Anfang Oktober 2015 waren 3 Freund und ich für 2 1/2 Wochen auf einer Tour durch Marokko.
Marokko, war ein neues Land auf meiner Liste. Es war KEIN Kulturtrip .. wir waren dort, um Motorrad zu fahren und wenn ging – Off-Road. Es war wieder mal ein großartiges Abenteuer mit einer fantastischen Gruppe. Ich hoffe ich kann euch ein wenig vom Alltag entführen und im Nachhinein auf diese Reise mitnehmen.

Die Teilnehmer (von links nach rechts):
Mein guter Freund Andi, den eifrige Leser schon von Südamerika kennen.
Ludwig (Wickerl) der Transporter und Guide. Zum sechsten Mal in Marokko, braucht kein Navi, kennt die Gegend auswendig und hat feine Strecken und Plätze im Gepäck.
Meine Wenigkeit, Jürgen.
Und ganz rechts Martin, ein guter Freund und Arbeitskollege von Andi.
Wer, NACH dem Lesen ;-), Lust aufs Mitfahren bekommt, besucht Ludwig und Andi auf http://moto2adv.com/, wo sie diese und andere Touren anbieten.
Sa. 10.10.
Heute machen wir uns in den Hohen Atlas auf, wo wir auch die nächsten drei Tage verbringen werden.
Wir bewegen uns in Regionen zwischen zwei bis zweieinhalb tausend Metern Seehöhe. Auf traumhaften Schotterstraßen gleiten wir dahin. In dieser weiten Landschaft wirken sie wie dünne Rinnsale und die einsamen Dörfer und Siedlungen sind kleine Pfützen in einem Meer aus Stein.

Kurz nach Mittag erreichen wir Tinghir. Wir essen im neuen modernen Stadtteil. Schon jetzt bin ich begeistert von dem, was ich sehe. Gedanklich nehme ich mir schon vor, nach dem Einchecken auf dem Campingplatz noch mal zurückzukommen. Nicht ahnend, dass eine prachtvolle Oase nur wenige hundert Meter weiter auf mich wartet.
Vom Campingplatz, der an einem Ende der Oase liegt, gehe ich bei sehr sommerlichen Temperaturen wieder ein paar Kilometer zurück zu einem Aussichtspunkt. Beinahe jeder, der vorbeikommt, bleibt hier stehen. Ein paar Kinder versuchen Datteln oder selbstgebastelte Figuren aus Blättern zu verkaufen. Manchmal sind sie leider so aufdringlich, dass man genervt wird.
Auf dem Rückweg steige ich hinab in die Oase. Ein komplett neues Erlebnis für mich. Noch nie zuvor bin ich durch eine Oase spaziert. Die hohen Palmen spenden einen angenehmen Schatten und die Temperatur ist merklich kühler. Durch die Oase führt ein, an manchen Stellen durchaus stark fließender Fluss, der die Lebensader der Oase darstellt. Davon werden kleinere Kanäle abgezweigt, welche in unterschiedliche Bereiche der Oase führen, davon gib es erneut weitere kleinere Abzweigungen, die der Bewässerung der Felder dienen.
Als Verkehrswege dienen ein paar breitere Hauptwege und jede Menge kleinere Pfade. Jedoch ist es nur möglich, sich zu Fuß oder auf einem lebenden Vehikel (Esel) durch die Oase zu bewegen.

Ich weiß, in welche Richtung ich muss, jedoch enden manche Pfade in einer Sackgasse und ich muss zweimal durch den Fluss. Einmal habe ich keine Ahnung, wie ich auf die andere Seite gelangen kann, da der Fluss sehr stark fließt. Ich laufe links und rechts das Ufer entlang und weiß nicht so recht. Was tut man in diesem Fall? Man läuft den Einheimischen hinterher! Mit nassen Hosenbeinen und den Schuhen in meiner Hand komme ich wieder zurück zum Camping Platz.
So. 11.10.
Der Tag beginnt mit der Fahrt durch die Todra Schlucht. Weltberühmt. Dann rüber über irgendeinen Pass. Auf der anderen Seite, nach Tamtatouchte, macht sich die Regierung keine Mühe mehr, die Straße zu erhalten. Deshalb fahren wir die nächsten 20 km und 3 Stunden nicht das Flussbett entlang, sondern im Flussbett. Eine Anstrengung für uns und die Maschinen. Geröll und Steine in allen Größen liegen im Weg. Der Schotter ist lose und die Spur, meist ist sie nur zu erahnen, teilt sich immer wieder auf und endet an unüberwindbaren Stellen. Oft, sehr oft, bleiben wir stehen, um den besten Pfad zu finden und müssen uns gegenseitig über schwierige Passagen helfen.

