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    Bolivien

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    06.02.

    Ein neues Land auf meiner Reise. Wir überqueren die Grenze bei Villazón. Am Grenzübergang ist die Hölle los. Scharenweise werden die Leute mit Bussen angekarrt. Lange Schlangen stehen an den Schaltern. Personen, die mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs sind, werden zum Glück schneller abgefertigt.

    Wir sind an diesem Tag schon lange unterwegs, der späte Nachmittag ist angebrochen. In Villazón versuchen wir, Geld aus den Automaten zu bekommen. Was nicht wirklich funktioniert. Also entscheiden wir weiter zu unserem Ziel, Tupiza, zu fahren und es dort zu versuchen. Wenige km hinter der Stadt, werden wir bei einer Mautstation angehalten. USD werden nicht akzeptiert. Also zurück ins Dorf. Kein bolivianisches Geld in der Tasche, müssen wir im schlimmsten Fall wieder umkehren und nach Argentinien zurück. Wir finden dann doch noch einen Bankomaten, der Bolivianische Bolivar und auch USD ausspuckt.

    07.02.

    In Tupiza treffen wir im Hotel erneut auf einen Steve (Stephen). Diesmal nicht aus den Staaten, sondern aus Kanada. Er ist für ein paar Monate in Südamerika unterwegs. Für uns gut, wir müssen uns nicht viele Namen merken.
    Von Steve erfahren wir, dass die Strecke von Tupiza nach Uyuni nicht sehr gut ist. Die letzten Tage hat es geregnet. Steve hat von jemandem erfahren, der die Strecke mit dem Bus genommen hat, dass sie anstatt der 6 Stunden, für 14 Stunden unterwegs waren und die Leute teilweise schieben mussten. Aufgrund meines Problems mit dem Kühler bleiben wir von nun an auf sicheren Strecken, entscheiden gemeinsam mit Steve nach Potosi zu fahren und dann von dort die asphaltierte Strecke nach Uyuni zu nehmen.

    Die Strecke nach Potosi ist ziemlich gut ausgebaut und wir gleiten gemütlich dahin. Wir sind auf etwa 3.500m Seehöhe unterwegs. Es ist erstaunlich warm und das Wetter ist mit uns. Nur an den Bergen hängen oft dichte schwarze Wolken. Etwa 40 km vor Potosi sehe ich auf meinem GPS Gerät, dass es uns mitten in eines dieser schwarzen Löcher hineinzieht. Ich habe bloß gehofft, dass wir trocken ankommen. 25km vor Potosi sind wir mit einem Schlag mittendrin. Binnen weniger Sekunden gibt es einen Temperatursturz von etwa 25 Grad C auf etwa 5 Grad C. Es hagelt, es friert in den Fingern, das Visier beschlägt. Ich zähle jeden einzelnen Kilometer runter.
    Es ist ein eigenartiges Schauspiel, in die Stadt zu fahren .. dunkel und bedrückend. Kurz vor Potosí befindet sich der Cerro Rico, in dem vorwiegend Silber abgebaut wird. Die dicken, schwer beladenen LKWs der Minengesellschaften verdrecken den Weg und fahren langsam auf der kurvigen Straße den Berg hinab. Durch ein Labyrinth von Straßen geht es in das Stadtzentrum, sie sind mit Autos verstopft und ein Gewusel an Leuten, alles was Beine hat, scheint unterwegs zu sein.

    Am Abend gehen wir aus, um Abend zu essen. Auf dem Hauptplatz bewerfen sich die Kinder mit Wasserballons. Wie wir erfahren, hat dies mit dem Karneval zu tun und scheint eine Tradition zu sein. Die Kinder veranstalten regelrecht einen Krieg, gruppenweise mit Angriff und Gegenangriff. Eine Verkäuferin verscherbelt aus einer Tonne raus scharenweise die Wasserballons an die Kinder.

    08.02.

