Kategorie: Chile

  • Veränderungen

    Veränderungen

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    16.02. – 22.02.

    Wir/Ich war/en eine Woche Santiago. Santiago ist eine riesige Metropole mit etwa 6 1/2 Millionen Einwohnern. Die Stadt ist mir sympathisch.
    Für Sightseeing bleibt diesmal aber nicht viel Zeit. Ich bin mehrmals zum BMW Händler und zu einem anderen Mechaniker unterwegs, um mein Motorrad wieder richten zu lassen. Aber damit will ich euch nicht langweilen. Nur soviel, es bleibt einem die Spucke weg, wenn man sieht, was BMW für einen Plastik-Ersatzteil verlangt.

    Mein erster Weg in Santiago führt zu Marco und Silvia. Sie sind Freunde von Günther, den ich in Valdivia getroffen habe.
    Sie haben vor etwas mehr als 20 Jahren für ungefähr 6 Jahre in Österreich gelebt. Dort haben sie Günther kennengelernt. Silvia und Marco sind zwei überaus nette Personen. Ich werde sofort herzlich aufgenommen, ich erhalte Essen und sie fahren mich ein wenig in der Gegend rum.
    Marco hat mir im Vorfeld bei der Organisation meines Kühlers geholfen.

    Andi und ich verbringen die letzten Tage im Hostel mit „socializing“ auf deutsch, einer netten Zeit mit den anderen Leuten im Hostel.

    Am Donnerstag, den 20.02. hat mich Andi verlassen .. mitten in der Nacht .. ohne ein Wort zu sagen. Nur Spaß. 🙂
    Andi muss Mitte März zu Hause sein, um sich um ein paar wichtige Sachen zu kümmern.
    Es hätte nicht viel Sinn gemacht, weiter nach Norden zu fahren. Valparaiso ist in dieser Gegend die beste und einfachste Möglichkeit ein Motorrad nach Hause zu senden. Die nächste Möglichkeit wäre Lima. Aber das wäre sich zeitlich nicht mehr ausgegangen.
    Andi macht noch eine Woche Zwischenstopp in Jamaika, bevor er zurück nach Österreich geht.

    Es war eine gute Zeit. Es ist zwar nicht so verlaufen, wie geplant, aber es war lustig, abenteuerlich, anstrengend, erholsam und vieles mehr. Wir hatten Spaß und auch über lange Zeit keine Probleme miteinander auszukommen .. zumindest aus meiner Sicht nicht. Ich glaube, ich habe gut zwei Kilo zugelegt in diesen zwei Monaten, in denen wir gemeinsam gereist sind. Wahrscheinlich sogar mehr. In Gesellschaft isst und trinkt es sich besser.

    Taylor und Mike haben ihre Motorräder ebenfalls richten lassen und machen sich bereits nach drei Tagen wieder auf den Weg. Wenn alles gut geht, sehe ich Taylor in etwa vier Monaten in Seattle wieder.

    Am Tag vor meiner Abreise bin ich bei einem anderen Mechaniker. Mein Motorrad erhält einen neuen Kettensatz und auch eine neue Seitenverkleidung. Unglaublich, Carlos hätte sogar eine original Seitenverkleidung von meiner BMW Dakar. Aber 450 USD sind mir zu viel für ein Stück Plastik. Er hat noch ein anderes von einer älteren Baureihe und in einer anderen Farbe um knapp 200 USD.

    Als ich ihm zusehe, wie er das Teil montiert, beginnen meine Gedanken zu schweifen. Ich bin seit 7 Monaten unterwegs. Halbzeit. Ende September möchte ich zurück sein. Zeit für eine Zwischenbilanz?

    Besonders meinem Motorrad sieht man die Reise an.
    Blitz und blank geputzt habe ich es vor meiner Abreise fotografiert. Beinahe ohne Kratzer .. und jetzt .. es hat sich total verändert, sieht anders aus, eine Schramme hier, eine Schramme da, links eine andere Seitenverkleidung, die Koffer sind hinüber .. die Zeichen der Abnutzung sind groß. Aber mir gefällt es .. es erhält Charakter.

    Ich bin nicht der Mensch, der emotionell an materiellen Dingen hängt. Aber das Motorrad ist ein Teil von mir geworden, ich möchte es nicht wieder hergeben. Wahrscheinlich ist es billiger ein neues zu kaufen, als es nach der Reise wieder auf Vordermann zu bringen. Aber es ist das Ding, das dauernd unter meinem Arsch klebt und mich zu all den Abenteuern, Erlebnissen und Personen bringt.

    Sieht man auch mir an, ob ich mich verändert habe? Äußerlich bestimmt, auch vor mir macht das Alter nicht Halt. Aber habe ich mich auch innerlich verändert? Ich kann es – noch – nicht feststellen. Der Charakter eines Menschen bildet sich in jungen Jahren. Irgendwann ist man gefestigt in seiner Meinung und in seinen Werten. Je älter man wird, desto mehr bleibt man in festen Bahnen. Ich werde es wohl erst feststellen können, wenn ich wieder zu Hause bin.

    23.04., 24.04.

    Ich habe meine letzten Chilenischen Pesos ausgegeben und fahre deshalb wieder nach Argentinien. Aufgrund der Inflation wird Argentinien erneut billiger. Ich erhalte 11 Pesos für 1 USD auf dem Graumarkt. Bei meiner ersten Einreise waren es 8 Pesos.
    Hier sitze ich in Mendoza mal das kalte Regenwetter aus, bevor ich meinen ursprünglichen Plan nach Norden weiter verfolge.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

  • auf Wiedersehen Chile

    auf Wiedersehen Chile

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    30.12. – 01.01.

    Am letzten Tag des Jahres machen wir einen Ausflug zum Perito Moreno Gletscher.
    Ein äußerst beeindruckender Anblick. Der Gletscher ist vom Grund des Sees ca. 100m hoch, die Gletscherwand ragt über Wasser zwischen 55m und 77m in die Höhe. Die gesamte Breite der Gletscherwand beträgt etwa 5km. Der Gletscher schiebt sich im Jahr über 750 Meter voran. Das Eis schimmert weiß-blau im Sonnenlicht. Nahe am Boden muss das Eis unheimlich dicht gepresst sein, es hat teilweise eine ganz eigene blaue Farbe, als würde es sich um einen Edelstein handeln. Andauernd hört man lautes knacken. Immer wieder brechen große Stücke von der Wand ab und stürzen in das Wasser. Wann immer ein Bruch zu hören ist, springen Leute mit ihren Kameras durch die Gegend. Meistens natürlich zu spät.

    Beim Gletscher treffen wir wieder auf Hitch und Lee, zwei Neuseeländer, die wir schon in Punta Arenas getroffen haben. Mit ihnen und ein paar Argentiniern ziehen wir zu Silvester um die Häuser. Der Neujahrstag vergeht dann weitgehend auf der Couch.

    02.01. – 05.01.

    Am 2. Januar machen wir einen riesigen Satz nach Norden, von El Calafate nach Perito Moreno. Erneut geht es durch starken Wind, Regen und manchmal auch durch leichten Schneefall. Perito Moreno dient, wie auch schon bei meiner Fahrt Richtung Süden, nur der Übernachtung. Unser Ziel ist die Carretera Austral. Wir möchten sie ein Stück nach Norden fahren.

    Bei Chile Chico setzen wir über die Grenze. Die Welt ist klein, beziehungsweise läuft man sich hier unten immer wieder über den Weg. An der Grenze begegnen wir zwei Deutschen, Rosi und Alfred, die in Ushuaia im selben Hostel wie wir waren. Wir fahren gemeinsam weiter.

    Andi und ich sind etwas voraus. Nach nicht allzu vielen Kilometern geht Andis Schlauch im Hinterreifen erneut kaputt. Wir haben den Hinterreifen schon ausgebaut, als Rosi und Alf eintreffen.

    Bei jedem Mal lernt man etwas dazu. Alf zeigt uns, wie man in wenigen Sekunden mit dem Seitenständer des Motorrades den Reifen von der Felge löst. Wir werden immer schneller beim Reifen wechseln. Noch ein paar mal und wir können mit der Formel 1 konkurrieren.

    Staunend fahren wir mit offenem Mund durch die Gegend, die Landschaft ist einfach unbeschreiblich schön.
    Die Nacht verbringen wir in Puerto Rio Tranquillo. Puerto Rio Tranquillo ist ein kleines Dörfchen, ein paar Häuser, ein paar Hostels, eine Tankstelle. Die große Attraktion hier sind die Marble Caves, eine Höhlenformation, die durch Wind und Wetter etwas bizarr geformt ist und im türkisen Wasser des Lago Buenos Aires schimmernd nur mit dem Boot erreichbar ist.

    Bevor wir am nächsten Tag weiterfahren, machen wir eine Tour zu den Marble Caves. Es ist ein wahrer Höllenritt auf der rauen See. Man möchte kaum glauben, wie hoch der Wind die Wellen aufpeitscht. Sie sind 1 bis 1 1/2 m hoch. Wir sitzen inkl. Kapitän zu acht in einem kleinen Boot, das hart auf die hohen Wellen aufschlägt. Das kalte Wasser spritzt über die Bordwand in das innere des Bootes. Einen Ausflug auf einem See stellt man sich gemütlicher vor. Auf der Rückfahrt müssen wir noch stärker gegen den Wind und die Wellen ankämpfen. Mit dieser Wildheit hat keiner gerechnet. Wir sind froh als wir wieder an Land sind.

    Auf zwei Rädern fühlen wir uns weitaus sicherer und fahren weiter nach Coyhaique, der größten Stadt hier an der Carretera Austral. Die Fahrt ist etwas anstrengend, teilweise loser Schotter, viele Kurven, viele Schlaglöcher und Wellbrett Pisten. Nichtsdestotrotz vermag die Natur erneut zu verzaubern. In Coyhaique machen wir einen fahrfreien Tag.

    06.01.