Andi plagt sich ganz besonders mit seinem großen schweren Motorrad. Noch dazu ist die Federung sehr hoch eingestellt und der extra große Tank trägt ein weiteres dazu bei, dass der Schwerpunkt sehr hoch liegt. An sehr unebenen Stellen gelangt er mit seinen Füßen kaum auf den Boden. Ab einer gewissen Neigung, die bei ihm ziemlich gering ist, kann er das Motorrad kaum noch halten, und ein paar Mal nicht mehr. Nachdem er zum vierten oder fünften Mal umgefallen ist, einen Finger verstaucht hat und ein Blinker abgebrochen ist, reagiert auch er ziemlich genervt.
Außer uns sind doch noch zwei andere Irre unterwegs. Ein Pärchen aus Italien mit einem Geländewagen versucht es von der anderen Seite her. Ein erfreulicher Zufall, wir haben die beiden nämlich bei der Einreise in Marokko bei den Grenzkontrollen getroffen.
Nach dieser sehr beschwerlichen Passage sind auch die Gemüter etwas erhitzt, wir verlieren uns dann auch noch kurzzeitig. Andi und ich sind beieinander und Martin und Ludwig. Am Rande der Daddes Schlucht, die ein wenig an den Grand Canyon erinnert, finden wir jedoch wieder zusammen. Wegen der fortgeschrittenen Zeit, verzichten wir auf die dortigen Serpentinen – auch weltberühmt – und machen uns auf den Weg Richtung Agoudal, wieder hoch in die Berge.

Es ist nicht mehr weit bis ans heutige Ziel, als mein Vorderreifen zu schwimmen beginnt. Die Luft geht aus. “Muss das jetzt wirklich noch sein, der Tag war anstrengend genug.” Ich halte an. Andi fährt vorerst mal vorne weg. Martin und Ludwig, hinter mir, stoppen ebenfalls. Am Reifen ist keine Beschädigung zu erkennen. Kein Nagel, kein Loch. Also Reifen ausbauen. Die extreme Beanspruchung vom Vormittag hat ihren Tribut gefordert. Der Schlauch ist am Ventil gerissen, somit auch nicht mehr reparierbar. Auf einer Tour wie dieser sind jedoch immer Ersatzschläuche dabei – hoffentlich. Schnell gesellen sich einheimische Kinder und Erwachsene zu uns und beobachten Ludwig und mich beim Werken. Martin und Andi, der zwischenzeitlich wieder zurückgekehrt ist, plaudern mit Händen und Füßen mit ihnen. Es dauert nicht lange und wir können wieder weiter. Die letzten Kilometer sind eine wahre Freude. Eine feste Schotterstraße, lange Kurven und eine traumhafte Berglandschaft. Aber das verstehen wohl am besten die Motorradfahrer. 😉
Ich erreiche Agoudal ein paar Minuten vor den anderen. Die Stadt hat eine ganz eigene Atmosphäre, rau, schroff, unwirsch und eine seltsame Wirkung auf mich. Die Gebäude einheitlich aus braunem Lehm, die Menschen, auch die jungen, gegerbt vom Wetter. Als ich auf der Suche nach der Herberge durch die Stadt fahre, springen die Kinder winkend sofort in Massen heran. Stehen bleiben möchte ich nicht, sonst wäre ich ohne Ausweg umringt. Die Herberge ist wie ein Fort, wo wir in den Innenhof geführt werden. Kaum ist der letzte drinnen, wird das große Tor hinter uns geschlossen. Es ist leider zu spät, um noch einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Gerne hätte ich ein wenig ergründet, woher diese eigene Atmosphäre kommt.
Mo. 12.10.
“Was für ein Sch…tag.” Das war meine emotionale Reaktion am Abend. Nun, so schlimm war es aber auch wieder nicht. Wir fahren zweifelsohne auf absolut wunderschönen Strecken. Nur führen diese heute ganzen Tag auf engen kurvigen (meist Schotter-) Straßen durch die Berge. Auf der einen Seite oft der Fels auf der anderen Seite ein steiler Abhang. Für jemanden wie mich, der mit Höhenangst kämpft, nicht gerade angenehm. Es macht mir ja nichts aus für 30, 40 vielleicht 50 km auf solchen Strecken zu fahren – langsam und so nahe wie möglich am Berg. Zu meinem Glück sind auf Strecken dieser Art fast keine anderen Fahrzeuge unterwegs. Aber ganzen Tag angespannt durch die Gegend zu schleichen war mir dann etwas zu mühsam, und die anderen drei müssen ständig auf mich warten, und verletzt habe ich mich auch.