    Am Vormittag spazieren Andi und ich etwas durch die Straßen. Wir geraten in einen riesigen Markt, der sich über mehrere Straßenblöcke erstreckt, Norden – Süden, Osten – Westen. Man findet alles. Auf einer Strecke von mehreren hundert Metern verkaufen die Leute in ihren kleinen Ständen Obst, Gemüse, Fleisch. Es gibt Nahrung in Überfülle. Dazwischen gibt es immer wieder Buden, wo gekocht wird. In einer dieser Stände essen auch wir etwas. Hühnchen, Bohnen irgendwas, Nudeln, Tomatensalat.
    Über Zunge, von welchem Tier auch immer, haben wir uns nicht drüber getraut.

    Potosi hat eine lange Geschichte im Silberabbau. Das Casa Real de la Moneda, das Münzmuseum, ist eines der interessantesten Museen, das ich besucht habe. Hier erfährt man viel über die Geschichte der Münzprägung in ganz Amerika. Angefangen von der Prägung mit Hammer und Siegel, bis hin zur elektrisch betriebenen Maschine. Ausgestellt sind verschiedenste Apparate, die für die Herstellung von Münzen verwendet wurden. Im Museum sind drei riesige Holzapparaturen – aus Frankreich – zum Pressen von Silber ausgestellt, die von Eseln oder Sklaven (was jedoch verschwiegen wird) angetrieben wurden.
    In Südamerika haben die Spanier in verschiedenen Ländern gleiche Münzen hergestellt. Zur Unterscheidung, wo die Münzen geprägt wurden, haben sie Jahreszahl und eine Ortsprägung erhalten. Im Fall von Potosi waren es die Buchstaben PTSi, die übereinander gelegt wurden.
    Wie uns die Dame, die die Führung macht, erzählt, sind aus den Buchstaben S und i das Dollar bzw. Peso Zeichen $ entstanden.

    09.02.

    Am Abend zuvor ist Mike aus den Staaten zu uns gestoßen. Er ist knapp 30 Jahre und war ein paar Jahre bei der Army, davon ein Jahr in Afghanistan. Steve, Mike, Andi und ich fahren gemeinsam weiter nach Uyuni.
    Von Potosi nähert man sich Uyuni von einem Berg. Das Tal ist endlos. Auf der großen Ebene wirkt die Stadt Uyuni winzig klein. Wolken entleeren sich in riesigen Vorhängen aus Wasser in der weiten Ebene, hin und wieder fahren Blitze  zur Erde hinab. Und wieder stehe ich da und kann mich nicht satt sehen, an dem Schauspiel, das geboten wird.

    In Uyuni wird unsere Gruppe erneut größer. Vor unserem Hotel begegnen wir Taylor aus Seattle, der mit seiner 650er GS unterwegs ist. Er ist bereits seit ungefähr 5 Monaten unterwegs und hat knapp noch drei Wochen vor sich.

    10.02.

    Die Fahrt mit dem Motorrad auf dem Salzsee ist nicht möglich – wäre schon möglich, aber wir entscheiden uns dagegen, da im Moment Regenzeit und der See mit Wasser bedeckt ist. Es sind meist nur wenige Zentimeter. Wir mieten am Vormittag einen Jeep bei einer Tour-Organisation und fahren hinaus. Ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Etwas weiter draußen auf dem See, scheinen See und Himmel ineinander überzugehen. Die Spiegelungen vermitteln den Eindruck, als würde man in der Luft schweben.
    Von Wikipedia her ist ja bekannt, dass sich unter der Salzkruste ein See befindet. Nur war uns nicht bewusst, dass die Salzkruste kaum dicker als 10cm ist. Wir sind weit vom Ufer entfernt, als wir ein Loch bemerken und somit die Dicke der Salzkruste sehen. Und nachdem wir das erste Loch gesehen haben, nehmen wir auch all die anderen unzähligen kleineren und größeren Löcher wahr. Unser Fahrer erzählt, dass hin und wieder Fahrzeuge einbrechen, aber ihm ist das noch nicht passiert.