    Unsere Wege trennen sich wieder. Rosi und Alf entscheiden sich, mit einer Fähre weiter nach Norden zu ziehen. Andi und ich fahren auf dem Landweg weiter. Es waren drei äusserst nette Tage mit den beiden. Gute Reise ihr zwei. Vielleicht sieht man sich noch mal … spätestens bei unserer nächsten Panne :-).

    Die Fahrt auf der Ruta 7 macht richtig Spaß. Wir sind gut unterwegs und fahren an die 450km durch bis Futaleufu, knapp vor der argentinischen Grenze. Am Anfang ist die Strecke asphaltiert. Dann geht es meist auf 1 1/2 Spuren durch den Wald. Manchmal regnet es leicht. Hin und wieder gibt es loseren Schotter. Der Regen ist zwar nicht sehr angenehm, bindet aber den Staub. Mit höherer Geschwindigkeit rauschen wir dahin, das Hinterrad tänzelt oft leicht auf dem losen Untergrund. Es ist eine Freude, auf dieser Strecke dahinzugleiten.

    Wie erwähnt, man sieht sich hier immer wieder. Über die drei Tage treffen wir auf der Strecke auch mehrmals auf eine Gruppe von vier Chilenen, die ein paar Tage unterwegs sind. Einer der vier hat ein Motorrad Geschäft, gibt uns Tipps wo wir Ersatzteile kaufen können.

    Die Suche nach einer Unterkunft ist im Moment etwas schwierig, weil hier Hochsaison ist. Das erste Hostel in Futaluefu ist voll. Wenige Meter weiter sehe ich bei einem Restaurant „Hostal“ mit Kreide auf eine Tafel geschrieben. Ich frage nach. Wir haben gesamt noch 46.000 CLP für die letzte Nacht in Chile übrig. Ab Morgen sind wir in Argentinien. Die Nacht, inkl. hervorragendem Frühstück, erhalten wir für 26.000 in einer Cabana mit großem Vorzimmer und großem Schlafzimmer … luxuriös. In einem Supermarkt kaufe ich für 4.000 noch etwas Wasser, Kekse und ein paar Bier.

    Das Hostal / Restaurant / Souvenir Geschäft wird von einem sehr netten jungen Ehepaar geführt, Sie kümmert sich um das organisatorische, Er steht in der Küche, des Weiteren geht eine Küchenhilfe mit zur Hand.

    Wir möchten im Restaurant zu Abend essen, ich sage: „Es ist unser letzter Tag in Chile. Wir haben noch 16.000 CLP übrig. Wir nehmen zwei Bier, für den Rest des Geldes kocht uns bitte irgendetwas.“ Der Koch zaubert uns zwei große, hervorragend schmeckende Teller Nudeln auf den Tisch.

    Am Morgen, der Abfahrt, werden wir mit einer Umarmung und „Buen Viaje“ auf die Reise gesendet. Ich habe so oft eine Herzlichkeit von fremden Personen in Südamerika erfahren. Ich hoffe, dass ich ganz viel davon mit nach Hause mitnehme und auch behalte.

    Weiter im Norden, in Rosario, hat die Dakar Rallye gestartet. Durch die verspätete Ankunft von Andis Motorrad können wir leider nicht dabei sein. Aber wir werden versuchen ein, zwei Etappen nachzufahren, wenn wir da oben sind.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

    seht euch auch Andis Video Highway to Hell an

  • weit sind wir nicht gekommen

    weit sind wir nicht gekommen

    Fotos Album
    Andis Video über die ersten Tage

    22.12.

    Tagesausflug zum Fort Bulnes, etwa 60 km süd-östlich von Punta Arenas. Eine der ersten Siedlungen in dieser unwirtlichen Gegend, um die Magellan Straße zu überwachen. Nach ungefähr 6 Jahren sind sie ein Stück weiter nach Norden gezogen und haben Punta Arenas gegründet, weil sie die Wetter und andere Natur-Bedingungen da unten nicht ausgehalten haben.
    Wir treffen im Hostel zwei Burschen und ein Mädchen, die zu Fuß vier Tage noch ein Stück weiter nach Cabo Froward gewandert sind. Cabo Froward ist der südlichste Punkt des Festlandes. Sie erzählen, dass sie viele Flüsse und Bäche überqueren mussten. Es ist ihnen so vorgekommen, als würde die Erde das ganze Wasser, das durch den Kontinent rinnt, da unten ausweinen.

    23.12.

    Wir laufen von A bis Z alles ab und versuchen rauszufinden, wo wir hin müssen, um Andis Motorrad aus dem Zoll zu bekommen.
    Am frühen Nachmittag sehen wir dann im Internet, dass das Schiff angelegt hat. Wir fahren zum Frachthafen und fragen wie lange das abladen dauert und ob es noch möglich ist, das Motorrad am 24. Vormittag abzuholen. Wir erhalten die Antwort, dass sie das nicht genau sagen können. Bei starkem Wind werden die Container nicht vom Schiff gehoben. Man sieht, wer hier unten bestimmt, wann gearbeitet wird.
    Wenn ich so nachdenke, ich bin mir sicher, dass das Wort „Wind“ am häufigsten in meinem Blog vorkommt. Manchmal rüttelt er so stark am Motorrad, wenn es abgestellt ist, dass die Alarmanlage losgeht.

    Am Abend treffen wir Steve und Judy zum Essen. Auch sie sitzen auf unbestimmte Zeit in Punta Arenas fest und warten, dass ihr Ersatzteil eintrifft.

    24.12.

    Während ich mein Motorrad zum Mechaniker bringe, läuft Andi zum Hafen und startet einen letzten Versuch mit seinem Motorrad.

    Ich habe Glück. Mein Dichtring am Stoßdämpfer ist nicht kaputt. Es hat sich nur zu viel Dreck abgelagert und die Dichtung war einfach nicht mehr dicht und hat den Ölaustritt verursacht.

    Andi hat kein Glück. Der Container wurde zwar abgeladen, aber der Zoll öffnet diesen heute nicht mehr. Er bekommt zumindest ein Datum genannt – 26.12.

    Es macht für ihn keinen Sinn, mit nach Puerto Natales zu kommen. Wir entscheiden uns für eine Trennung. Andi bleibt in Punta Arenas. Ich mache mich auf den Weg nach Puerto Natales.

    Und während ich am frühen Nachmittag mit klammen Fingern und klappernden Zähnen Richtung Norden fahre, denke ich an euch zu Hause, wie ihr im warmen Wohnzimmer – vielleicht vor einem Kamin – sitzt und eure Geschenke auspackt.

    Im Hostel verbringe ich einen sehr netten Abend mit ein paar Leuten. Bis spät in die Nacht hinein sitzen wir zusammen und quatschen.

    25.12.

    Regenwetter. Punkt.
    Ich widme mich den gesammelten Werken von Sir Arthur Conan Doyle.

    26.12.

    Warten auf meinen Kumpel. Erneut liege ich weitgehend auf der Couch rum. Am Nachmittag erhalte ich endlich eine Nachricht, dass er und sein Motorrad vereint sind und dass er auf dem Weg nach Puerto Natales ist. Die ganze Prozedur hat etwas länger gedauert als angenommen. Wie Andi erzählt, mussten sie zu dritt auch noch auf die Jagd nach einem blinden Passagier in Form eines Insektes gehen.

    27.12.

    „Wieder unterwegs“, das war der ursprüngliche Titel dieses Artikels. Die nächsten zwei Tage werden wieder zu einer Herausforderung. Wir freuen uns, dass wir knapp zwei Wochen nach Andis Ankunft endlich mit zwei Motorrädern unsere gemeinsame Reise starten können. Wir kommen nicht sehr weit, schaffen gerade mal 200 km.
    Über die Ruta 9 fahren wir Richtung Nationalpark Torres del Paine. Eine wunderschöne Strecke. Wir bleiben ein paar mal stehen, um Fotos zu machen. Die wolkenverhangenen drei Zacken können wir auch aus der Entfernung betrachten, deshalb verzichten wir darauf, den teuren Eintritt in den Park zu zahlen. Bei der Ortschaft Torres del Paine überqueren wir die Grenze zu Argentinien mit dem Ziel El Calafate. Wir möchten 2 Nächte bleiben, um eine Tagestour zum Gletscher Perito Moreno zu machen.

    Kurz nach der Grenze bleibt Andi stehen. Irgendetwas stimmt nicht. Ich bemerke, dass sein Hinterreifen keine Luft hat. Andi ist keine 500km gefahren und hat seinen ersten Platten. Noch dazu der Hinterreifen. Der Vorderreifen wäre viel einfacher zu wechseln. El Calafate liegt noch 200 km vor uns.
    Andi hat noch einen zweiten Schlauch und wir beginnen den Hinterreifen auszubauen. Als wir diesen herunten haben, nähert sich ein Motorrad. Es ist Steve aus Amerika mit dem wir gemeinsam auf der Fähre von Porvenir nach Punta Arenas waren. Wir sind leider nicht mit Montiereisen ausgerüstet. Steve hingegen schon. Er bietet uns seine Hilfe an. Er sagt, dass er schon viele Reifen gewechselt hat und erklärt uns, wie man am besten vorgeht, wo man am ansetzt, worauf man acht geben sollte.

    Andis Hinterreifen hätte komplett neu sein sollen. Wir kommen drauf, dass der Schlauch viel zu groß für den Reifen war und drinnen verwurstet ist. Der Schlauch war auch nicht neu, sondern bereits zweimal geflickt. Ebenso war der Reifen entgegen der Laufrichtung auf der Felge montiert. Sein Reifenhändler hat da ordentlich was versaut. Da wir schon dabei sind, nehmen wir gleich den ganzen Reifen von der Felge, um auch diesen Fehler zu korrigieren. Von der Felge genommen sehen wir dann, dass der Reifen innen komplett aufgerieben ist, Gummistücke fallen heraus. Steve meint sofort, der neue Schlauch wird sehr schnell kaputt gehen.