Von Agoudal fahren wir nach Anergui (das Anergui von dreien, das am nähesten zu Imilchil liegt und auf keiner Karte eingezeichnet ist). Vor unserer Abfahrt aus Agoudal erzählt uns einer der Betreiber in der Auberge, dass von Anergui eine wunderschöne Straße durch eine Schlucht entlang eines Flusses geht, die seit fünf Jahren das erste Mal offen ist. So wie er das erzählt, hört sich das ja sehr gut an. ”Fahren wir!”
Anergui liegt ja schon ziemlich am Arsch der Welt, mittendrinnen in einem Tal, umgeben von Bergen. Ein Einheimischer hält uns an, spricht ein wenig Englisch. Wir plaudern eine Weile mit ihm. Er sagt, mit dem Motorrad kann man die Strecke fahren, mit einem Auto nicht.
Wir haben die gestrige anstrengende Fluss-Fahrt noch nicht ganz verdaut und schon auf den ersten zwei-drei Kilometern geht es wieder los. Steile Passagen mit tiefem losem Schotter, der Weg kaum fünf Meter breit. Mal sind wir auf einer Höhe mit dem Fluss, mal geht der Weg auch 15, 20, 25 m hinauf. “Wer übernimmt die Führungsposition?” Die Aufgabe des Kundschafters, der Person, die sich zuerst in das Gefahrengebiet wagt? Den Job, den heute keiner so richtig machen will, weil die gestrige Fahrt noch in den Knochen steckt.
Zuerst bin ich an der Spitze. Aber ich bleibe immer wieder stehen, um zu fotografieren, so fährt Martin vorne weg. An einer Passage mit tieferem Schotter höre ich ein unübliches schleifendes Geräusch. Ich bleibe stehen, drehe mich, auf dem Motorrad sitzend, um und sehe nach, ob ich etwas erkennen kann – tue ich nicht. Ich steige jedoch nicht ab – ein großer Fehler. Da ich offensichtlich nichts entdecke, fahre ich weiter. Nach ein paar Metern schlingert plötzlich das Motorrad. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt auf diesem Abschnitt. Die Straße schmal, kein Geländer, weit unten links der Fluss. Ich weiß nicht mal, wie ich reagiere, Panik schwingt auf jeden Fall mit. Kupplung ziehen, weg vom Gas. Zumindest versuche ich das Motorrad Richtung Felsen zu bringen, dort knalle ich mal mit meinem rechten Koffer dagegen. Danach lasse ich mich nach links fallen. Unglücklich liege ich auf dem Bauch. Mein linkes Bein ist verdreht unter dem Koffer eingeklemmt. Ich kann mich nicht bewegen, der Fuß schmerzt. Andi ist hinter mir. Ich schreie laut “Schnell Andi, hilf mir!”. Er kommt angelaufen. Andi hebt das Motorrad an, damit ich meinen Fuß herausziehen kann. Ludwig kommt unterdessen auch schon nach.