    Steve verlässt uns und fährt in Bolivien weiter nach Norden. Taylor, Mike, Andi und ich fahren von Uyuni auf der Ruta 5 weiter Richtung Chile. Das Ziel ist die Grenzstadt in Chile. Die Straße ist sehr ruppig. Irgendwo verliere ich meine Seitenverkleidung, die ich hinten auf meiner Tasche festgemacht habe –  anscheinend nicht fest genug. Ich habe sie nicht montiert, weil ich dauernd Wasser in meinen Kühler füllen muss. Ich fahre zurück und finde sie wieder. Ich muss die Seitenverkleidung wohl eine Weile hinter mir her geschleift  haben. Sie ist nicht mehr zu gebrauchen und ich lasse sie liegen. Zu guter Letzt fällt mir auch noch das BMW Emblem auf der anderen Seite ab.
    Ich hatte keine Probleme mit meinem Motorrad, bis ich nach Patagonien gekommen bin. Es ist wahrlich eine raue und ruppige Gegend. Mein Motorrad scheint in alle Einzelteile zu zerfallen.
    Kurz vor der Grenze zu Chile stürzt Taylor auf einer sandigen Stelle. Ich habe das ganze nicht mitbekommen, weil ich die Führungsposition hatte und Taylor an dritter Stelle war. Ich war etwas voraus und dachte zuerst, sie sind stehen geblieben, um Fotos von der wunderschönen Landschaft zu machen. Als ich sie dann wild herumlaufen sah, wurde mir bewusst, dass etwas nicht stimmt. Taylor ist zum Glück nichts passiert. Aber die linke Seite seines Motorrades wurde arg in Mitleidenschaft gezogen. Seinen Koffer hat es zerrissen. Das Armaturenbrett ist verschoben, Blinker, Windschutz, Spiegel … alles hinüber. Aber das Motorrad fährt. Was für ein Glück.

    Wir übernachten in der Grenzstadt. Die Stadt macht den Eindruck eines Outposts, einer alten Westernstadt. Früher haben hier mal Züge angehalten. Aber der Bahnhof gleicht einem Friedhof. Die Gebäude sehen heruntergekommen aus. Überraschenderweise sind sie innen aber alle sehr lieb ausgestattet. Wir haben nur bolivianisches Geld. Spät am Abend und weit entfernt vom nächsten Bankomaten, weiß die Dame im Hostal das zu nutzen und zieht uns das Geld aus der Tasche.

    11.02. / 13.02.

    Grenze – Antofagasta – Caldera – La Serena
    Erneut geht es ein Stück und wieder viele, viele Kilometer durch die Atacama. Auf eine gewisse Art mag ich sie und zugleich „hasse“ ich sie, diese endlose Wüste.

    13.02. – 15.02.Ein Zwischenstopp in La Serena. Das Wochenende naht, so lässt sich, was meinen Kühler betrifft, wenig ausrichten. Wir entscheiden uns zu bleiben und am Sonntag die letzten Kilometer nach Santiago zu fahren. Mein Kühler leckt mittlerweile sehr, die Klebemasse weicht langsam auf. Jeden Tag muss ich mehr und mehr Wasser nachfüllen. Es sind beinahe 1/2 Liter.
    Nach einem feuchtfröhlichen Abend mit Taylor und Mike sitzen Andi und ich im Hostel noch lange Zeit mit anderen Gästen zusammen.
    Ich habe es bereits mehrmals erwähnt, es gibt Hostels, da fühlt man sich äußerst wohl. Dieses hier ist ein Wohnhaus auf einem großen Grundstück, in dem, ich glaube, maximal 20 Betten vermietet werden. Ein paar im Haus, der Rest in Bungalows. Große Palmen stehen im Garten, freundliche Betreiber .. ein Platz zum Verweilen. Es ist so, als würde man „Zu Hause“ sein.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

  • erholsame Tage in La Serena und Valparaiso

    erholsame Tage in La Serena und Valparaiso

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    12.11.