    Wir entscheiden uns trotzdem den Ersatzschlauch einzubauen und zu versuchen so weit wie möglich zu fahren. Nach ungefähr 2 1/2 Stunden mühsamer Arbeit sind wir bereit, weiter zu fahren. Steve sollte recht behalten. Andi kommt nur wenige Kilometer weit und der Hinterreifen ist wieder platt. Auf meinem GPS Gerät sehe ich, dass sich etwa 30 km weiter eine Tankstelle befindet. Andi fährt langsam und schlingernd mit seinem platten Reifen weiter.
    Steve bleibt bei uns. Sein Sprit wird knapp. Wir erreichen die Tankstelle Tapi Aike. Es ist bloß ein Außenposten. Zwei Zapfsäulen, eine Mini Shop, wo man das Notwendigste kaufen kann, eine Polizeistation mit Zusatzgebäude und eine Garage. In einer offenen Halle stehen ein paar Baufahrzeuge rum. Sprit wird aktuell keiner verkauft, den gibt es nur für Einheimische und Notfälle. Es sind gerade mal 4 Leute hier. Der Tankwart, der nicht immer da ist. 2 Polizisten und ein Bauarbeiter, der aber nur temporär hier ist, weil er auf einer der Estancias etwas baggern muss. Es gibt kein Telefon, kein Mobilfunknetz und auch über Funk kann man El Calafate nicht erreichen. Wo sind wir hier? Werden die Polizisten hierher strafversetzt, wenn sie Mist gebaut haben?

    Wir überlegen einen Plan und entscheiden dann, dass Andi in Tapi Aike campt, ich heute 110 km zurück nach Puerto Natales fahre, morgen 250 km nach Punta Arenas, um einen Reifen und einen Schlauch zu kaufen.
    Wir rechnen das zeitmäßig durch. Wenn ich gegen 7 starte, bin ich in 3 1/2 Stunden in Punta Arenas. Ich brauche ca. 2h bis 2 1/2h bis ich einen Reifen und Schlauch finde und bin gegen 16 Uhr wieder bei Andi. Er bereitet alles soweit vor, dass wir gleich mit der Arbeit beginnen können. Wir schaffen es in zwei Stunden den Reifen zu montieren und erreichen dann El Calafate, das noch ca. 160 km entfernt liegt, gegen 20 Uhr abends.
    Für mich wird es eine verdammt harte Tour. 75 0km an einem Tag, aber es ist zu schaffen. Soweit unser Plan.

    Ich verlasse die beiden. Andi gibt Steve noch 2 Liter Benzin, damit dieser es bis zur nächsten Tankstelle schafft. Ein Polizeibeamter zeigt Andi einen Platz, wo er ein Zelt aufstellen kann. Die Nacht ist eisig und Andi hat keinen Schlafsack. Am nächsten Tag wacht Andi neben einer Katze und einem Hund auf, die ebenfalls Unterschlupf in seinem Zelt gesucht haben.

    Aufgrund der vielen Wechsel zwischen Chile und Argentinien und der vielen Aufregung, weiß ich schon gar nicht mehr, in welchem Land ich gerade bin und in welches ich einreisen möchte. Die Grenzbeamten möchten wissen, warum ich am selben Tag wieder zurück nach Chile möchte. Gegen 21 Uhr erreiche ich Puerto Natales, komme in einem Hostel unter und versuche noch über Internet rauszufinden, wo es in Punta Arenas Reifen gibt. Der andere Steve, mit Judy, gibt mir Tipps. Wie erwähnt, sitzen die beiden ja auch noch immer in Punta Arenas fest und warten auf die Teile für ihre Harley.

    28.12.

    Unser Plan von gestern war ja gut durchdacht. ABER … wir haben einen wichtigen Faktor vergessen … Das Wetter!
    Am Morgen regnet es. Das ist bei dieser Kälte zwar nicht so fein, aber was soll ich machen? Ich mache bei meiner Kleidung dicht, was dicht machen geht und fahre kurz nach 7 Uhr los.

    Die Handschuhe sind bereits nach kurzer Zeit durchnässt. Mehrmals bleibe ich stehen und halte meine Hände hinten an den Auspuff, um sie zu wärmen. Ich ziehe noch ein paar Socken über meine Handschuhe, das hilft aber auch nur begrenzt. Kurzzeitig schneit es dann auch noch. Etwa 50km vor Punta Arenas wird das Wetter zum Glück besser.

    Wegen dem schlechten Wetter und den Pausen, ist es schon nach 11 Uhr, als ich endlich in Punta Arenas ankomme. Ich fahre zuerst zum BMW Mechaniker, der mir Tage zuvor meinen Stoßdämpfer repariert hat. Der hat geschlossen. Ich fahre weiter zu einem Honda Händler, den wir bei einem Spaziergang entdeckt haben. Dieser hat keinen passenden Reifen. Ich fahre weiter in die zollfreie Zone. Dort erhalte ich beim dritten Geschäft endlich einen Reifen. Schlauch haben sie keinen. Der Verkäufer telefoniert rum und gibt mir eine Adresse, wo ich einen passenden Schlauch erhalte. Dort muss ich eine Nummer ziehen.
    Ich habe Nummer 48, aktuell wird Nummer 28 bedient. Es ist 12:10. Samstags schließen die Geschäfte um 12:30. Ich habe Angst, dass ich nicht mehr bedient werde und mache mich bereit, wenn notwendig, um Hilfe zu betteln. Als ich den Schlauch in Händen halte, ist es schon fast 12 Uhr 45. Ich habe keine Chance mehr Montiereisen zu beschaffen.

    In Punta Arenas ist es warm und sonnig. Die Leute laufen mit kurzen Ärmeln rum. Ich hoffe bloß, dass sich das Unwetter im Norden verzogen hat oder dass es sich zumindest abgeregnet hat. Weit gefehlt, es wird viel schlimmer. Als ich mich wieder den Wolken nähere, wird es eisig kalt. Zuerst beginnt das Wasser der Regentropfen an meinem Visier zu frieren. Bald darauf beginnt es stark zu schneien. Die großen nassen Schneeflocken klatschen mir an den Helm und nehmen mir nach wenigen Sekunden die Sicht. Andauernd wische ich mit meiner linken Hand das Visier frei. Manchmal stecke ich die Hand zwischen die Beine, um sie ein wenig zu wärmen. Meine rechte Hand am Gashebel ist dem Wetter gnadenlos ausgeliefert.

    Für gut 100 km quäle ich mich durch einen heftigen Schneesturm. Die Landschaft färbt sich langsam in weiß. So sieht der Sommer in Patagonien also aus.
    Ich denke nicht, ich fühle nicht, ich klammere mich bloß an meinem Motorrad fest und gebe Gas. In Puerto Natales tanke ich noch mal auf und trinke zitternd eine heißen Becher Kaffee. Der verschwindet ohne Wirkung in meiner kalten Kehle. Bei der Passkontrolle zu Argentinien bildet sich eine Pfütze um mich, weil mir das Wasser aus Ärmeln und Hose tropft.

    Kurz nach 18 Uhr komme ich endlich bei Andi an. Keine Zeit zu plaudern, sehen wir zu, dass wir fertig werden! Andi beginnt mit der Montage. Ich setze mich kurz an den Ofen, um mich ein wenig aufzuwärmen, dann helfe ich Andi. Zeitweise bekommen wir auch Unterstützung von dem Bauarbeiter. Der Bauarbeiter hat ein frisches Lamm und fragt uns, ob wir mit ihm Abendessen möchten, er kann es in den Ofen schieben. Ich lehne dankend ab und sage, dass wir so schnell wie möglich von hier weg wollen.
    Nach 2 Stunden ist der Reifen endlich fertig. Aufpumpen. Die Luft bleibt nicht im Reifen. Es ist zum Mäuse melken. Ohne richtiges Werkzeug haben wir den Schlauch wohl kaputt gemacht, als wir den Reifen auf die Felge gewuchtet haben.

    Langsam kriecht Verzweiflung hoch. Was tun? Andi meint, er hält mich nur auf, ich soll alleine weiterfahren, er wird schon irgendwie weiter kommen. Aber es wird niemand zurückgelassen.
    Nach der heutigen Fahrt will ich nicht und kann ich nicht hier draußen bleiben. Wir treffen erneut eine Entscheidung. Andi bleibt eine weitere Nacht hier. Diesmal darf er drinnen schlafen. Ich fahre nach El Calafate, organisiere dort ein Hostel, sehe mich am nächsten Morgen nach irgendeiner Lösung um und komme zurück. Andis Plan war, den kaputten Reifen zu montieren und die 160 km Nach El Calafate zu fahren. Eine verrückte Idee.

    Ich komme gegen 22 Uhr im Hostel an, laufe dann noch durch ein paar Geschäfte, um Geld auf dem „Schwarzmarkt“ zu wechseln. Das heißt, in kleinen Lebensmittelmärkten oder Souveniershops zu fragen. Der offizielle Kurs liegt bei 1USD = 6 Pesos. Auf dem „Schwarzmarkt“ kriegt man zwischen 8 und 9 Pesos für 1 USD. Danach kaufe ich noch etwas zu essen. Ein Sandwich, eine 200ml Flasche Whiskey und Wasser. Der Verkäufer spricht englisch und meint: Eine seltsame Kombination.
    Vom ständigen Kopf einziehen und gegen den Wind ankämpfen, der dauernd am Helm rüttelt, bin ich am Genick und Schultern vollkommen verspannt. Nachdem ich gegessen und ein paar Schlücke aus der kleinen Flasche genommen habe, falle ich nur mehr erschöpft ins Bett.

    29.12.

