich weitgehend auf der Couch rum. Am Nachmittag erhalte ich endlich eine Nachricht, dass er und sein Motorrad vereint sind und dass er auf dem Weg nach Puerto Natales ist. Die ganze Prozedur hat etwas länger gedauert als angenommen. Wie Andi erzählt, mussten sie zu dritt auch noch auf die Jagd nach einem blinden Passagier in Form eines Insektes gehen.

    27.12.

    „Wieder unterwegs“, das war der ursprüngliche Titel dieses Artikels. Die nächsten zwei Tage werden wieder zu einer Herausforderung. Wir freuen uns, dass wir knapp zwei Wochen nach Andis Ankunft endlich mit zwei Motorrädern unsere gemeinsame Reise starten können. Wir kommen nicht sehr weit, schaffen gerade mal 200 km.
    Über die Ruta 9 fahren wir Richtung Nationalpark Torres del Paine. Eine wunderschöne Strecke. Wir bleiben ein paar mal stehen, um Fotos zu machen. Die wolkenverhangenen drei Zacken können wir auch aus der Entfernung betrachten, deshalb verzichten wir darauf, den teuren Eintritt in den Park zu zahlen. Bei der Ortschaft Torres del Paine überqueren wir die Grenze zu Argentinien mit dem Ziel El Calafate. Wir möchten 2 Nächte bleiben, um eine Tagestour zum Gletscher Perito Moreno zu machen.

    Kurz nach der Grenze bleibt Andi stehen. Irgendetwas stimmt nicht. Ich bemerke, dass sein Hinterreifen keine Luft hat. Andi ist keine 500km gefahren und hat seinen ersten Platten. Noch dazu der Hinterreifen. Der Vorderreifen wäre viel einfacher zu wechseln. El Calafate liegt noch 200 km vor uns.
    Andi hat noch einen zweiten Schlauch und wir beginnen den Hinterreifen auszubauen. Als wir diesen herunten haben, nähert sich ein Motorrad. Es ist Steve aus Amerika mit dem wir gemeinsam auf der Fähre von Porvenir nach Punta Arenas waren. Wir sind leider nicht mit Montiereisen ausgerüstet. Steve hingegen schon. Er bietet uns seine Hilfe an. Er sagt, dass er schon viele Reifen gewechselt hat und erklärt uns, wie man am besten vorgeht, wo man am ansetzt, worauf man acht geben sollte.

    Andis Hinterreifen hätte komplett neu sein sollen. Wir kommen drauf, dass der Schlauch viel zu groß für den Reifen war und drinnen verwurstet ist. Der Schlauch war auch nicht neu, sondern bereits zweimal geflickt. Ebenso war der Reifen entgegen der Laufrichtung auf der Felge montiert. Sein Reifenhändler hat da ordentlich was versaut. Da wir schon dabei sind, nehmen wir gleich den ganzen Reifen von der Felge, um auch diesen Fehler zu korrigieren. Von der Felge genommen sehen wir dann, dass der Reifen innen komplett aufgerieben ist, Gummistücke fallen heraus. Steve meint sofort, der neue Schlauch wird sehr schnell kaputt gehen.

    Wir entscheiden uns trotzdem den Ersatzschlauch einzubauen und zu versuchen so weit wie möglich zu fahren. Nach ungefähr 2 1/2 Stunden mühsamer Arbeit sind wir bereit, weiter zu fahren. Steve sollte recht behalten. Andi kommt nur wenige Kilometer weit und der Hinterreifen ist wieder platt. Auf meinem GPS Gerät sehe ich, dass sich etwa 30 km weiter eine Tankstelle befindet. Andi fährt langsam und schlingernd mit seinem platten Reifen weiter.
    Steve bleibt bei uns. Sein Sprit wird knapp. Wir erreichen die Tankstelle Tapi Aike. Es ist bloß ein Außenposten. Zwei Zapfsäulen, eine Mini Shop, wo man das Notwendigste kaufen kann, eine Polizeistation mit Zusatzgebäude und eine Garage. In einer offenen Halle stehen ein paar Baufahrzeuge rum. Sprit wird aktuell keiner verkauft, den gibt es nur für Einheimische und Notfälle. Es sind gerade mal 4 Leute hier. Der Tankwart, der nicht immer da ist. 2 Polizisten und ein Bauarbeiter, der aber nur temporär hier ist, weil er auf einer der Estancias etwas baggern muss. Es gibt kein Telefon, kein Mobilfunknetz und auch über Funk kann man El Calafate nicht erreichen. Wo sind wir hier? Werden die Polizisten hierher strafversetzt, wenn sie Mist gebaut haben?