    Ich hänge einen weiteren Tag in La Serena an. Das Hostel ist gemütlich, La Serena ebenso.
    An einem der Tage versuche ich einen Ausflug nach Vicuña zu machen. Das Dorf liegt im Elqui Tal. Ein paar km vor dem Dorf geht es nicht mehr weiter. Erntearbeiter machen einen Aufstand. In dieser Gegend wird Obst angebaut, Orangen, Mandarinen, Wein. Soweit ich das verstehe, geht es um schlechte Arbeitsbedingungen und Löhne. Die Straße ist mit einer Feuerwand gesperrt. Ich fahre Off-Road einen Umweg nach La Serena zurück und versuche, zu zwei Observatorien zu gelangen. Geht nicht, die Straßen dorthin sind versperrt. Rund um La Serena befinden sich ein paar dieser Sternegucker Stationen und man kann Touren buchen.

    Ich genieße die paar Tage in La Serena. In einem Cafe aus dem Fenster gucken und die Leute beobachten, faulenzen, durch die Straßen spazieren. War schon lange nicht mehr der Fall, dass ich so lange an einem Ort geblieben bin. Zuletzt in Bogota vor ca. 6 Wochen, wo ich 5 Tage war und in Quito für 3 Nächte. Sonst nur jeweils 1 oder 2 Nächte. Ich bin seit 4 Monaten unterwegs. Als ich in Australien war, bin ich mir nach ungefähr 3 Monaten vorgekommen, als wäre ich auf der Flucht, ständig woanders. Hier hat sich dieses Gefühl noch nicht eingestellt. Vielleicht weil ich ein Ziel bzw. mehrere Ziele habe. Trotzdem tut es gut, auch mal 4, 5 Nächte an einem Ort zu bleiben.

    13.11. – 16.11.

    Auf dem Weg nach Valparaiso verlasse ich die Atacama. Die Strecken mögen lange und öde gewesen sein, nichtsdestotrotz war es ein außergewöhnliches Erlebnis, durch die riesige Wüste zu fahren. Die karge Vegetation, kein Schatten wo man Zuflucht suchen könnte und bloß ein paar Geier, die in der Luft ihre Kreise gezogen haben. Die großen Distanzen zwischen den Dörfern und Städten. Die unterschiedlichen Farben und die Beschaffenheit, sandig, steinig, erdig, gelb-grau, braun und rot und oft sehr kalt … .
    Langsam nimmt die Vegetation Überhand. Zuerst sind es kleine Büsche, die die Landschaft sprenkeln. Die Bäume werden höher und mehr und Gras bedeckt den Boden.

    Noch am selben Tag, gleich nach meiner Ankunft in Valparaiso, bringe ich das Motorrad zum BMW Händler in Viña del Mar. Nach ungefähr 25.000 km und den vielen Off-Road Fahrten in Peru verdient auch das Motorrad ein wenig Pflege. Ein neuer Hinterreifen, neuer Kettensatz, Kupplung und Bremse korrigieren und andere Kleinigkeiten.

    Der Stadtkern von Valparaiso ist Weltkulturerbe. Die Großteils alten Häuser schmiegen sich an die Berghänge und in die kleinen Täler. Enge steile Straßen und Gassen ziehen sich durch die Stadt. Graffitis fast an jeder Hauswand. Stiegen und Gässchen führen durch das Häuserlabyrinth. Viele der Häuser sind nur zu Fuß zu erreichen. Die meisten der berühmten Aufzüge sind leider außer Betrieb. Und leider ist es in den kleinen Hintergassen oft auch sehr schmutzig, Müll liegt beinahe überall herum. Ein Gewusel an Leuten und Autos quält sich durch die Straßen.

    Viña del Mar, die Nachbarstadt ist das komplette Gegenteil. Neu, modern, breite Straßen, mehr Platz, ein schöner Badestrand und mir scheint ein wenig relaxter als Valparaiso. Beide Stadtteile haben ihren Charme.

    Weltkulturerbe zu sein muss nicht immer von Vorteil sein. Das heißt nämlich, man darf so gut wie gar nichts an der Bausubstanz verändern. Die Häuser sind alt, sehr alt. Jedes mal, wenn der Nachbar im Hostel die Wasserleitung aufdreht, hört es sich an, als würde Chewbacca aus Star Wars sprechen.