    Ausgeruht bin ich bei weitem nicht. Gegen 10 Uhr fahre ich los zu Andi. Meine Idee: Andi samt Reifen und Felge aufzuladen und nach El Calafate zu bringen. Den Reifen am nächsten Tag reparieren zu lassen – heute ist Sonntag – und ihn zurück zum Außenposten zu bringen, um das Motorrad zu holen.
    Als ich in Tapi Aike ankomme, kann ich meinen Augen nicht trauen. Andi ist bereit abzufahren – mit seinem Motorrad, mit dem neuen Reifen und einem geflickten Schlauch. Der Halunke hat es doch tatsächlich alleine geschafft, alles wieder hinzukriegen – den Schlauch zu flicken und den Reifen auf die Felge zu wuchten.
    Bis 11 Uhr abends hat er gearbeitet. Er ist noch rechtzeitig fertig geworden, bevor sie den Stromgenerator abgedreht haben und alles dunkel wird. Nach den zwei Tagen ist auch er fix und fertig. Zwei mal fällt er einfach samt Motorrad um, als wir auf der Strecke nach El Calafate kurz stehen bleiben. 10 km vor El Calafate geht ihm auch noch der Sprit aus. Es ist ein Drama.
    Als wir endlich am frühen Nachmittag das Hostel erreichen, nimmt er nur noch eine Dusche. Binnen Sekunden schläft er ein.

    Wir bleiben bis 2. Januar 2014 in El Calafate. Wir brauchen eine Pause.

    Als wir Abends essen gehen, treffen wir wieder auf Steve. Steve ist 55 Jahre alt und hat viele Jahre als Lehrer in Afrika gearbeitet. Er ist seit 18 Monaten unterwegs, in Afrika, Asien und jetzt in Südamerika. Die Wiedersehensfreude ist groß. Wir sitzen am Abend gemütlich in unserem Hostel bei zwei Flaschen Wein zusammen und erzählen Geschichten.

    Danke fürs Lesen und einen guten Rutsch, Jürgen.

    Besucht auch Andis Beitrag, um seine Version der Geschichte zu lesen

  • Wo geht es hier nach Alaska?

    Wo geht es hier nach Alaska?

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    … aber zuerst Mal die Geschichte zur letzten Etappe nach Ushuaia.

    17.12.

    Wir stehen sehr früh auf. Um 9 Uhr geht die Fähre nach Isla Grande de Tierra del Fuego. Eine Stunde vorher „muss“ man am Fährhafen sein. Auch einige Leute aus dem Hostel sind vor Ort. Ein Franzose, der seit gut 2 1/2 Jahren mit dem Fahrrad unterwegs ist und ein paar Backpacker, die Isla Magdalena mit ihren vielen Pinguinen besuchen wollen. Steve und Judy treffen mit ihrer Harley ein. Mit ihnen wollen wir gemeinsam bis über die argentinische Grenze fahren.

    Die Überfahrt nach Tierra del Fuego dauert knapp 2 1/2 Stunden. Die Insel ist zweigeteilt. Ein Teil gehört Argentinien, ein Teil Chile. Die ersten 150km sind erneut Schotterpiste, aber in einem sehr guten Zustand, es staubt bloß sehr. Wir fahren Richtung Osten, haben Rückenwind und kommen gut voran.
    Wenn man in einer Gruppe fährt, ist der Blick ständig im Rückspiegel. Mal verliert man sich, weil jemand Pinkelpause macht, aber es kann auch andere Gründe geben.
    Andi und ich haben die Führung. Nach ungefähr 120km verlieren wir Steve und Judy aus den Augen.
    Nachdem wir ein, zwei Minuten gewartet haben und die beiden nicht auftauchen, steigt Andi ab und ich kehre um. Die Harley steht am Straßenrand. Steve ist am schrauben. Er weiß noch nicht was los ist. Ich sehe zu. Nach einer Weile hole ich Andi ab, der gut 1 1/2 Kilometer weiter wartend am Straßenrand sitzt.
    Steve hat keine guten Nachrichten. Er hat die Abdeckung des Motors abgeschraubt. Die Erde ist schwarz vom Motoröl getränkt. Während Steve die Ursache ermittelt, bemerke ich, dass bei einem meiner vorderen Stoßdämpfer massiv Öl austritt. Der Dichtring ist kaputt. Im Vergleich zu Steves Problem ziemlich harmlos.

    Bei der Harley ist eine Antriebskette im Motor gerissen. Eine Reparatur vor Ort ist nicht möglich. Er braucht einen Truck.
    Gut, die Grenze zu Argentinien liegt ungefähr 30 km entfernt. Ich fahre los. An der Grenze frage ich, wo es Hilfe gibt. Ein Polizeibeamter sagt mir, 15 km zurück an der Strecke gibt es einen Mechaniker in einer Estancia.
    Ich fahre also wieder zurück, halte an der Estancia an und erkläre was los ist. Arturo, der Mechaniker, nimmt seinen Werkzeugkoffer und steigt ins Auto. Ich sage: Nein, wir benötigen keinen Mechaniker, wir benötigen einen Abschleppwagen. Arturo ruft einen Bekannten an und sagt mir dann, dass dieser in ungefähr einer Stunde kommt. Ich fahre zurück zu Steve, Judy und Andi.
    Wir warten. Der Wind weht stark, die Sonne brennt vom Himmel. Eingepackt in unsere Motorradkleidung, Gesichtsmasken und Tücher sitzen wir am Straßenrand … mal plaudernd, mal schweigend in Gedanken versunken. Der Verkehr ist dicht. Von den vorbeifahrenden Autos, LKWs und Bussen werden wir mit Staub bedeckt.
    Auch nach 1 1/2 Stunden ist kein Pickup da. Ich fahre erneut zur Estancia, Arturo ruft erneut seinen Kumpel an. Dieser verspricht zu kommen. Ich warte in der Estancia. Der Pudel der Familie ist anfangs etwas eingeschüchtert von mir, giert aber nach Streicheleinheiten, sobald er sich an mich heran getraut hat.
    Ich frage, ob der Wind hier das ganze Jahr weht. Arturo meint: Ja, aber im Moment ist er nicht so stark. Ach? Nicht so stark?
    Nach gut einer Stunde erscheint der Pickup. Zurück bei Judy, Steve und Andi verladen wir die Harley, mit Unterstützung von anderen Motorradfahren, die gerade vorbeikommen und den Luxus eines Begleitwagens genießen, auf den Pickup Truck. Steve und Judy müssen zurück nach Porvenir, mit dem kaputten Motorrad dürfen sie nicht nach Argentinien einreisen, Andi und ich fahren weiter Richtung Grenze.

    Gegen 19 Uhr wechseln wir auf die argentinische Seite. Wir haben noch knapp 300 km vor uns. Da wir in Ushuaia ein Hostel gebucht haben, entscheiden wir die Anstrengung auf uns zu nehmen und durchzufahren. Die Geschwindigkeit ist diesmal etwas höher als sonst. Wo es möglich ist, sind wir mit 110 bis 120 km/h unterwegs. Wir fahren gegen den Sonnenuntergang und kämpfen gegen Wind und Kälte. Ein Glück, dass es erst gegen halb elf Uhr Abends dunkel wird. Müde und durchfroren kommen wir mit dem letzten Tageslicht in Ushuaia an. Das Zielfoto geht sich leider nicht mehr aus.

    18.12.

    Heute bringen wir die letzten Kilometer ans „Ende der Welt“ hinter uns, welches durch das Ende der Straße „Ruta 3“ im Nationalpark Tierra del Fuego gekennzeichnet ist. Große Fotosession. Einige Touristen fragen, woher wir sind, wie lange wir unterwegs sind. Ein paar machen Fotos von den „verrückten“ Motorradfahrern, von uns, mit uns, mit dem Motorrad. Es ist fast so, als hätte man ein Rennen gewonnen.
    Den Rest des Tages verbringen wir gemütlich in Ushuaia.

    19.12.

    Ein schöner Flecken Erde dieses Patagonien. Die Natur ist einfach nur atemberaubend. Gerne würden wir länger verweilen. Leider bleibt uns keine Zeit. Aber ich komme bestimmt wieder.

    Ab heute geht es Richtung Norden.
    Rio Grande, das mittendrin auf der Strecke liegt, hat wenig Flair. Wir halten bloß zum Tanken, fahren die ganze Strecke zurück und übernachten in Porvenir, einem kleinem Städtchen gegenüber von Punta Arenas. Unsere Fähre geht erst am nächsten Tag.

    Im Hostel treffen wir auf Pablo, seinen Vater und einen Bruder. Sie sind Obsthändler, handeln vorwiegend mit getrockneten Früchten, Datteln, Nüsse, Pistazien,… . Zum Teil kommt die Ware aus Chile, zum Teil importieren sie aus verschiedenen Teilen der Welt und fahren dann mit ihrem Pickup durch Südchile, um diese Früchte zu verkaufen. Mit ihnen verbringen wir einen lustigen Abend im Hostel.

    Leider erhalten wir auch eine schlechte Nachricht. Andis Motorrad verzögert sich erneut um zwei Tage und kommt erst am 23.12. Abends in Punta Arenas an. Es ist nicht sicher, ob wir das Motorrad noch vor Weihnachten aus dem Zoll kriegen. Wir hoffen auf ein kleines „Weihnachtswunder“.

    20.12. – 21.12.

    Zurück in Punta Arenas.
    Die nächsten drei Tage heißt es warten, da wir Wochenende haben, gibt es auch keine Antworten vom Spediteur oder von den Leuten vor Ort. Das Ganze ist etwas mühsam und drückt auf die Stimmung. Punta Arenas ist zwar ganz nett, aber wir hätten die Zeit gerne an einem gemütlicheren Ort abgewartet.
    In Punta Arenas gibt es eine BMW Werkstatt, die ich am Samstag Vormittag besuche, um meinen Dichtring austauschen zu lassen. Auch hier ist über das Wochenende geschlossen. Es ist ein Drama.

    Wie es weitergeht und ob wir Andis Motorrad noch erhalten haben, meines repariert wurde und wie wir Weihnachten verbracht haben, erfährt ihr im nächsten Beitrag.

    In diesem Sinne wünsche ich allen ein frohes Weihnachtsfest.