    Wir überlegen einen Plan und entscheiden dann, dass Andi in Tapi Aike campt, ich heute 110 km zurück nach Puerto Natales fahre, morgen 250 km nach Punta Arenas, um einen Reifen und einen Schlauch zu kaufen.
    Wir rechnen das zeitmäßig durch. Wenn ich gegen 7 starte, bin ich in 3 1/2 Stunden in Punta Arenas. Ich brauche ca. 2h bis 2 1/2h bis ich einen Reifen und Schlauch finde und bin gegen 16 Uhr wieder bei Andi. Er bereitet alles soweit vor, dass wir gleich mit der Arbeit beginnen können. Wir schaffen es in zwei Stunden den Reifen zu montieren und erreichen dann El Calafate, das noch ca. 160 km entfernt liegt, gegen 20 Uhr abends.
    Für mich wird es eine verdammt harte Tour. 75 0km an einem Tag, aber es ist zu schaffen. Soweit unser Plan.

    Ich verlasse die beiden. Andi gibt Steve noch 2 Liter Benzin, damit dieser es bis zur nächsten Tankstelle schafft. Ein Polizeibeamter zeigt Andi einen Platz, wo er ein Zelt aufstellen kann. Die Nacht ist eisig und Andi hat keinen Schlafsack. Am nächsten Tag wacht Andi neben einer Katze und einem Hund auf, die ebenfalls Unterschlupf in seinem Zelt gesucht haben.

    Aufgrund der vielen Wechsel zwischen Chile und Argentinien und der vielen Aufregung, weiß ich schon gar nicht mehr, in welchem Land ich gerade bin und in welches ich einreisen möchte. Die Grenzbeamten möchten wissen, warum ich am selben Tag wieder zurück nach Chile möchte. Gegen 21 Uhr erreiche ich Puerto Natales, komme in einem Hostel unter und versuche noch über Internet rauszufinden, wo es in Punta Arenas Reifen gibt. Der andere Steve, mit Judy, gibt mir Tipps. Wie erwähnt, sitzen die beiden ja auch noch immer in Punta Arenas fest und warten auf die Teile für ihre Harley.

    28.12.

    Unser Plan von gestern war ja gut durchdacht. ABER … wir haben einen wichtigen Faktor vergessen … Das Wetter!
    Am Morgen regnet es. Das ist bei dieser Kälte zwar nicht so fein, aber was soll ich machen? Ich mache bei meiner Kleidung dicht, was dicht machen geht und fahre kurz nach 7 Uhr los.

    Die Handschuhe sind bereits nach kurzer Zeit durchnässt. Mehrmals bleibe ich stehen und halte meine Hände hinten an den Auspuff, um sie zu wärmen. Ich ziehe noch ein paar Socken über meine Handschuhe, das hilft aber auch nur begrenzt. Kurzzeitig schneit es dann auch noch. Etwa 50km vor Punta Arenas wird das Wetter zum Glück besser.

    Wegen dem schlechten Wetter und den Pausen, ist es schon nach 11 Uhr, als ich endlich in Punta Arenas ankomme. Ich fahre zuerst zum BMW Mechaniker, der mir Tage zuvor meinen Stoßdämpfer repariert hat. Der hat geschlossen. Ich fahre weiter zu einem Honda Händler, den wir bei einem Spaziergang entdeckt haben. Dieser hat keinen passenden Reifen. Ich fahre weiter in die zollfreie Zone. Dort erhalte ich beim dritten Geschäft endlich einen Reifen. Schlauch haben sie keinen. Der Verkäufer telefoniert rum und gibt mir eine Adresse, wo ich einen passenden Schlauch erhalte. Dort muss ich eine Nummer ziehen.
    Ich habe Nummer 48, aktuell wird Nummer 28 bedient. Es ist 12:10. Samstags schließen die Geschäfte um 12:30. Ich habe Angst, dass ich nicht mehr bedient werde und mache mich bereit, wenn notwendig, um Hilfe zu betteln. Als ich den Schlauch in Händen halte, ist es schon fast 12 Uhr 45. Ich habe keine Chance mehr Montiereisen zu beschaffen.

    In Punta Arenas ist es warm und sonnig. Die Leute laufen mit kurzen Ärmeln rum. Ich hoffe bloß, dass sich das Unwetter im Norden verzogen hat oder dass es sich zumindest abgeregnet hat. Weit gefehlt, es wird viel schlimmer. Als ich mich wieder den Wolken nähere, wird es eisig kalt. Zuerst beginnt das Wasser der Regentropfen an meinem Visier zu frieren. Bald darauf beginnt es stark zu schneien. Die großen nassen Schneeflocken klatschen mir an den Helm und nehmen mir nach wenigen Sekunden die Sicht. Andauernd wische ich mit meiner linken Hand das Visier frei. Manchmal stecke ich die Hand zwischen die Beine, um sie ein wenig zu wärmen. Meine rechte Hand am Gashebel ist dem Wetter gnadenlos ausgeliefert.

    Für gut 100 km quäle ich mich durch einen heftigen Schneesturm. Die Landschaft färbt sich langsam in weiß. So sieht der Sommer in Patagonien also aus.
    Ich denke nicht, ich fühle nicht, ich klammere mich bloß an meinem Motorrad fest und gebe Gas. In Puerto Natales tanke ich noch mal auf und trinke zitternd eine heißen Becher Kaffee. Der verschwindet ohne Wirkung in meiner kalten Kehle. Bei der Passkontrolle zu Argentinien bildet sich eine Pfütze um mich, weil mir das Wasser aus Ärmeln und Hose tropft.