    Am letzten Tag in Valparaiso bin ich am Ausguck nahe dem Museo Naval y Maritime. Von dort hat man eine gute Aussicht auf den Frachthafen. Ich beobachte lange das geschäftige Treiben. Ein größeres Frachtschiff nähert sich. Ich denke: Cool, so etwas kriegt man auch nicht alle Tage zu sehen. Mit Hilfe dieser kleinen Dampfer wird es in den Hafen gebracht. Dann denke ich: Warte mal, der Name des Schiffes kommt mir bekannt vor. Ein paar Tage zuvor hat mir Andi eine Mail geschrieben. Irgendwo in einem der vielen Container ist sein Motorrad verstaut und wartet darauf, nach Punta Arenas geliefert zu werden.

    Morgen fahre ich weiter. Noch 4 Wochen, um mein erstes Ziel zu erreichen.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

  • durch die Wüste

    durch die Wüste

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    „Durch die Wüste“, so hat einst ein Roman von Karl May geheißen. Aber der spielt irgendwo im arabischen Raum.

    02.11., 03.11.

    Auf den letzten 1.000 Kilometern Richtung chilenischer Grenze hat mich der Wind weiterhin fest in Griff. Ich kriege dann auch noch einen Schreck, wie sehr sich der Seiten- und Gegenwind auf den Treibstoffverbrauch auswirken. Bei 290 km blinkt die Reserveleuchte auf. Ich beginne zu rechnen. 290 km, 13,3 Liter, das sind knapp 4,6 Liter auf 100km, gegenüber 3,5 im Schnitt. Mein GPS zeigt erst in 109 km wieder eine Tankstelle. Ich habe 4 Liter Reserve. Man muss kein Mathematiker sein, um zu sehen, dass es hier ein Problem geben könnte. Umdrehen? Die letzte Tankstelle liegt gut 30km zurück. Ich reduziere die Geschwindigkeit und fahre weiter. Zum Glück haben sie zwischendurch noch ein Dorf hingesetzt, wo ich wieder auffüllen kann.

    Der Wind ist ein ständiger unberechenbarer Feind, gegen den man ankämpft. Zeitweise zieht dir eine Windböe das Motorrad regelrecht unterm Hintern weg. Du liegst in der Kurve und wirst mit einem Schlag weiter nach unten gedrückt oder stemmst dich dagegen und plötzlich ist der Widerstand weg. Du wirst nach außen an den Straßenrand oder in die Straßenmitte getrieben.

    Zwischen den endlosen Strecken in der Wüste gerät man manchmal durch kleine und größere Dörfer. Sie sind wie Inseln in einem Meer aus Sand. Dort, wo sich Flüsse von den Bergen in hunderttausenden von Jahren einen Weg zum Meer gebahnt haben, haben sich grüne Oasen gebildet.

    Ich bin gut unterwegs und entscheide mich am frühen Nachmittag, noch nach Chile zu übersetzen. Die Grenzformalitäten sind bald erledigt. Nur die zwei Äpfel, die ich in meiner Tasche verstaut habe, sorgen für Verzögerung. Meine Taschen werden geröntgt. Man darf keine offenen Lebensmittel importieren. Ich muss ein Formular ausfüllen. Die zwei Äpfel werden gewogen, alles wird peinlich im Computer erfasst und dann werden sie im Müll entsorgt.

    Peru hat mich zeitweise ganz schön gefordert, hoch oben in den Bergen bei eisiger Kälte und bei anspruchsvollen kurvigen Bergstraßen. Ich bin schon gespannt, was Chile für mich bereit hält.

    Chile:
    Das vorletzte Land auf dem Weg nach Süden. Es gibt einen Zeitsprung um zwei Stunden nach vorne, der Abstand nach Hause verringert sich auf aktuell vier Stunden. Dafür wird es abends erst später dunkel. Das bringt mein Zeitgefühl die ersten Tage etwas durcheinander. Ich bin gewohnt, dass es um 19 Uhr stockfinster ist.