    Wie immer Danke fürs Lesen, Jürgen.P.S.
    Fünf Monate On und Off the Road hinterlassen sichtbare Spuren beim Material. Im Album ein paar Fotos über den aktuellen Zustand.

     

  • Fast da

    Fast da

    12.12. – 13.12. 

    Wenn ich morgens meine vielen Schichten an Kleidung anziehe, kommt es mir vor, als würde ich mich auf einen Flug in den Weltraum vorbereiten und nicht auf eine Fahrt mit dem Motorrad. So stelle ich mich heute wieder als Spielball der Natur zur Verfügung. Ich setze erneut über nach Chile. Puerto Natales liegt nicht weit hinter der Grenze. Bei der Grenzkontrolle lasse ich schnell einen Apfel am Straßenrand verschwinden. Hatte doch glatt vergessen, dass hier alles durchsucht wird. Das Röntgen der Taschen bleibt mir diesmal erspart, aber die Dame vom Gesundheitsministerium möchte überall reinsehen und ein wenig stöbern.

    Langsam geht mir mein Bargeld aus. In Andis Gepäck befindet sich meine neue Bankomatkarte und ein paar neue USD. Die letzten Tage war es meist Mikrowellen Futter aus dem Supermarkt. Der letzte Haarschnitt liegt auch schon eine Weile zurück.

    In Puerto Natales treffe ich auf der Straße wieder mal auf zwei Österreicher, diesmal zwei Steirer, die mit ihrem umgebauten Landcruiser Pickup auch schon länger unterwegs sind. Sind auch von Norden gekommen, ihr nächstes Ziel ist auch Alaska. Die Konzentration an „Welt“-Reisenden wird immer größer. Der Flaschenhals, wenn man so sagen will, wird immer enger. Umgebaute Pickups, Wohnmobile, Motorradfahrer und Radfahrer. Viele Deutsche und Franzosen sind unterwegs, die Franzosen meist in Gruppen von zwei bis vier Fahrzeugen.

    Die Natur nimmt teilweise bizarre Formen an. Vom Wind gestaltet stehen die Bäume schief in der Landschaft, die Baumkronen zeigen alle in eine Richtung. Hellgrünes Moos hängt wie in Fetzen in den Ästen.

    14.12. Besuch aus der Heimat!

    Ich treffe am frühen Nachmittag in Punta Arenas ein. Per Mail und SMS hält mich Andi auf dem Laufenden, wo er im Moment ist. 4 Mal umsteigen, alles verläuft wie geplant. Gegen halb sieben empfange ich ihn am Flughafen.

    Die Freude ist groß, es wird gefeiert. In zwei Lokalen machen wir Sperrstunde.

    15.12.

    Am Sonntag ist Wahltag. An einem Wahltag ist es bei Gesetz verboten, Alkohol auszuschenken und zu verkaufen. Im Supermarkt sind die Regale versperrt. Auch die Restaurants haben geschlossen. Die Chinesen scheinen von diesem Gesetz ausgenommen zu sein. Wir essen daher in einem der zwei geöffneten chinesischen Restaurants und erhalten dort auch Bier. Da Andis Motorrad mit einer Woche Verspätung ankommt, überlegen wir, wie wir die Zeit am besten nutzen können. Wir entscheiden das Wichtigste für vier Tage einzupacken, den Rest im Hostel zu lassen und mit einem Motorrad Richtung Ushuaia weiter zu fahren.

    Am Vormittag fahren wir zum Fährhafen, um die Überfahrt zu reservieren. Leider werden heute nur die Tickets für die aktuelle Überfahrt verkauft. Wir sehen zu, wie sich die Fähre langsam mit Fahrzeugen und Passagieren füllt. In zwei Tagen wollen auch wir uns auf das Schiff begeben.

    Nur noch eine Barriere aus Wasser und wenige hundert Kilometer trennen mich vom „Ende der Welt“. Ich kann es kaum erwarten, anzukommen.

    16.12.

    Heute zu Fuß unterwegs. Erneut zum Fährhafen, der gute 5 km vom Hostel entfernt liegt. Wir reservieren die Überfahrt. Auf dem Rückweg sehen wir zufällig Steve und Judy, die uns mit dem Motorrad entgegenkommen. Sie möchten noch heute auf Feuerland übersetzen, Fähre geht keine, heute ist Ruhetag. Wir sehen uns morgen um 9 Uhr am Hafen wieder, wie sie mir später per mail mitteilen.

    Vielleicht mag es für den ein oder anderen seltsam klingen, aber morgen ist ein wichtiger Tag für mich auf dieser Reise.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

  • liebes Tagebuch

    liebes Tagebuch

    Album

    Nicht viel los dieser Tage. Es sind knapp drei Wochen und etwa 2.500 km bis nach Punta Arenas. Ein Katzensprung. Die Route und die Zwischenstops stehen fest, also habe ich Zeit. Ich bleibe eine weitere Nacht in Pucón.

    25.11., 26.11.

    Heute wollte ich eigentlich abreisen. Aber manchmal sorgen andere Kreaturen dafür, dass mir auf meiner Reise nicht fad wird. Ich kontrolliere täglich in der Früh mein Bankkonto. Zurecht, wie sich heute zeigt. Irgendwo auf meiner Reise hat man meine Bankomatkarte kopiert und am Wochenende in der Dominikanischen Republik umgerechnet 750 EUR abgehoben. Dumm sind die Gauner ja auch nicht. Geld, dass am Wochenende abgehoben wird, ist erst am Montag auf dem Konto sichtbar. Also Karte sperren lassen und mit der Bank kommunizieren.

    Am nächsten Morgen erhalte ich die positive Nachricht, dass ich mein Geld mit ziemlicher Sicherheit wieder zurück bekomme. Da es ein Skimming Fall ist, ich in Chile und noch immer im Besitz meiner Bankomatkarte bin und das Geld in der Dominikanischen Republik abgehoben wurde, ist das über die Bankomatkartengesellschaft versichert. Ich bleibe somit nur auf der Gebühr für die Kartensperre sitzen. In etwa drei Wochen werde ich es wissen.

    Ich weiß nicht, wo ich lang fahre, aber die Gegend ist schön. Am Straßenrand stehen immer wieder Schilder mit „Ruta de siete Lagos“. Mir wird klar, warum die ganzen Europäer in diese Gegend gezogen sind. Weil es hier aussieht wie bei uns und auch das Klima relativ ähnlich ist. Viele deutsche Straßennamen, „Zimmer frei“, „Cafe y Kuchen“ gibt es alle paar km und in manchen Restaurants liegen deutsche Speisekarten auf. Etwa drei Stunden später komme ich in Valdivia an.

    27.11., 28.11.

    Valdivia liegt nicht direkt am Meer, sondern ein paar Kilometer Inlands, wo die Flüsse Río Calle Calle und Río Cau Cau zusammenkommen. Es gibt einen täglichen Fischmarkt an der Wasserfront, wo man den Fischern bei der Arbeit zusehen kann.

    An der Wasserfront liegen auch Mähnenrobben – auch Südamerikanische Seelöwen genannt – in der Sonne. Lt. Wikipedia werden die Tiere 2 1/2 Meter groß und etwas 300 kg schwer. Yup, das kann ich bestätigen. Sie sind ziemlich beeindruckend und ständig am streiten. Zahm wirken sie nur, wenn die großen Tiere im Fischmarkt direkt hinter den Arbeitern sitzen und ihnen die Fischköpfe direkt ins Maul geschmissen werden. Was sonst an Resten übrig bleibt wird von Möwen, Geiern und anderen Seevögeln bearbeitet.

    Es gibt ein Irish Pub in der Stadt. Hurra!

    Ich arbeite. Ernsthaft, ich arbeite tatsächlich für ungefähr zwei Stunden. Der Router – für Laien, das ist ein Gerät, über das man sich mit Mobiltelefon, Tablet oder Laptop ins Internet verbinden kann – im zweiten Stock des Hostels funktioniert nicht. Ich löse das Problem und erhalte eine freie Nacht.

    29.11.

    Gestern gab es im Hostel BBQ, Argentinian Style, auf Holzfeuer. Der Abend war lang, es gab viel Fleisch und viel Wein. Ich bin zwar zeitig auf, aber an eine Abreise ist nicht zu denken. Und die Entfernung von 350 km inkl. Grenzübertritt ist mir zu weit, um mich erst Mittags auf den Weg zu machen. Nach dem Frühstück geht es für ein paar Stunden zurück ins Bett.

    Es ist zwar äußerst gemütlich hier im Hostel, aber hoffentlich schaffe ich es morgen weg von hier. Argentinien würde auf dem Plan stehen.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

  • verreckt am Straßenrand

    verreckt am Straßenrand

    Album

    17.11., 18.11.

    Ich verlasse Valparaiso und fahre auf kleineren Straßen ein wenig durch die Weingegend, mal on- mal off-road. Die Nacht verbringe ich in dem kleinen Städtchen Santa Cruz.