Mir ist der Steinschutz am Hinterreifen, der bloß aus Plastik und für Off-Road Fahrten nicht geeignet ist, an einer Stelle abgebrochen und dürfte ungünstig in das Hinterrad gelangt sein. Das gleiche ist mir auch schon in Südamerika mit meinem anderen Motorrad passiert. Dort hat es den Steinschutz aber einfach weggeschleudert. Gemeinsam schieben wir das Motorrad den Hügel hinab an einen schattigen Platz, wo wir das, was noch dranhängt, abschrauben und ich klopfe mal wieder meine Koffer mit einem Stein gerade.
Kurz darauf kommen uns zwei andere Motorradfahrer entgegen. Wir bleiben stehen und unterhalten uns. Sie sind aus Norwegen, zu viert unterwegs und erzählen, dass die beiden andern ein paar Kilometer weiter stehen. Bei einem von ihnen ist die Felge kaputt. Sie müssen ein Transportmittel organisieren.
Es dauert nicht lange, als wir Martin an der Seite stehen sehen. Martin ist dabei einen seiner Koffer am Motorrad festzuschnallen. Er hat eine Kurve zu eng genommen, ist mit seinem Koffer gegen einen liegenden Baumstamm geknallt und hat ihn, samt stabilen Kofferträger, ziemlich verbogen. Muss ein ordentlicher Rums gewesen sein.
Dafür, dass wir noch nicht mal 10 von etwa 30 Kilometern hinter uns haben, war schon ordentlich was los.
Wir treffen auf die beiden anderen Norweger. Die Felge von einem der Beiden ist mit einer großen Delle gerissen. Als er uns erzählt und zeigt, wie es zu diesem Schaden gekommen ist, denke ich nur: “Ziemlich optimistisch auf dieser Strecke und besonders an dieser Stelle eine Kurve zu schneiden.”

Auf den letzten 20km warten zum Glück keine weiteren Hindernisse auf uns und ich bin einigermaßen froh, als wir aus dieser Schlucht raus sind.
Damit ist der Tag aber noch nicht vorbei. Die Straßen sind zwar weitaus besser und zum Großteil auch asphaltiert. Jedoch sind sie weiterhin in steile Abhänge gebaut. Es wird saukalt, Nebel zieht auf, teilweise regnet es und der Verkehr wird stärker. Meine gute Stimmung ist längst dahin.
So erreichen wir erst in der Dunkelheit Ouzoud, wo wir auf einem Campingplatz einchecken. Dieser wird von Niederländern geführt (Niederländer verstehen was von Camping, der Platz ist 1A).
Mein Fuß schmerzt. Zum Zelt aufstellen habe ich absolut keine Lust und das Zimmer kostet nur 20 EUR. Martin und ich teilen uns dieses Vergnügen. Ich humple bloß noch zur Dusche und danach gleich ins Bett.
Auch hier in Ouzoud sind sehr wenige Touristen. Üblicherweise ist Oktober noch Hochsaison. Der Hostel-Betreiber in Agoudal hat tags zuvor erzählt: wegen der allgemeinen Situation und diverser Anschläge auf Touristen in anderen islamischen Ländern bekommen auch sie das zu spüren. Etwas enttäuscht sagt er: Marokko ist sicher. Was meine Erfahrung betrifft, kann ich dem nur zustimmen. Ich habe mich nicht einmal unsicher oder in Gefahr gefühlt, nur einmal, ganz kurz etwas unwohl und zwar morgen in Marrakesch.
Di. 13.10
Bereits in der Nacht hat es zu regnen begonnen. Unser Zimmer ist groß und es wäre auch genug Platz gewesen, um Andi und Ludwig unterzubringen, die draußen im Zelt schlafen. Aber wer denkt schon an so etwas, wenn man mitten in der Nacht mal kurz wach wird.
Es ist merklich kälter auf der westlichen Seite des Atlas Gebirges und das Wetter ist unbeständiger. Nach einem sehr, sehr kurzen Besuch der Wasserfälle in Ouzoud, sind wir – schwuppdiwupp (ich bin ziemlich überrascht, dass die automatische Rechtschreibprüfung dieses Wort kennt) – auch schon in Marrakesch.
Unser Lager schlagen wir auf einem Campingplatz etwas außerhalb der Stadt auf. Es ist wieder brennend heiß und wir können unsere Sachen in der Sonne trocknen. Das erste Mal seit 10 Tagen gibt es Bier. Genüsslich rinnt es unsere Kehlen hinunter – womit wir wieder bei den Gesellschaftsdrogen sind.