    Arica liegt gleich hinter der Grenze, wo ich dann auch die erste Nacht verbringe. Die Herbergssuche ist etwas mühsam, aber schließlich finde ich doch etwas günstigeres. Die Preise sind in den nördlichen Städten vorwiegend auf Business Kunden ausgerichtet und kosten so ab 40 EUR aufwärts. Die Preise sind in Chile europäisch. Ich werde das die nächsten Tage noch zu spüren bekommen.

    04.11.

    Wüste, Wüste, Atacama Wüste. Hier oben im Norden von Chile gibt es Sand zu Hauf. Ein riesiges Katzenklo. Tankstellen sucht man auf der Panamericana im Norden vergebens. Mit dem letzten Tropfen Benzin komme ich in Iquique an. Man befindet sich auf etwa 600m Seehöhe, wenn man sich Iquique nähert. Die Fahrt runter zum Meer bietet einen atemberaubenden Blick auf die Stadt, die von einer riesigen Sanddüne überragt wird.

    Ich kann es kaum fassen. Endlich erhalte ich in einem Baumarkt destilliertes Wasser für meine Batterie. Jawohl, ein Baumarkt. Seit den USA habe ich keinen Baumarkt mehr gesehen. Ich habe mich schon gewundert, dass die Batterie noch keine Probleme gemacht hat und schütte gut 1/8l Wasser in meine Batterie.
    Wie oft habe ich unterwegs an Motorradshops und Batteriegeschäften gefragt. Der letzte wollte mir Batteriesäure andrehen. Wann immer ich gesagt habe, ich benötige Wasser für meine Batterie, haben sie mich blöd angeguckt. Destilliertes Wasser unbekannt. Gerade in Zentral und Südamerika, wo so viele Motorräder unterwegs sind. Ich verstehe es nicht.
    Im Baumarkt erhalte ich auch Ducttape. Ein Kumpel hat mal geschrieben „Ducttape fixes everything“. Ich bin gespannt, ob sich damit auch die Löcher in meinen Koffern dicht-fixen lassen.

    05.11.

    Tag 2 in Iquique. Arbeitstag. Fast 4 Stunden verbringe ich damit über Fernwartung zu Hause ein paar Rechner auf aktuellen Stand zu bringen. Schließlich bin ich nicht zum Vergnügen hier. Ein wenig plaudern mit Familie und Freunden.

    Essen, Sightseeing, planen der nächsten Tage, Kontakt mit BMW in Valparaiso aufnehmen – zwecks Service. Meine Lady verlangt nach einem neuen Hinterschuh und auch sonst schreit sie nach etwas Pflege.

    06.11.

    Gut 500km nach San Pedro de Atacama. Das Dörfchen ist äußerst touristisch. Auf einen Einheimischen dürften 20 Touristen kommen. Das Dorf befindet sich quasi mitten im Nirgendwo. In der Umgebung gibt es einige naturelle Sehenswürdigkeiten. Mir ist es etwas zu touristisch. Nachdem ich mich durch mehrere Hostels gefragt habe, erhalte ich für eine Nacht ein Bett in einem Dorm.
    In Peru habe ich mal drei Holländer am Straßenrand getroffen. Sie haben mir erzählt, dass sie zu einer Gruppe von 27 Personen gehören, die für 50 Tage über eine organisierte Tour von Ecuador nach Punta Arenas unterwegs sind. Als ich durch San Pedro spaziere, sehe ich sie alle in einem Hostal stehen.

    07.11.

    Am Morgen fahre ich zum Salar de Atacama, einem Salzsee etwa 40km von San Pedro entfernt, dort gibt es angeblich Flamencos zu sehen. Ein paar staken tatsächlich im Wasser in der bizarren Landschaft herum. Danach mache ich mich auf den Weg Richtung Antofagasta. Manchmal nicke ich auf den langen geraden Strecken für mehrere Minuten ein.

    Bergbau ist hier in der Atacama der dominierende Wirtschaftszweig. Viele Straßenschilder geben die Richtung zu Minen an. In der ganzen Atacama dürften schon seit langem Rohstoffe abgebaut werden. Auf manchen Schildern wird auf historische Minen und Siedlungen hingewiesen. Manche datieren gut 150 Jahre zurück. Manchmal sind Geisterdörfer abseits der Panamericana zu sehen. Oft sind die Häuser verschwunden, nur die Friedhöfe sind noch vorhanden, in denen die eisernen Kreuze vor sich hin rosten.