    Auf der Suche nach einer Unterkunft habe ich im Reiseführer von der LamaLodge gelesen, die von einem Österreichisch-Deutschen Gespann geführt wird – oder auch nicht. Sie soll etwa 100km östlich von Talca mitten im Wald liegen.
    Die Beschreibung auf der Homepage ist etwas dürftig: „Ungefähr 90km nach Talca überquerst du die Brücke ‚Curillinque‘. 100m nach dieser Brücke biegst du rechts ab und folgst der Straße für 16km. 4WD empfohlen, die Straße ist oft in schlechtem Zustand.“ Nun denn, die Beschreibung stimmt nicht ganz. 100m nach der Brücke ‚Curillinque‘ gibt es keine Abzweigung. Die gibt es erst 100m nach der nächsten Brücke. Eine Lodge ist nicht angeschrieben. Ich fahre die Schotterstraße entlang. Ein Kräter ist dabei, sie umzupflügen, aber statt besser wird es nur schlechter.
    Kaum zu glauben, nach 16km gibt es mitten in der Pampa tatsächlich eine LamaLodge, auch Lamas sind da, nur sonst niemand. Einfach so auftauchen ist wohl nicht. Also fahre ich wieder auf die Hauptstraße zurück. Wie ich später rausfinde, wollte ich hier eigentlich gar nicht hin. Hier ist einfach nur eine Berghütte die auch zum Hostel gehört. Das Hostel ist komplett woanders nur wenige km von Talca entfernt.
    Ich habe keine Lust nach Talca zurückzufahren und dort nach einer Unterkunft zu suchen. Zur Sicherheit habe ich bei der Herfahrt schon die Augen offen gehalten. Entlang der Straße gibt es eine Raststation mit einem kleinen Shop, einem Restaurant und ein paar Cabanas.
    Ich halte und frage, was die Nacht kostet. Die Dame überlegt lange. „Wie viel kann ich wohl verlangen, damit er nicht weiterfährt?“ 8.000 CLP / 12 EUR. Das geht in Ordnung. Einzelzimmer, Badezimmer, wenn auch nur kaltwasser und Kabelfernsehen.

    19.11.,20.11.

    Ich nehme ein sehr schnelle kalte Dusche und bin um 8:00 bereit abzufahren. Ich steige auf das Motorrad und betätige den Startknopf … nichts passiert. Was ist los? Die Nacht war kalt, wahrscheinlich hat die Batterie etwas abgekommen. Ich schiebe das Motorrad in die Sonne und warte. Vielleicht hilft etwas Wärme. Leider Nein. Ich nehme die Verkleidung ab und kontrolliere Wasser und Kontakte. Hilft alles nichts. Nicht mal ein klägliches klackern, wenn ich den Startschalter betätige.

    Schon in einem meiner letzten Beiträge habe ich mich gewundert, dass die Batterie noch keine Probleme gemacht hat. Ich bin bloß froh, dass mir das nicht mitten im Wald passiert ist.

    In der Pension bitte ich um Hilfe. Der Inhaber kommt mit seinem großen Pickup-Truck angefahren, um mit seiner großen Batterie meiner kleinen Batterie Starthilfe zu geben. Ich denke: „Wenn, dann gleich richtig. Vielleicht schießt er mir gleich alle Sicherungen durch.“ Aber das Motorrad startet. Ich fahre ein paar Kilometer, um die Batterie etwas zu laden, merke aber bald, dass etwas nicht stimmt. Die Instrumente spielen verrückt. Der Drehzahlmesser schießt hoch, die Lichter blinken wie auf einem Christbaum, die Einspritzung funktioniert nicht, das Motorrad bockt. „Hervorragend!“
    Ich fahre zurück zur Pension und bepacke das Motorrad. Der Inhaber gibt mir noch einmal Starthilfe und ich hoffe bloß, dass ich es die 70km zurück nach Talca zu einem Mechaniker schaffe.

    Nach ein paar Kilometern beginnen die Instrumente wieder verrückt zu spielen, das Motorrad bockt erneut und hat Aussetzer. Nach ungefähr 15km verreckt es am Straßenrand. Ich schreie laut und wütend in meinen Helm. Hier gibt es vier oder fünf Häuser. Dort wo mein Motorrad aufgegeben hat, steht ein Einheimischer, José, in seinem Garten. Ich bitte ihn um Hilfe.

    Er sagt, er kennt einen Mechaniker und telefoniert rum. Während wir warten, plaudern wir ein wenig, soweit es mein spanisch zulässt. Er erzählt mir von Chile, dass im Moment ein großer wirtschaftlicher Aufschwung stattfindet, dass es in der Atacama viele Rohstoffe und Minen gibt und auch hier Gold und Uran abgebaut wird. Ich erzähle von meiner Reise und von mir.

    Mechaniker kommt keiner, auch nicht nach 1 1/2 Stunden und nachdem José mehrmals versucht hat, ihn zu erreichen. Dann meint er, es ist wahrscheinlich besser einen Wagen zu organisieren und das Motorrad ungefähr 15 km weiter zu einem Mechaniker zu transportieren. Ich stimme zu .. welche Option hätte ich denn sonst? José schwingt sich auf sein Fahrrad und fährt los .. und ich .. ich warte.
    Nach ungefähr einer Stunde kommt José mit einem alten gelben Pickup, einem Fahrer, der noch viel älter ist, und zwei jungen Burschen zurück. Ich entlade das Motorrad und wir packen es über eine Rampe auf die Ladefläche des Pickups. Bei langsamer Fahrt zum Mechaniker kann ich die Landschaft genießen, das grüne Tal, vorbei am Lake Colbun mit dem wunderbar türkisen Wasser.

    Wir erreichen ein kleines Dorf, eher eine Ansammlung von Häusern und halten bei einem Mechaniker an. Zu sechst heben wir das Motorrad vom Pickup und schieben es in den Hof. Da stecke ich irgendwo und gebe mir Mühe zu kommunizieren. Die Werkstatt gehört Mauricio und seiner Frau Laura, sie sind etwa Mitte 30 und haben einen kleinen Sohn Joaquin, etwa 6 Jahre. Unterstützt wird Mauricio von seinem Bruder Santiago. Die Familie ist vor etwa 8 Monaten in dieses Dorf gezogen. Seit 6 Monaten haben sie das Grundstück. Das Haus ist eine einfache Holzhütte. Langsam mauern sie ein Haus drumherum.

    Mauricio und seine Familie sind herzensgute Menschen. „Tranquillo“ (Ganz ruhig) bekomme ich in den 26 Stunden, die ich hier verbringe, oft von Mauricio zu hören. Mauricio bedient noch ein paar Kunden, er sieht unter Motorhauben und repariert Kleinigkeiten, ich warte. Dann sieht er mein Motorrad an. Ich erkläre das Problem. Mauricio stellt fest, dass die Batterie kaputt ist.

    Mit Santiago fahre ich nach Talca, die nächste größere Stadt, etwa 40km entfernt, um eine neue Batterie zu kaufen. Das ist etwas schwierig, weil die Pole bei den Batterien, die lagernd sind, seitenverkehrt angebracht sind und somit nicht in mein Motorrad passen. Wir laufen durch mehrere Läden. Ein Händler kann die Batterie erst am nächsten Tag anbieten. Mit weiterfahren wird es heute also nichts mehr. Auf der Rückfahrt frage ich Santiago, ob es in dem Dorf Unterkunft gibt. Nein gibt es nicht, aber er fragt seinen Bruder, ob der jemand kennt.

    Zurück im Dorf heißt es: „Tranquillo, das machen wir schon. Wir essen jetzt mal zu Abend, ich habe noch etwas zu tun, dann sehen wir weiter.“ So esse ich mit Mauricio, Laura, Santiago und Joaquin zu Abend. Draußen an einem kleinen Holztisch, der fast zu zerbrechen droht, erhalte ich einen Riesenteller Linsen mit Wurst. Mauricio arbeitet, bis es dunkel wird. Er ist ein Tausendsassa, sieht unter die Motorhaube, analysiert, erkennt jedes Problem und behebt es in wenigen Minuten. Laura erzählt mir, dass die Leute aus der ganzen Gegend zu ihm kommen. Während Mauricio und sein Bruder arbeiten, unterhalte ich mich mit Laura. Erzähle woher ich komme, über Österreich, über meine Reise, … .

    Etwas später am Abend kommen Verwandte vorbei. Ich kann bei ihnen übernachten. Nachdem Mauricio mit seiner Arbeit fertig ist, fahren wir zu den Verwandten. Es wird ein weiteres Mal zu Abend gegessen. Im Fernseher läuft das Fußballspiel Brasilien gegen Chile. Chile verliert 2:1. Ich darf in einem der Betten im Zimmer der Söhne übernachten. Nachdem wir am nächsten Tag gefrühstückt haben, zeige ich im Internet noch woher ich komme und ein paar Dinge über Österreich. Bevor wir zu Mauricios Heim und Werkstatt fahren, verabschiede mich bei der Familie und möchte etwas Geld zurücklassen, werde aber daran gehindert.

    Bei Mauricio kommen immer wieder Leute mit ihren Autos vorbei, oft sind es nur kleine Probleme. Ich sitze im Hof und sehe zu. Während die Leute darauf warten, dass Mauricio und Santiago das Problem beheben, umringen sie mich und fragen mich aus. Ich werde von jedem verabschiedet, per Handschlag, teilweise mit einer Umarmung, man wünscht mir eine gute Reise. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich so eine Herzlichkeit von fremden Personen erlebt habe, die ich gerade mal für ein paar Minuten kennengelernt habe.

    Am frühen Nachmittag holen Santiago und ich die Batterie von Talca. Wir bauen zuerst nur mal die Batterie in das Motorrad ein und prüfen, ob alles funktioniert. Tadellos. Das Motorrad läuft und liefert Strom. „Tranquillo, jetzt essen wir mal und dann machen wir das Motorrad fertig.“ So esse ich ein weiteres mal mit der Familie, diesmal einen Riesen Teller Spaghetti. Mauricio freut sich unheimlich, dass er an einer BMW rumschrauben darf. Unser Treffen ist sowohl für mich, als auch für die Familie ein Ereignis. Laura fotografiert ihn, wie er die Batterie einbaut, alles anschließt und prüft. Während Laura und Mauricio Joaquin von der Schule abholen, bepacke ich das Motorrad und mache mich für die Abfahrt bereit. Ich frage, was ich schuldig bin. Mauricio möchte nichts haben. Das kriege ich nicht übers Herz. Ich wurde aufgenommen und verpflegt, man hat mir Unterkunft gegeben. Mit dem Vorwand aufs Klo zu müssen, gehe ich noch mal ins „Haus“ zurück und lasse etwas Geld liegen. Wir tauschen Kontaktdaten aus, machen noch ein paar Fotos und verabschieden uns herzlich.