    Kurz nach 18 Uhr komme ich endlich bei Andi an. Keine Zeit zu plaudern, sehen wir zu, dass wir fertig werden! Andi beginnt mit der Montage. Ich setze mich kurz an den Ofen, um mich ein wenig aufzuwärmen, dann helfe ich Andi. Zeitweise bekommen wir auch Unterstützung von dem Bauarbeiter. Der Bauarbeiter hat ein frisches Lamm und fragt uns, ob wir mit ihm Abendessen möchten, er kann es in den Ofen schieben. Ich lehne dankend ab und sage, dass wir so schnell wie möglich von hier weg wollen.
    Nach 2 Stunden ist der Reifen endlich fertig. Aufpumpen. Die Luft bleibt nicht im Reifen. Es ist zum Mäuse melken. Ohne richtiges Werkzeug haben wir den Schlauch wohl kaputt gemacht, als wir den Reifen auf die Felge gewuchtet haben.

    Langsam kriecht Verzweiflung hoch. Was tun? Andi meint, er hält mich nur auf, ich soll alleine weiterfahren, er wird schon irgendwie weiter kommen. Aber es wird niemand zurückgelassen.
    Nach der heutigen Fahrt will ich nicht und kann ich nicht hier draußen bleiben. Wir treffen erneut eine Entscheidung. Andi bleibt eine weitere Nacht hier. Diesmal darf er drinnen schlafen. Ich fahre nach El Calafate, organisiere dort ein Hostel, sehe mich am nächsten Morgen nach irgendeiner Lösung um und komme zurück. Andis Plan war, den kaputten Reifen zu montieren und die 160 km Nach El Calafate zu fahren. Eine verrückte Idee.

    Ich komme gegen 22 Uhr im Hostel an, laufe dann noch durch ein paar Geschäfte, um Geld auf dem „Schwarzmarkt“ zu wechseln. Das heißt, in kleinen Lebensmittelmärkten oder Souveniershops zu fragen. Der offizielle Kurs liegt bei 1USD = 6 Pesos. Auf dem „Schwarzmarkt“ kriegt man zwischen 8 und 9 Pesos für 1 USD. Danach kaufe ich noch etwas zu essen. Ein Sandwich, eine 200ml Flasche Whiskey und Wasser. Der Verkäufer spricht englisch und meint: Eine seltsame Kombination.
    Vom ständigen Kopf einziehen und gegen den Wind ankämpfen, der dauernd am Helm rüttelt, bin ich am Genick und Schultern vollkommen verspannt. Nachdem ich gegessen und ein paar Schlücke aus der kleinen Flasche genommen habe, falle ich nur mehr erschöpft ins Bett.

    29.12.

    Ausgeruht bin ich bei weitem nicht. Gegen 10 Uhr fahre ich los zu Andi. Meine Idee: Andi samt Reifen und Felge aufzuladen und nach El Calafate zu bringen. Den Reifen am nächsten Tag reparieren zu lassen – heute ist Sonntag – und ihn zurück zum Außenposten zu bringen, um das Motorrad zu holen.
    Als ich in Tapi Aike ankomme, kann ich meinen Augen nicht trauen. Andi ist bereit abzufahren – mit seinem Motorrad, mit dem neuen Reifen und einem geflickten Schlauch. Der Halunke hat es doch tatsächlich alleine geschafft, alles wieder hinzukriegen – den Schlauch zu flicken und den Reifen auf die Felge zu wuchten.
    Bis 11 Uhr abends hat er gearbeitet. Er ist noch rechtzeitig fertig geworden, bevor sie den Stromgenerator abgedreht haben und alles dunkel wird. Nach den zwei Tagen ist auch er fix und fertig. Zwei mal fällt er einfach samt Motorrad um, als wir auf der Strecke nach El Calafate kurz stehen bleiben. 10 km vor El Calafate geht ihm auch noch der Sprit aus. Es ist ein Drama.
    Als wir endlich am frühen Nachmittag das Hostel erreichen, nimmt er nur noch eine Dusche. Binnen Sekunden schläft er ein.

    Wir bleiben bis 2. Januar 2014 in El Calafate. Wir brauchen eine Pause.

    Als wir Abends essen gehen, treffen wir wieder auf Steve. Steve ist 55 Jahre alt und hat viele Jahre als Lehrer in Afrika gearbeitet. Er ist seit 18 Monaten unterwegs, in Afrika, Asien und jetzt in Südamerika. Die Wiedersehensfreude ist groß. Wir sitzen am Abend gemütlich in unserem Hostel bei zwei Flaschen Wein zusammen und erzählen Geschichten.

    Danke fürs Lesen und einen guten Rutsch, Jürgen.

    Besucht auch Andis Beitrag, um seine Version der Geschichte zu lesen