    Antofagosta ist nicht gerade ein Perle. In der Stadt finden sich viele Titty-Bars – „Girls and Beer“. Wohl um die Minenarbeiter um ihren Verdienst zu bringen. Auf dem Weg ins Zentrum werde ich von einem heruntergekommenen Typen angehalten. Er spricht perfekt englisch und hat nur noch wenige Zähne im Mund. Erzählt mir, dass er kein Geld möchte, nur Englisch üben. Er hat 10 Jahre in den USA gelebt, aber hier spricht leider keiner Englisch und er freut sich, wenn er zwischendurch mal englisch sprechen kann. Er erzählt mir, wie gut es Chile geht, weil sie Kupfer haben. Bei ihm ist dieser Wohlstand noch nicht angekommen. Er betont immer wieder, dass er kein Geld möchte, aber wir könnten ein Bier trinken gehen … Ich ziehe weiter.

    08.11.

    Keine Änderung in Sicht. Weiterhin Wüste soweit das Auge blicken kann.
    Ich war ja schon äußerst beeindruckt vom australischen Outback, aber die Atacama stellt eine neue Dimension dar. Seit Tagen fahre ich nur durch Wüste, zwischen 400 und 500 km pro Tag, was ziemlich mühsam ist. Vielleicht fahre ich ja auch im Kreis, was ich mir angesichts der langen geraden Strecken nicht vorstellen kann.

    Vor Caldera zweige ich in den Nationalpark Pan de Azúcar ab und fahre die letzten 100 km die Küste entlang. Endlich etwas Abwechslung.

    Chile ist verdammt teuer – vor allem Hotels, europäische Preise hier. Von Zentral- und bis jetzt Südamerika war ich gewohnt, dass ich im Durchschnitt mit ca. 30 EUR pro Tag über die Runden komme – Essen, Tanken, Unterkunft. Hier habe ich zu tun, dass ich mit meinem ursprünglichen Tagesbudget zurecht komme.

    09.11.

    Bewölkt und bei kaltem Wetter mache ich mich auf den Weg nach La Serena.
    Die Panamericana hat viele Opfer gefordert. Sie gleicht beinahe einem langen Friedhof. Die Toten werden mit Gedenkstätten geehrt, die manchmal sehr kreativ gestaltet sind. Aber es wird investiert. Ein Großteil der Panamericana in Chile befindet sich in neuem erstklassigen Zustand. In ein bis zwei Jahren kann man hier mit dem Formel 1 Wagen durchfahren.

    Wer der Meinung ist, dass es hier warm ist, täuscht sich gewaltig. Die Sonne braucht am Morgen ungefähr bis halb 11, bis sie den Dunst vertrieben hat. Bis dahin ist es saukalt. Warm ist es nur weiter Inlands, zwischen 2.000 und 2.500m Seehöhe, dort wo die Berge beginnen. Es ist heiß, wenn man steht. Befindet man sich in Bewegung, ist es empfindlich kalt. Noch kälter wird es, sobald man sich dem Meer nähert. Ich trage beim Fahren fast immer Pullover, Innenfutter und Gesichtsmaske.

    Nachdem ich in den letzten 7 Tagen so um die 3.000 km zurückgelegt habe, mache ich für drei Nächte Rast in La Serena.

    10.11.

    Guten Morgen. Es tut gut, mal nicht aufstehen zu müssen, um aufs Bike zu steigen. Und da es regnet, muss ich nicht mal nach einer Ausrede suchen. Das Hostel wir von Deutschen betrieben. Der Eigentümer erzählt mir später, dass es in den 18 Jahren, wo sie in Chile sind, im November noch nie geregnet hat.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.Diesmal im Album:
    – endlose Straßen
    – Gesichter der Wüste
    – Verehrung der Toten
    – … und andere Sachen