    Am späten Nachmittag fahre ich noch gut 300km. In einem Wintersportort etwa 70km östlich von Chillán mache ich Stop. In der Übergangszeit ist absolut nichts los. Der Schnee ist weg, die Wintergäste ebenso, das Wetter ist noch kalt, die Sommergäste lassen noch auf sich warten. Alles läuft auf Sparflamme. Die meisten Geschäfte und Unterkünfte sind geschlossen. Im großen Hostel gibt es nur zwei Bedienstete, die arbeiten. Erneut komme ich mir vor, wie im Film „Shining“.

    21.11.

    Heute bleibe ich weitgehend auf der Panamericana und übernachte in Temuco, einer größeren Stadt, der Infrastruktur wegen. Ich habe zu wenig lange Socken für das kalte Wetter und auf das Postamt muss ich auch.

    22.11., 23.11.

    Ein 400km „Tagesausflug“ über Lonquimay nach Pucón. Nach einer kurzen Pause, wieder auf einer Schotterstraße bei der Abzweigung zum Vulkan Lonquimay, möchte ich das Motorrad starten. Geht nicht! Ich kriege einen Riesen Schreck. Jürgen du Depp! Seitenständer hochklappen!
    Nach Lonquimay biege ich rechts ab auf die 181, danach die R-95-S und S61. Es ist eine hervorragende Strecke durch eine wunderbare Landschaft. Gut 150km auf weitgehend guten Schotterstraßen, auf denen man ab und zu auch mal 80 km/h dahin brettern kann, im Rückspiegel eine Staubwolke und ich werde vom Gegenverkehr eingestaubt. Der feine Staub kriecht in jede Ritze.

    Es scheint gerade eine Oldtimer Rallye stattzufinden. Bei einer kurzen Pause rast ein Wagen an mir vorbei. Ich versuche ihn einzuholen, verliere ihn aber in einem Dorf, sehe dafür einen anderen und Organisationsfahrzeuge. Ich drehe ein paar Runden und versuche mehr zu finden. Es gelingt mir aber nicht und ich fahre weiter.

    Pucón ist ein totales Touristen Dorf. Hostels und Tourorganisatoren an jeder Ecke. Es liegt am Villarrica See und es gibt den nahen Vulkan Villarrica. Aber ich brauche mal wieder Gleichgesinnte zum Unterhalten.
    Im Hostel treffe ich auf ein irisches Mädchen, das ich schon in La Serena getroffen habe. Bei einem Spaziergang durch die Stadt treffe ich eine Holländerin, die ebenfalls in La Serena im Hostel war.

    Als ich vorm Hostel mein Motorrad entlade, bleibt ein Österreicher aus der Nähe von Braunau stehen. Er lebt seit gut 20 Jahren hier und verbringt jeweils den nödlichen Sommer in Österreich und den südlichen Sommer hier in Chile. Bevor er weitergeht, sagt er: Morgen wird es regnen. Er erkennt es an den Wolken und sollte recht behalten. Heute regnet es.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.P.S. Nicht jede Reise endet glücklich. Lauren und Adrian aus Australien, die ich in Bogota am Flughafen getroffen habe, wurde das Motorrad in San Carlos de Bariloche in Argentinien gestohlen. Nachdem die Diebe vergeblich versucht haben das Motorrad anzulaufen, haben sie es etwa 1 1/2 km weiter in den Straßengraben geworfen. Leider war das Motorrad auf eine Art beschädigt, dass eine Reparatur zu lange gedauert hätte. Lauren und Adrian waren 11 Tage vor Ushuaia und ein paar Tage mehr vor Buenos Aires und wären in Kürze nach Hause gereist.

  • erholsame Tage in La Serena und Valparaiso

    erholsame Tage in La Serena und Valparaiso

    Album 

    12.11.

    Ich hänge einen weiteren Tag in La Serena an. Das Hostel ist gemütlich, La Serena ebenso.
    An einem der Tage versuche ich einen Ausflug nach Vicuña zu machen. Das Dorf liegt im Elqui Tal. Ein paar km vor dem Dorf geht es nicht mehr weiter. Erntearbeiter machen einen Aufstand. In dieser Gegend wird Obst angebaut, Orangen, Mandarinen, Wein. Soweit ich das verstehe, geht es um schlechte Arbeitsbedingungen und Löhne. Die Straße ist mit einer Feuerwand gesperrt. Ich fahre Off-Road einen Umweg nach La Serena zurück und versuche, zu zwei Observatorien zu gelangen. Geht nicht, die Straßen dorthin sind versperrt. Rund um La Serena befinden sich ein paar dieser Sternegucker Stationen und man kann Touren buchen.

    Ich genieße die paar Tage in La Serena. In einem Cafe aus dem Fenster gucken und die Leute beobachten, faulenzen, durch die Straßen spazieren. War schon lange nicht mehr der Fall, dass ich so lange an einem Ort geblieben bin. Zuletzt in Bogota vor ca. 6 Wochen, wo ich 5 Tage war und in Quito für 3 Nächte. Sonst nur jeweils 1 oder 2 Nächte. Ich bin seit 4 Monaten unterwegs. Als ich in Australien war, bin ich mir nach ungefähr 3 Monaten vorgekommen, als wäre ich auf der Flucht, ständig woanders. Hier hat sich dieses Gefühl noch nicht eingestellt. Vielleicht weil ich ein Ziel bzw. mehrere Ziele habe. Trotzdem tut es gut, auch mal 4, 5 Nächte an einem Ort zu bleiben.

    13.11. – 16.11.

    Auf dem Weg nach Valparaiso verlasse ich die Atacama. Die Strecken mögen lange und öde gewesen sein, nichtsdestotrotz war es ein außergewöhnliches Erlebnis, durch die riesige Wüste zu fahren. Die karge Vegetation, kein Schatten wo man Zuflucht suchen könnte und bloß ein paar Geier, die in der Luft ihre Kreise gezogen haben. Die großen Distanzen zwischen den Dörfern und Städten. Die unterschiedlichen Farben und die Beschaffenheit, sandig, steinig, erdig, gelb-grau, braun und rot und oft sehr kalt … .
    Langsam nimmt die Vegetation Überhand. Zuerst sind es kleine Büsche, die die Landschaft sprenkeln. Die Bäume werden höher und mehr und Gras bedeckt den Boden.

    Noch am selben Tag, gleich nach meiner Ankunft in Valparaiso, bringe ich das Motorrad zum BMW Händler in Viña del Mar. Nach ungefähr 25.000 km und den vielen Off-Road Fahrten in Peru verdient auch das Motorrad ein wenig Pflege. Ein neuer Hinterreifen, neuer Kettensatz, Kupplung und Bremse korrigieren und andere Kleinigkeiten.

    Der Stadtkern von Valparaiso ist Weltkulturerbe. Die Großteils alten Häuser schmiegen sich an die Berghänge und in die kleinen Täler. Enge steile Straßen und Gassen ziehen sich durch die Stadt. Graffitis fast an jeder Hauswand. Stiegen und Gässchen führen durch das Häuserlabyrinth. Viele der Häuser sind nur zu Fuß zu erreichen. Die meisten der berühmten Aufzüge sind leider außer Betrieb. Und leider ist es in den kleinen Hintergassen oft auch sehr schmutzig, Müll liegt beinahe überall herum. Ein Gewusel an Leuten und Autos quält sich durch die Straßen.

    Viña del Mar, die Nachbarstadt ist das komplette Gegenteil. Neu, modern, breite Straßen, mehr Platz, ein schöner Badestrand und mir scheint ein wenig relaxter als Valparaiso. Beide Stadtteile haben ihren Charme.

    Weltkulturerbe zu sein muss nicht immer von Vorteil sein. Das heißt nämlich, man darf so gut wie gar nichts an der Bausubstanz verändern. Die Häuser sind alt, sehr alt. Jedes mal, wenn der Nachbar im Hostel die Wasserleitung aufdreht, hört es sich an, als würde Chewbacca aus Star Wars sprechen.

    Am letzten Tag in Valparaiso bin ich am Ausguck nahe dem Museo Naval y Maritime. Von dort hat man eine gute Aussicht auf den Frachthafen. Ich beobachte lange das geschäftige Treiben. Ein größeres Frachtschiff nähert sich. Ich denke: Cool, so etwas kriegt man auch nicht alle Tage zu sehen. Mit Hilfe dieser kleinen Dampfer wird es in den Hafen gebracht. Dann denke ich: Warte mal, der Name des Schiffes kommt mir bekannt vor. Ein paar Tage zuvor hat mir Andi eine Mail geschrieben. Irgendwo in einem der vielen Container ist sein Motorrad verstaut und wartet darauf, nach Punta Arenas geliefert zu werden.

    Morgen fahre ich weiter. Noch 4 Wochen, um mein erstes Ziel zu erreichen.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.

  • durch die Wüste

    durch die Wüste

    Album

    „Durch die Wüste“, so hat einst ein Roman von Karl May geheißen. Aber der spielt irgendwo im arabischen Raum.

    02.11., 03.11.

    Auf den letzten 1.000 Kilometern Richtung chilenischer Grenze hat mich der Wind weiterhin fest in Griff. Ich kriege dann auch noch einen Schreck, wie sehr sich der Seiten- und Gegenwind auf den Treibstoffverbrauch auswirken. Bei 290 km blinkt die Reserveleuchte auf. Ich beginne zu rechnen. 290 km, 13,3 Liter, das sind knapp 4,6 Liter auf 100km, gegenüber 3,5 im Schnitt. Mein GPS zeigt erst in 109 km wieder eine Tankstelle. Ich habe 4 Liter Reserve. Man muss kein Mathematiker sein, um zu sehen, dass es hier ein Problem geben könnte. Umdrehen? Die letzte Tankstelle liegt gut 30km zurück. Ich reduziere die Geschwindigkeit und fahre weiter. Zum Glück haben sie zwischendurch noch ein Dorf hingesetzt, wo ich wieder auffüllen kann.