Abends fahren wir mit dem Taxi in das Zentrum. Nahe der Moschee Koutoubia befindet sich “La Place” – ein riesiger Platz. Menschenmassen aus allen Teilen der Welt bewegen sich hier. Nähert man sich dem Platz von der Moschee her, ist es zuerst eine lange Reihe Fiaker die auf Gäste warten. Danach sind es Gaukler und Musiker, die die Leute unterhalten, oder, meist mit ausländischen Touristen, Trommel- oder andere Musikworkshops veranstalten. Dann sind die Imbiss- oder Eß-Stände, mittig, viele nebeneinander und in mehreren Reihen, angeordnet. Rundherum gibt es noch diverse Stände an denen man Früchte, Süßigkeiten, Souvenirs oder anderes Zeug kaufen kann. Umrahmt ist “La Place” von vielen Restaurants, Cafés und Hotels. Gassen führen dann in den Souk.
Essen ist unser erstes Ziel. In der Regel arbeiten, je nach Größe, 4 – 6 Personen an einem Eß-Stand, 1-2 Köche und 3-4 “Kellner”. Es wird um jeden Gast gekämpft. Laut schreiend wird versucht, absolut jeden – egal welcher Herkunft, Hautfarbe und Alter – zum Niedersetzen zu bewegen. Die möglichen Gäste werden eingeklatscht und es folgt ein lautes “Hurra!” sobald man sitzt. Wir schlagen uns die Bäuche mit allerlei Spezialitäten voll, für die man hier allerdings auch ungefähr den dreifachen Preis, als anderswo im Land bezahlt.
Danach spazieren wir durch den Souk. Dieser ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Labyrinth aus Gassen und Straßen. Die Häuser haben maximal 3, 4 Stockwerke. Der fehlende Ausblick auf markante Punkte lässt eine Orientierung kaum zu. Wir verirren uns unweigerlich.
Abseits des Trubels des Hauptplatzes haben die Geschäfte bereits geschlossen. Wir spazieren durch wenig erleuchtete Gassen. Hie und da lehnen 2, 3 Personen in einem Hauseingang und sehen uns verwundert an. Ich zücke mein Smartphone und starte eine Karten-App. Doch in den engen Gassen ist kaum ein GPS Signal zu bekommen.
An einer der Hausecken lehnt lässig ein junger Bursche und sieht in sein Mobiltelefon. Erkennbar, dass wir verloren sind, spricht er uns nett an: “Der Souk kann ziemlich verwirrend für Touristen sein. Ich zeige euch wie man wieder rauskommt. Folgt mir!” Er zeigt an eine Hauswand auf der mit Kreide ein Pfeil und die Worte “La Place” gezeichnet sind. Wir biegen das erste Mal rechts ab. Mit schnellen Schritten, fast ein wenig laufend geht er voran. Das gefällt mir nicht. Ich versuche das Tempo etwas zu drosseln. Wenn ich laufen muss kann ich mich überhaupt nicht mehr orientieren. Für ihn sind wir zu langsam, er ist immer ein paar Schritte voraus, immer wieder dreht er sich um. Wir spazieren durch die engen Gassen. Sind wir zuvor noch im Marktgebiet gewesen, befinden wir uns jetzt im Wohngebiet. Wir biegen das zweite Mal rechts ab. Hin und wieder ist ein Pfeil und “La Place” an eine Wand gekritzelt. “So weit waren wir bestimmt nicht von einer Hauptader entfernt.” Es wird klar, hier stimmt was nicht. Ich packe meinen Fotoapparat, den ich noch in der Hand halte, in die Hosentasche, damit ich notfalls beide Hände frei habe – wer weiß, wohin wir geführt werden. Wir biegen nochmal rechts ab. Die Innenstadt von Marrakesch ist zwar kein Schachbrett, die Gassen gehen nicht nur gerade aus sondern sind auch gebogen, aber man kann sich vorstellen, wohin man ungefähr gelangt, wenn man dreimal rechts abbiegt.

Der Junge bleibt stehen und zeigt: “Da links ums Eck gelangt ihr wieder zurück auf den Hauptplatz. … Für meine Dienste könntet ihr mir eine kleine Zuwendung geben?” Bloß in Gedanken: “Wofür denn? Dass du uns im Kreis geführt hast?” Wir kramen in unseren Taschen nach Münzen. Er versucht uns dann noch zu verwirren indem er uns erklärt, dass die 10 Dirham, statt ca. 1 EUR nur 10 Cent wert sind. 30 Dirham waren für dieses Erlebnis weitaus zu viel bezahlt.
© 2024 j-bauer.at