    Der Wind ist ein ständiger unberechenbarer Feind, gegen den man ankämpft. Zeitweise zieht dir eine Windböe das Motorrad regelrecht unterm Hintern weg. Du liegst in der Kurve und wirst mit einem Schlag weiter nach unten gedrückt oder stemmst dich dagegen und plötzlich ist der Widerstand weg. Du wirst nach außen an den Straßenrand oder in die Straßenmitte getrieben.

    Zwischen den endlosen Strecken in der Wüste gerät man manchmal durch kleine und größere Dörfer. Sie sind wie Inseln in einem Meer aus Sand. Dort, wo sich Flüsse von den Bergen in hunderttausenden von Jahren einen Weg zum Meer gebahnt haben, haben sich grüne Oasen gebildet.

    Ich bin gut unterwegs und entscheide mich am frühen Nachmittag, noch nach Chile zu übersetzen. Die Grenzformalitäten sind bald erledigt. Nur die zwei Äpfel, die ich in meiner Tasche verstaut habe, sorgen für Verzögerung. Meine Taschen werden geröntgt. Man darf keine offenen Lebensmittel importieren. Ich muss ein Formular ausfüllen. Die zwei Äpfel werden gewogen, alles wird peinlich im Computer erfasst und dann werden sie im Müll entsorgt.

    Peru hat mich zeitweise ganz schön gefordert, hoch oben in den Bergen bei eisiger Kälte und bei anspruchsvollen kurvigen Bergstraßen. Ich bin schon gespannt, was Chile für mich bereit hält.

    Chile:
    Das vorletzte Land auf dem Weg nach Süden. Es gibt einen Zeitsprung um zwei Stunden nach vorne, der Abstand nach Hause verringert sich auf aktuell vier Stunden. Dafür wird es abends erst später dunkel. Das bringt mein Zeitgefühl die ersten Tage etwas durcheinander. Ich bin gewohnt, dass es um 19 Uhr stockfinster ist.

    Arica liegt gleich hinter der Grenze, wo ich dann auch die erste Nacht verbringe. Die Herbergssuche ist etwas mühsam, aber schließlich finde ich doch etwas günstigeres. Die Preise sind in den nördlichen Städten vorwiegend auf Business Kunden ausgerichtet und kosten so ab 40 EUR aufwärts. Die Preise sind in Chile europäisch. Ich werde das die nächsten Tage noch zu spüren bekommen.

    04.11.

    Wüste, Wüste, Atacama Wüste. Hier oben im Norden von Chile gibt es Sand zu Hauf. Ein riesiges Katzenklo. Tankstellen sucht man auf der Panamericana im Norden vergebens. Mit dem letzten Tropfen Benzin komme ich in Iquique an. Man befindet sich auf etwa 600m Seehöhe, wenn man sich Iquique nähert. Die Fahrt runter zum Meer bietet einen atemberaubenden Blick auf die Stadt, die von einer riesigen Sanddüne überragt wird.

    Ich kann es kaum fassen. Endlich erhalte ich in einem Baumarkt destilliertes Wasser für meine Batterie. Jawohl, ein Baumarkt. Seit den USA habe ich keinen Baumarkt mehr gesehen. Ich habe mich schon gewundert, dass die Batterie noch keine Probleme gemacht hat und schütte gut 1/8l Wasser in meine Batterie.
    Wie oft habe ich unterwegs an Motorradshops und Batteriegeschäften gefragt. Der letzte wollte mir Batteriesäure andrehen. Wann immer ich gesagt habe, ich benötige Wasser für meine Batterie, haben sie mich blöd angeguckt. Destilliertes Wasser unbekannt. Gerade in Zentral und Südamerika, wo so viele Motorräder unterwegs sind. Ich verstehe es nicht.
    Im Baumarkt erhalte ich auch Ducttape. Ein Kumpel hat mal geschrieben „Ducttape fixes everything“. Ich bin gespannt, ob sich damit auch die Löcher in meinen Koffern dicht-fixen lassen.

    05.11.

    Tag 2 in Iquique. Arbeitstag. Fast 4 Stunden verbringe ich damit über Fernwartung zu Hause ein paar Rechner auf aktuellen Stand zu bringen. Schließlich bin ich nicht zum Vergnügen hier. Ein wenig plaudern mit Familie und Freunden.

    Essen, Sightseeing, planen der nächsten Tage, Kontakt mit BMW in Valparaiso aufnehmen – zwecks Service. Meine Lady verlangt nach einem neuen Hinterschuh und auch sonst schreit sie nach etwas Pflege.

    06.11.

    Gut 500km nach San Pedro de Atacama. Das Dörfchen ist äußerst touristisch. Auf einen Einheimischen dürften 20 Touristen kommen. Das Dorf befindet sich quasi mitten im Nirgendwo. In der Umgebung gibt es einige naturelle Sehenswürdigkeiten. Mir ist es etwas zu touristisch. Nachdem ich mich durch mehrere Hostels gefragt habe, erhalte ich für eine Nacht ein Bett in einem Dorm.
    In Peru habe ich mal drei Holländer am Straßenrand getroffen. Sie haben mir erzählt, dass sie zu einer Gruppe von 27 Personen gehören, die für 50 Tage über eine organisierte Tour von Ecuador nach Punta Arenas unterwegs sind. Als ich durch San Pedro spaziere, sehe ich sie alle in einem Hostal stehen.

    07.11.

    Am Morgen fahre ich zum Salar de Atacama, einem Salzsee etwa 40km von San Pedro entfernt, dort gibt es angeblich Flamencos zu sehen. Ein paar staken tatsächlich im Wasser in der bizarren Landschaft herum. Danach mache ich mich auf den Weg Richtung Antofagasta. Manchmal nicke ich auf den langen geraden Strecken für mehrere Minuten ein.

    Bergbau ist hier in der Atacama der dominierende Wirtschaftszweig. Viele Straßenschilder geben die Richtung zu Minen an. In der ganzen Atacama dürften schon seit langem Rohstoffe abgebaut werden. Auf manchen Schildern wird auf historische Minen und Siedlungen hingewiesen. Manche datieren gut 150 Jahre zurück. Manchmal sind Geisterdörfer abseits der Panamericana zu sehen. Oft sind die Häuser verschwunden, nur die Friedhöfe sind noch vorhanden, in denen die eisernen Kreuze vor sich hin rosten.

    Antofagosta ist nicht gerade ein Perle. In der Stadt finden sich viele Titty-Bars – „Girls and Beer“. Wohl um die Minenarbeiter um ihren Verdienst zu bringen. Auf dem Weg ins Zentrum werde ich von einem heruntergekommenen Typen angehalten. Er spricht perfekt englisch und hat nur noch wenige Zähne im Mund. Erzählt mir, dass er kein Geld möchte, nur Englisch üben. Er hat 10 Jahre in den USA gelebt, aber hier spricht leider keiner Englisch und er freut sich, wenn er zwischendurch mal englisch sprechen kann. Er erzählt mir, wie gut es Chile geht, weil sie Kupfer haben. Bei ihm ist dieser Wohlstand noch nicht angekommen. Er betont immer wieder, dass er kein Geld möchte, aber wir könnten ein Bier trinken gehen … Ich ziehe weiter.

    08.11.

    Keine Änderung in Sicht. Weiterhin Wüste soweit das Auge blicken kann.
    Ich war ja schon äußerst beeindruckt vom australischen Outback, aber die Atacama stellt eine neue Dimension dar. Seit Tagen fahre ich nur durch Wüste, zwischen 400 und 500 km pro Tag, was ziemlich mühsam ist. Vielleicht fahre ich ja auch im Kreis, was ich mir angesichts der langen geraden Strecken nicht vorstellen kann.

    Vor Caldera zweige ich in den Nationalpark Pan de Azúcar ab und fahre die letzten 100 km die Küste entlang. Endlich etwas Abwechslung.

    Chile ist verdammt teuer – vor allem Hotels, europäische Preise hier. Von Zentral- und bis jetzt Südamerika war ich gewohnt, dass ich im Durchschnitt mit ca. 30 EUR pro Tag über die Runden komme – Essen, Tanken, Unterkunft. Hier habe ich zu tun, dass ich mit meinem ursprünglichen Tagesbudget zurecht komme.

    09.11.

    Bewölkt und bei kaltem Wetter mache ich mich auf den Weg nach La Serena.
    Die Panamericana hat viele Opfer gefordert. Sie gleicht beinahe einem langen Friedhof. Die Toten werden mit Gedenkstätten geehrt, die manchmal sehr kreativ gestaltet sind. Aber es wird investiert. Ein Großteil der Panamericana in Chile befindet sich in neuem erstklassigen Zustand. In ein bis zwei Jahren kann man hier mit dem Formel 1 Wagen durchfahren.

    Wer der Meinung ist, dass es hier warm ist, täuscht sich gewaltig. Die Sonne braucht am Morgen ungefähr bis halb 11, bis sie den Dunst vertrieben hat. Bis dahin ist es saukalt. Warm ist es nur weiter Inlands, zwischen 2.000 und 2.500m Seehöhe, dort wo die Berge beginnen. Es ist heiß, wenn man steht. Befindet man sich in Bewegung, ist es empfindlich kalt. Noch kälter wird es, sobald man sich dem Meer nähert. Ich trage beim Fahren fast immer Pullover, Innenfutter und Gesichtsmaske.

    Nachdem ich in den letzten 7 Tagen so um die 3.000 km zurückgelegt habe, mache ich für drei Nächte Rast in La Serena.

    10.11.

    Guten Morgen. Es tut gut, mal nicht aufstehen zu müssen, um aufs Bike zu steigen. Und da es regnet, muss ich nicht mal nach einer Ausrede suchen. Das Hostel wir von Deutschen betrieben. Der Eigentümer erzählt mir später, dass es in den 18 Jahren, wo sie in Chile sind, im November noch nie geregnet hat.

    Danke fürs Lesen, Jürgen.Diesmal im Album:
    – endlose Straßen
    – Gesichter der Wüste
    – Verehrung der Toten
    – … und andere Sachen